Eckart von Hirschhausen schreibt einen Brief an Martin Luther

Lieber Martin Luther,
Eckart von Hirschhausen Reformation

Patrick Desbrosses

Fast wie auf dem Cover von „Abbey Road“ der Beatles: Eckart von Hirschhausen geht – wie sonst? – in die entgegengesetzte Richtung

Martin Luther, ­der Reformator, war ein begnadeter Redner und fleißiger Briefeschreiber. Höchste Zeit, dass der jetzt mal Post von Eckart von Hirschhausen erhält

darf ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Eckart von Hirschhausen, ich bin Arzt. Von unserem Berufsstand hast Du nie viel gehalten, das weiß ich: „Schlecht ist einer dran, wenn er auf ärztliche Hilfe ange­wiesen ist.“ Noch schlechter hast Du ­eigentlich nur über Theologen geredet. Und Juristen. Gut, dass Du keiner ge­worden bist, so wie Dein Vater das wollte.

Eckart von Hirschhausen

Eckart von Hirschhausen, Jahrgang 1967, studierte Medizin und Wissenschafts-Journalismus. Seit über 15 Jahren ist der promovierte Arzt ­ als Komiker, Autor und Moderator unterwegs. Mit seiner Stiftung "Humor hilft heilen" will er helfen, die Stimmung in Krankenhäusern aufzuhellen. Hirschhausen ist Protes­tant und mit einer Katholikin verheiratet. 2017 war er Botschafter für das Reformationsjubiläum.
Ich mag Deine Idee, dass, was die ­Menschen angeht, auch für Menschen verständlich sein soll. Du hast das Kirchenlatein übersetzt und warst mir damit ein Vorbild, dies mit dem Ärztelatein Dir gleichzutun. Du warst Wegbereiter für die innere Freiheit, für Bildung und den Mut, sich für seine Meinung einzusetzen. Wir brauchen Dich mal wieder auf der Erde! Mensch, Martin, hat Dich eigentlich jemand zu den Reformationsfeierlichkeiten 2017 eingeladen? Oder wurde das in der Hektik vergessen? Ich wüsste gerne, was Du uns heute zu sagen hättest. Vielleicht ­gäbe es auch noch einen Platz für Dich als Reformationsbotschafter, das würde vielleicht gar nicht auffallen.

Was Du damals nicht wissen konntest: Inzwischen haben die Ärzte viele Auf­gaben der Theologen übernommen. Was man zu Deiner Zeit noch mit Gott und dem Pfarrer ausgemacht hat, verhandelt man heute mit seinem Palliativmediziner und der Krankenkasse. Du warst Vorreiter der Aufklärung und der wissenschaft­lichen Revolution, was die Heilkünste ­enorm nach vorne gebracht hat. Allerdings ging auf dem Weg der Geist verloren, ­sogar in den konfessionellen Kranken­häusern.

Heute lauert der Teufel hinter jeder Darmwindung

Der Mammon hat die Medizin voll im Griff. Ein Hospital war ja mal gedacht vom Wort her als ein Ort für Gäste. Und die Bezeichnung „Charité“ für das größte Krankenhaus Europas kommt ja nicht von „Shareholder Value“, sondern von ­Caritas, der Nächstenliebe. Dass Mitgefühl, Zuwendung und Hoffnung der Kern der abendländischen Medizin waren, weiß heute kaum einer mehr, und es kommt in den „Fallpauschalen“ auch nicht vor. Das Wort kannst Du nicht kennen, es ist der Ablasshandel der Mediziner mit den Kassen und führt zu ähnlichem Unsinn an Fehlanreizen wie zu Deiner Zeit. Und wie damals sind die Leidtragenden die Menschen, über deren Köpfe hinweg Dinge entschieden werden, die sie angehen.

Wie ich gerade durch den Kirchengeschichtler Volker Leppin lernen durfte, ist das mit Deinem Anschlag ja gar nicht so wahnsinnig gut belegt. Und Du warst ja auch Kind Deiner Zeit und tief verankert in der mittelalterlichen Mystik, hattest also einen Sinn für das Unsagbare und die Kraft der Stille, während wir Dich nur kennen als den Mann der starken Worte: „Die Ärzte sind unseres Herrgotts Menschenflicker.“ Das klingt wie der Witz: Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem Chirurgen? Gott hält sich nicht für einen Chirurgen.

Lieber Heinrich, ich habe da ein paar Fragen.... Eckart von Hirschhausen interviewt Heinrich Bedford-Strohm


Noch ein Wort, das viele von Dir kennen: "Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz!“ Heute traut sich keiner mehr, über so einen Spruch zu lachen, weil jeder Angst hat, einer in der Runde könnte gerade „Laktoseintoleranz“ an sich entdeckt haben. Mit Laktoseintoleranten muss man sehr tolerant sein! Und auf jeden, der das hat, kommen zehn, die sich die einreden lassen. Dafür blüht der Ablasshandel mit Weglass-Lebensmitteln: ohne Gluten, ohne Zucker, ohne Fett und ohne Freude! Denn der perfekte schlanke Körper ist den Menschen zum Götzen geworden.

Sie kaufen sich alles, auf dem „Vitamine und Anti­oxidantien“ draufsteht, weil sie sich erhoffen, damit die Kalorien im Fegefeuer schneller zu verbrennen und den Teufel von Sahnetorten und geteerten Lungen zu vertreiben. Sie machen „Detox-Kuren“ und machen Einläufe mit Kaffee, weil sie den Satan hinter jeder Darmwindung wittern. Immer weniger Deutsche glauben an Gott. Ich hoffe, es beruht nicht auf Gegenseitigkeit.

Stehen Wunder nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft?

Hast Du das damals wirklich gemeint? Hast Du das gewollt? Du wolltest das ­Geschäft mit der Angst vertreiben. Als Du merktest, dass in Deiner Abwesenheit Deine Mitstreiter alle Bilder entfernten und die Liturgie umkrempelten und die Menschen im Gottesdienst gegen sich aufbrachten, hast Du die Wartburg verlassen und sie mit einer Predigt wieder beruhigt: „Brauchen nicht alle Menschen eine Kindheit, in der sie liebevoll von der Mutter mit weicher Nahrung aufgezogen werden? Verlangt denn eine Mutter von ihren Kindern, dass sie sofort erwachsen werden müssen?“ Den Wittenbergern alles Ge­wohnte zu entziehen wäre Dir „lieblos“ und daher unchristlich und auch sinn­los vorgekommen.

Früher war es irgendwie einfacher. Da haben die Menschen an Wunder geglaubt und fertig. Zum Beispiel daran, dass Jesus über Wasser laufen konnte. Und heute? Stehen Wunder nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft? Die Festkörperphysik sagt: Jeder Mensch kann über Wasser laufen – entscheidend ist die Außentemperatur.  

Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen. Und je nüchterner und wortkarger die Ärzte daherkommen, desto mehr treiben sie die Menschen dorthin, wo mehr gesprochen, mehr versprochen und mehr berührt wird: in den ganzen schillernden Bereich der Alternativmedizin.

Der Meister fragte nicht: Bist du denn krankenversichert?

Und so ergeht es auch Deiner evangelischen Kirche: Je nüchterner und abstrakter die Protestanten daherkommen, desto weniger fühlen Menschen sich da in all ihren Nöten verstanden und aufgehoben. Sie stimmen mit den Füßen ab und gehen mit ihrer Frömmigkeit lieber zur Irisdiagnostik, weil ihnen da jemand in die Augen schaut, oder zum Homöopathen, weil sie da ganzheitlich gesehen werden. Und dass die Alternativmedizin ein Religionsersatz ist, merkst Du spätestens, wenn Du mal ihre Wirksamkeitsnachweise hinterfragst.

Sag mal bei einem gemütlichen Abendessen ­unter Freunden, dass Homöopathie auf einer sehr guten Kombination psychologischer Prinzipien beruht und nicht auf den Kügelchen, dann schicken die Dich so humorlos in die Verbannung wie Dich damals auf die Wartburg. Die Menschen suchen mehrheitlich heute weder ihr ­Seelenheil in der Kirche noch ihr körperliches Heil in der Medizin. Die Reformation des Herzens – am inwendigen Menschen –, damit hast Du doch nicht die Herzkatheter-untersuchung gemeint. So wie Du zu Recht gegen Ablass und Aberglauben gekämpft hast, haben Deine Mitstreiter und Nachfolger vergessen, dass dahinter ein legitimes Bedürfnis nach Verzauberung steckte. Und nach sozialer Unterstützung.

Im Markusevangelium wird erzählt, dass Jesus in Kapernaum in einem Haus predigt und so viele zuhören wollen, dass kein Platz ist, auch nicht draußen vor der Tür. Ein Gelähmter wird von vier anderen auf einem Bett angeschleppt, und da sie ihn nicht zu Jesus bringen können, steigen sie Jesus buchstäblich aufs Dach. Sie machen ein Loch und lassen das Bett hinunter, auf dem der Gelähmte liegt. Als nun Jesus ihren Glauben sieht, spricht er „zu dem ­Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen...“ Ich stell mir das gerade in einer Kassenarztpraxis vor, wenn ein gesetzlich Versicherter über Wochen keinen Termin bekommt und dann den Doktor überrascht, weil er mit seinen Kumpels durch die Decke kommt. Dann schaut der Arzt mal auf und die Freunde sind im wahrsten Sinne herablassend.

Jesus erkennt als Erstes den Glauben der Helfer an, nicht mal den des Kranken. Damit drückt er aus, dass jemand, der von vier Seiten so tatkräftige Unterstützung hat, die besten Voraussetzungen mitbringt, wieder gesund zu werden. Der Meister fragt nicht, wie das passiert ist, wie der Patient versichert ist, noch nicht einmal, wie er sich fühlt. Er spricht einen Satz, der Kranke steht auf und geht mit seinem Bett nach Hause.

Wo hat körperliches Leid noch einen Platz in der Amtskirche?

Du, Martin, warst offenbar ein Naturtalent der Verkündigung, glaubhaft, weil Du ein „wounded healer“ warst, wie die Schamanen das nennen. Du hattest selber Krankheiten und Krisen durchgemacht und konntest deshalb anderen von Deiner Erfahrung etwas mitgeben. Aber wo hat körperliches Leid noch einen Platz in der Amtskirche?

Mein Nachbar André ist ein echtes Vorbild für mich. Er hat Darmkrebs, dabei ist er erst Mitte 30. André hat alles getan für seine Heilung, er kombiniert die wissen­schaftliche Medizin – Operation, Chemotherapie und Bestrahlung – mit allem, was er sonst noch für sich als günstig heraus­gefunden hat. Ich habe ihn einmal begleitet zu einem Heilungsgottesdienst in der Eifel, wo ich erlebte, wie eine Gemeinschaft einen positiv tragen kann. Jeder durfte einen Zettel ausfüllen mit seinem Anliegen. Allein die Tatsache, dass jeder für sich formuliert, wofür man sich Hilfe wünscht, ist schon eine Hilfe. Die Körbe mit den vielen Wünschen standen vor dem Altar, zusammen mit vielen Kerzen. Es wurde viel gesungen und gebetet.

Ein echter Gänsehautmoment war, als jeder erst seine Hände auf das eigene Herz legte und dann die Handflächen nach außen drehte, um allen anderen im Raum etwas Gutes zu wünschen. Insgeheim fragte ich mich natürlich, warum man über Hunderte Kilometer in die Pampa fahren muss, um so einen Gottesdienst zu erleben, wenn es im Umkreis von fünf Kilometern fünf Gemeinden gibt. Natürlich ist es unseriös zu sagen: Bete und alles wird wieder gut. Noch schlimmer ist: Du bist krank ge­worden, weil Du nicht gebetet hast. Aber es muss doch eine Form geben, die verantwortlich und fürsorglich ist!

Von der Kanzel wird vorgelesen, wer gestorben ist. Für wen ist das wichtig? ­Wäre es nicht wichtiger zu sagen, wer krank geworden ist, wer sich über Besuch be­sonders freut, wer um Beistand bittet? Dafür gibt es doch Gemeinde, und jemanden, der drei Türen weiter wohnt. VOR der Bestattung füreinander da zu sein ist logistisch und menschlich naheliegender.

Kein Wunder für den, der sich nicht wundern kann

So wie Du das Priestertum aller Gläubigen begründet hast, gibt es auch ein „Heilertum“ aller Gläubigen, nicht als Aufforderung zur Selbstüberschätzung, aber wir haben alle „heilende Hände“, wenn wir anpacken, jemandem die Hand halten oder auf die Schulter klopfen.

Vielleicht ist Dein großes Jubiläum ja ein guter Moment, eine kleine „Gegenreformation“ zu starten: zu mehr Mit­einander und Füreinander, mehr Sinnlichkeit und Körperlichkeit in der Kirche und mehr Ekstase und unbändiger Freude am Leben. Ja, wir werden alle eines Tages sterben. Aber an allen anderen Tagen eben nicht! Und wenn es eine frohe Botschaft gibt, sollte man das den Menschen, die sich auf sie berufen, auch anmerken, oder?

Es gibt kein Wunder für den, der sich nicht wundern kann. Vielleicht ist das ganze Leben wie eine Wunderkerze – es brennt ab, so oder so – wundern müssen wir uns selber.

Bin gespannt auf Deine Antwort, Du weißt ja, wie Du Menschen erreichst ;-)

Dein Eckart von Hirschhausen

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr von Hirschhausen, den Brief an Martin Luther fand ich fast bis zum Schluss gelungen und auch die Botschaft Ihres Programms, dass Mitmenschlichkeit oft mehr wirkt als teuere Medikamente und wir mehr auf uns und Andere achten sollen, finde ich richtig.
Aber dann kam der Satz "Von der Kanzel wird vorgelesen, wer gestorben ist. Für wen ist das wichtig?" - Für mich! Für die Angehörigen der Verstorbenen!!
Wer in einer evangelischen Kirche denkt, dass man vielleicht noch Messen oder Ablassbriefe für Verstorbene braucht, hat die Anliegen Martin Luthers nicht verstanden. Aber das war mit der Aussage auch nicht gemeint, denke ich. Nur frage ich mich, warum Sie dann diese Frage aufwerfen.
Wenn ein lieber Mensch gestorben ist, verschwindet er mit der Zeit aus dem Leben der Anderen. Nur in den Herzen der Lieben bleibt ein Mensch. Und diesen "Hinterbliebenen" geht es manchmal genau so schlecht wie körperlich oder sonst seelisch Kranken. Und dann sagt man Ihnen. "die Zeit heilt alle Wunden", "wird schon wieder" "bla bla bla".
Es gibt Dinge die nicht wieder werden, auch wenn die Zeit vergeht. Manches verändert sich und tut manchmal auch nicht mehr so weh, aber eben nur manchmal. In dieser oft tristen Novemberzeit tut es diesen Jammerlappen dann gut, wenn der Name eines Menschen den sie vermissen, laut in einer Kirche genannt wird. In manchen Gottesdiensten wird auf Wunsch auch nach mehreren Jahren so erinnert. Auch ganz ohne Rezept und ohne Stöhnen, wie lange sollen wir noch dran denken. Das tut gut, auch wenn es nichts zum Lachen ist. Lachen können nämlich auch entstehen wenn viele Tränen fließen, und das wirkt auch wie Medizin.
Herzliche Grüße von Angelika

Der Artikel von Eckart von Hirschhausen war genial. Ich habe mich sehr amüsiert. Seine Sicht auf unser Gesundheitssystem war komisch, doch leider wahr.

Eine begeisterte Leserin

Gisela Pfeil

Oberursel

Der Brief, den Eckart von Hirschhausen an Martin Luther geschrieben hat, ist brillant. Schon die Idee mit dem Brief ist außergewöhnlich. Von Hirschhausen benutzt eine einfache Sprache. Humor und Ernsthaftigkeit wechseln sich lebhaft ab. Der Autor zeigt, dass er sich im Leben von Luther und in der Bibel ebenso gut auskennt, wie in seinem Beruf als Arzt. Die Vergleiche sind lustig, manchmal aufregend gut und sehr treffend. Selten hat mich ein Zeitschriftenbeitrag so begeistert, wie der Brief an den lieben Martin Luther. Als Leser im Land der Reformation hebe ich die Seiten aus chrismon auf. Ich werde im Reformationsjahr viel Gelegenheit haben, von dem Brief zu erzählen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Stein,

Lieber Eckart von Hirschhausen,

Sie haben einen Brief an Martin Luther geschrieben; hat er Ihnen geantwortet? Ich möchte Ihnen antworten, weil Sie etwas Wichtiges ausgelassen haben.

Jesus sagt nicht als erstes zu dem Gelähmten: "Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!", sondern: "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben".  Wir können heute nichts mehr mit dem Sündenbegriff anfangen; haben Sie deshalb diesen Satz unterschlagen? Dabei ist es ein wichtiger Therapieschritt: Jesus heilt zuerst den "inneren" und dann den "äußeren" Menschen. Er fragt den Kranken "nicht, wie er sich fühlt"? 

Nein, denn das weiß er: es war damals die allgemeine Auffassung, dass Krankheit eine Strafe Gottes für die Sünde sei. Inzwischen weiß die Medizin, wie eng verflochten Körper und Seele sind und dass sie sich gegenseitig beeinflussen. Martin Luthers Leben ist dafür ein Beispiel. Jesus wusste das schon vor 2000 Jahren.

Christine Harder

Hervorragender Brief. Das Ärgernis sind auch die Verständnis-Wunden, die Sprach-, Begriffs-, bzw. Inhaltsvirtuosen in die Bibel geschlagen haben. Im Bemü¬hen, die Gläubigen mit wunderschönen Redewendungen zu bedienen, hat sich im Laufe der Zeit eine spezielle Religi¬onssprache entwickelt, die mit der normalen Sprache und deren Inhalte wahrlich nichts mehr zu tun hat. Unverdrossen zu versuchen, die Fanfaren von Jerichow zu blasen, obwohl die Instru¬mente nicht mehr taugen, endet im allgemeinen Unverständnis. Mit cremig/religiösen Phrasen eines speziellen Weihrauch-Wortschatzes irdische Ansprüche zu er¬füllen, ist vergeblich. Das Ergebnis sind dann bis zur Beliebigkeit unendliche Interpretati¬onen dessen, was andere glauben sollen. So hört die Glaubwürdigkeit auf, bevor sie begonnen hat. Es ist das alte Dilemma dieser Vorprägung, die häufig religiöse Diskussionen mit dem Gewohnheitssprech dominiert. Das alles erinnert doch stark an isolierte Minderheiten, die in ihren Idealismusinseln und Kirchen-Burgen eine eigene Sprache pflegen, die außerhalb der Mauern möglichst Wenige verstehen können und sollen. Mit den Redewendungen wird häufig nur eine substanzlose Wohlfühlatmosphäre entwickelt, die nicht mal eine imaginäre Sicherheit bieten kann. Insofern erfüllen die ev. Insidersprache und das Latein im Katholizismus die gleiche Funktion.Es gibt eine überraschend sprachliche Parallele zur Modernen Kunst und zur Sprache des Feuilletons. Denn auf den Vernissagen und in den Rezensionen das gleiche Bild und Erlebnis. Auch dort wird eine Insidersprache gepflegt, die in der Gemeinschaft der „Wissenden“ ein gemeinsames Verständnis sugge¬riert. Dennoch sind sie nicht in der Lage, die vermuteten Inhalte zweifelsfrei Einsteigern plausibel zu machen. Damit wird die eigene Überzeu-gung solitär/elitär. Mit diesem „edlen“ Bewusstseinszustand lebt es sich in den inneren Zirkeln der „Eingeweihten“ unangefochten moderat.

Sehr geehrter Herr von Hirschhausen,

ein wunderbarer Brief. Alles ist da: Etwas zum nachdenken, zu traurigsein und zum lachen.

DANKE.

Ihre Sabine Frerichs

Hallo Eckhard.

Vielen Dank für die vielen Komplimente. Dem war schon des Guten zu viel. Eigentlich bin ich ja ein Terrorist, immerhin hab ich einen Kirchenanschlag gemacht. Jedenfalls kann man das so sehen.

Zu deiner Frage: Ich wurde nicht eingeladen. Jesus übrigens auch nicht. Und die Liste ist lang.

Mal ehrlich, in einer Zeit, wo mehr übereinander als miteinander gesprochen wird, wundert dich das?

Das ist wie mit einem Smartphone. Komplexe Technik und gut, wenn man das Handbuch gelesen hat. Wie soll man auch alle Funktionen kennen, bei so vielen Möglichkeiten? Aber so wenig, wie diese Bedienungsanleitungen, wird die Anleitung Gottes gelesen. Zu lang, zu schwer, man probiert sich lieber aus. Und wenn's nicht funktioniert, sind die Leute gleich enttäuscht und geben auf.

Unter uns: ich bin auf dem Reformationstag genauso passend, wie du auf einem Ärztekongress. Du kannst es zwar, erkennst aber die Schwächen des Systems und bist damit schon wieder out. Genauso wie Jesus, die Apostel und auch ich.

Also, was sich Stress machen. Wir feiern einfach Party und freuen uns an den guten Dingen. Lachen ist eben auch eine gute Medizin. Als Abschied erinnere ich dich an ein Lied: "From a distance", gesungen von einer Bette Middler. Und ganz ehrlich, wenn man die Sache mit genug Abstand betrachtet, ist es doch ganz ok. Sie sind so jung, sie müssen eben noch lernen.

Deine Erklärungen find ich übrigens sehr verständlich. Supranasal hast du definitiv genug Synapsen.

Es grüßt dich

M.

Heilung ist Lösung und Lösung geht kinderleicht. Wir können aber nur erwachsenenschwer. Darauf sind wir getrimmt. Mit Suggestivwirkung. Die schaut aber keiner an. Darum wirkt sie ständig ungehindert - egal, in welche Richtung wir oder andere uns damit in Bewegung gesetzt haben.
Ich bin jetzt wieder ein paar Sonntage als Organist in der Kirche gesessen. Mit dem Kyrie geht es los: "Herr, erbarme dich!" Gott überhört so etwas nicht. Er antwortet: "Ok, ich erbarme mich." Das will aber offensichtlich keiner hören. Am nächsten Sonntag wieder: "Herr, erbarme dich!" Gott: "Ich hab mich doch schon letzte Woche erbarmt." Das interessiert aber wieder keinen. Nächster Sonntag: "Herr, erbarme dich!" Irgendwann läuft der Himmelvater nur noch händeringend auf der Wolke auf und ab: "Ich kann machen, was ich will, sie hören nicht. Sie kurbeln jeden Sonntag dasselbe Theater ab!"
Wollen wir Gott in den Wahnsinn treiben???
Seit 40 Jahren praktiziere, lehre, publiziere ich AUTOSUGGESTION in COUÉ-Qualität. Das ist DAS Glauben (die Praxis) und etwas ganz anderes als DER Glaube (die Theorie). Was macht denn der Herr Pfarrer, wenn sie einer Mutter das Kind totgefahren haben und sie ihm sagt: "Ich kann nicht mehr glauben."? Stellt sich dann nicht regelmäßig heraus, dass der Herr Pfarrer es selbst noch nie konnte?
Ich habe mal zwei Tage Priesterausbildung mit Autosuggestion = DAS Glauben gemacht. Da war ein Kaplan dabei mit einem Hörgerät, der glaubte, Gott strafe ihn. Wir hatten bei einem Spaziergang im Park ein gutes Gespräch. Ich sagte ihm, Gott wolle ihm sicher nur zeigen, dass er besser hinhören solle. Er lachte und hörte ganz gut, glaubte aber das ginge im Saal, wo alle durcheinanderreden nicht. Am nächsten Tag zu Mittag ließ er mich froh wissen, dass er das Hörgerät nicht mehr gebraucht habe.
GLAUBEN heißt sich selbst, seinen Kräften und ihrer Güte treu bleiben.
Ich bin, wiewohl wir uns noch nie begegnet waren, von Anfang an und grundsätzlich seinen Kräften treu geblieben und habe für sie gesprochen und ZEUGnis abgelegt. Das hat sie gestärkt, stark genug, ihn in sein Heil zu ZIEHen.
DAS wäre meines Erachtens auch die Aufgabe des Priesters (und von uns allen). Wenn wir statt der Bibelinterpretation dann die FROHE BOTSCHAFT über so ein kleines GOTTESERLEBNIS zu hören bekämen, gingen wir ganz anders aus der Kirche nach Hause und nächstes Mal hin.
Sind wir alle zu feige, für Gott auch mal was Praktisches zu tun?
Franz Josef Neffe