Kirchenkünstler mit Behinderung

Der mächtige Jesus des Julius Bockelt
Julius Bockelt und sein Jesus aus Holz

Elena Osmann

Julius Bockelt wollte einen Jesus gestalten, der für die Freiheit des Menschen steht – einen ohne Wundmale

Eine Atelier für Künstler mit Behinderung bekam den Auftrag, die Marienkirche des Sankt Vincenzstiftes Aulhausen bei Rüdesheim zu gestalten. Eine große Chance für das Atelier. Und für die Künstler eine ungewohnte Herausforderung

An einem sonnigen Herbstmorgen sieht ­Julius Bockelt zum ersten Mal sein Kunstwerk: an genau dem Ort, für den er es geschaffen hat. Bockelt, 29, Vollbart, hohe ­Stirn, arbeitet drei Tage die Woche in einer Behindertenwerkstatt. Die übrige Zeit schafft er im Atelier Goldstein der Lebenshilfe Frankfurt, einem Atelier für Künstler mit Behinderung.

Die Tür zur Marienkirche des Sankt Vincenzstiftes Aulhausen bei Rüdesheim ist offen. Auf Naturleder-Sneakers schlurft Bockelt vorsichtig hinein. Es riecht nach Farbe, rechts stehen Kartons, sonst ist die Kirche fast leer. Nur vorne im Altarraum breitet eine mächtigen Holzstatue die Arme aus, drei Meter zehn hoch, Bockelts Werk. Er geht langsam auf die Figur zu, legt seinen Kopf in den Nacken, blickt nach oben.

„Sieht aus wie neu.“ Bockelt lächelt, er streicht mit den Händen über die raue Oberfläche der Figur: „Schon ganz gut geworden.“ Er beißt sich auf die Unterlippe und unterdrückt ein Grinsen. Zwei Jahre hat er im Atelier an der Figur gearbeitet. Zuletzt sah er sie vor einem Monat, bevor sie gereinigt und aufgestellt wurde.

Der Autor

Frederik Jötten, 40, war begeistert von der fröhlichen Atmosphäre in der Kirche.
„Die Reinigung bringt die Form besser zur Geltung“, sagt Bildhauer Ernst Stark, ein großer, kräftiger Mann mit Hornbrille. Er unterstützt Bockelt in technischen Fragen. – „Sie wirkt jetzt so groß und schlank“, murmelt Bockelt und packt eine Digital­kamera aus. Er geht von einer Ecke der Kirche in die andere, knipst Bilder wie ein Tourist. Wuchtig und stark dominiert die Figur das Kirchenschiff. Das Eichenholz hat einen warmen Farbton, ihre Arme scheinen weit geöffnet in Richtung der Menschen, die später einmal in dieser Kirche sitzen werden.

An die 50 000 Euro kostete allein Julius Bockelts Christusstatue

2010 bekam das Atelier Goldstein den Auftrag vom Vincenzstift, einer katholischen Einrichtung für geistig Behinderte, ihre Kirche komplett zu gestalten: die Fenster, ein Marienmosaik und den Altar, an dem noch gearbeitet wird. Ein Engelsflügel aus einer Silberlegierung, in den Estrich eingelassen, bedeckt die Hälfte des Kirchenbodens. Die Idee für den Flügel kam den Atelier-Goldstein-Künstlern im Laufe der Arbeiten am Kirchenraum.

Der autistische Künstler Andreas Skorupa hat die bunten Fenster der Apsis entworfen. Auf ihnen sind Szenen der Auferstehung zu sehen, dazwischen Motive der Schöpfung, stilisierte rote Fichten vor einem lila Himmel. „Experten und Handwerker haben umgesetzt, was Behinderte sich ausgedacht haben“, sagt Christiane Cuticchio, die Leiterin des Ateliers Goldstein, eine Frau mit wallendem weißen Haar und Nickelbrille. „Es ist ganz anders als sonst. Die Behinderten sind nicht auf Mildtätigkeit ange­wiesen, sie schaffen Einkünfte für andere.“

Die Firma Derix in Taunusstein hat die Kirchenfenster hergestellt, sie hat auch Gerhard Richters Fenster für den Kölner Dom angefertigt. Durchschnittspreis für jedes Fenster im Sankt Vincenzstift: 9000 Euro. Sie stammen aus Einzelspenden und von der Aktion Mensch. Das Atelier Goldstein bekam die einmalige Chance, diese Werke zu erstellen, die sonst nicht zu finanzieren wären. An die 50 000 Euro kostete allein Julius Bockelts Christusstatue. Sie fällt in der Kirche am meisten auf.

Caspar Söling, 49, Geschäftsführer des Sankt Vincenzstiftes, hatte einmal eine Ausstellung des Atelier Goldstein besucht und wollte daraufhin die Künstlergruppe für die Gestaltung der alten Klosterkirche engagieren. Das Gotteshaus war alt und verbaut. ­Söling wollte es im Geiste der Zisterzienser, die hier einst lebten, renovieren: ganz schlicht, ohne Pomp. Und wenn die Kirche schon auf dem Gelände einer Einrichtung für Behinderte steht – warum sie nicht von behinderten Künstlern gestalten? „Ich wollte aber nicht, dass eine Malklasse sich austobt. Ich wollte richtige Kunst“, sagt Caspar Söling.

Viele Monate Arbeit

Eine 300 Jahre alte Eiche wurde im Stiftswald für Julius ­Bockelts Figur gefällt, ein Meter zehn im Durchmesser, 30 Meter hoch, mehrere Tausend Kilogramm schwer. Als sie fiel, bebte die Erde, es ist auf einem Videofilm festgehalten. Dann wurde die Rinde entfernt, der Stamm mit einer Spezialmaschine längs geteilt und aus dem Wald geschleppt.

Nach mehrmonatigem Trocknen zeichnete Bockelt die Figur in Originalgröße auf. Dann schnitten Waldarbeiter den benötigten Zylinder aus dem Stamm. Ein Lastwagen brachte ihn nach Frankfurt am Main ins Atelier. Ernst Stark machte Vorarbeiten mit der Kettensäge. Bockelt hatte bis dahin nicht mit Holz gearbeitet. Stark brachte ihm bei, wie die Werkzeuge zu handhaben sind. Bockelt ging an die Arbeit, vorsichtig schnitzte er Schicht um Schicht weg, befühlte immer wieder seinen eigenen Körper als Vorbild für die Figur. Schließlich war die Statue noch etwa eine Tonne schwer. Anfang August wurde sie in eine Firma zum Sandstrahlen und von dort im September ins Vincenzstift gebracht. Es brauchte Gerüst und Kettenzug, um sie aufzustellen.

Julius Bockelt hatte sich entschieden, die Balken hinter dem Gekreuzigten wegzulassen. „Ein Kreuz mit einem Jesus dran sieht man doch überall“, sagt er. „Ich wollte etwas anderes ­machen, etwas, das mehr für die Freiheit des Menschen steht.“ Sein gedrungener Menschenkörper mit ausgebreiteten Armen wirkt sehr vital.

„Kunst braucht Freiheit und Vertrauen“, sagt Söling. „Anfangs haben wir versucht, den Künstlern mit Andachten Themen näher­zubringen.“ Er winkt ab. „Totaler Flop, hat nicht funktioniert.“ Nur, was für die Liturgie notwendig sei, habe man vorgeben.

"Ohne Wundmale ist es kein Kreuz"

Den Auferstehungszyklus in der Apsis etwa. Julius Bockelt diskutiert mit Ernst Stark über die letzten Details der Christusstatue. Sie soll Wundmale an Händen, Füßen und in der Seite bekommen. „Wie macht ihr die Wundmale?“, fragt Söling. – „Schnitzen“, sagt Bockelt. – „Nicht bohren?“, fragt Söling. Bockelt und Stark stehen zusammen. „Es müsste schickschick machen. So, dass wir eine Furche hinkriegen“, sagt Bockelt. Stark nickt: ­„Mal doch erst mal mit Kreide an, wie und wo die Wundmale sein sollen.“ – „Ich finde die Figur ganz gut, so wie sie ist“, murmelt Bockelt. „Für mich bräuchte sie diese Wundmale nicht, ich bin nicht so ein Zerstörer.“

Franz Kamphaus sind die Wundmale aber wichtig. Kamphaus, 83, war bis 2007 Bischof von Limburg. Seit er emeritiert ist, lebt er als Seelsorger im Vincenzstift. Er hat viel mit dem Atelier Goldstein über die Einrichtung der Kirche diskutiert, vor allem über die Figur von Bockelt, auch weil sie so vital wirkt. „Jesus am Kreuz ist verletzlich und verletzt“, sagt Kamphaus. „Ich habe darauf bestanden, dass das Kreuz als Kreuz erkennbar sein wird.“ Bei der Gestaltung gehe es nicht darum, was sich der Künstler vorstellt. Sondern es gehe um die Gestalt des Gekreuzigten, die die Wunden der Menschheit und der im Vincenzstift lebenden Menschen symbolisierten. „Ohne Wundmale ist es kein Kreuz“, sagt Kamphaus.  

Julius Bockelt steht vor seiner Holzfigur und sieht nicht froh aus. Es ist das erste Mal in zwölf Jahren beim Atelier Goldstein, dass er gegen seinen Willen etwas an einem Kunstwerk verändern soll. Bislang war er in der geschützten Welt der Künstler mit Handicap, jetzt macht er zum ersten Mal eine Auftragsarbeit.

Wie in den Fuß gefetzt

Bockelt nimmt die Kreide in die Hand, malt sehr behutsam einen kleinen Kreis auf den rechten Fuß der Figur. Er zeichnet den Kreis größer und unregelmäßiger. Dann macht er einen ­weiteren Kreis auf den linken Fuß, steigt auf eine Leiter, um auch die ­Hände und die Brust mit Wundmalen zu versehen.

Stark reicht Bockelt ein mittelgroßes Schnitzmesser. Bockelt setzt es auf dem rechten Fuß der Figur auf und beginnt mit dem Klöpfel, einem gummiummantel­ten Holzhammer, darauf zu hauen, wie auf einen Meißel. Späne fliegen, die Schläge hallen in der leeren Kirche wider. Das Loch wächst, Bockelt hört auf, hält seine Nase in das Holz. „Riecht gut“, sagt er. Nach fünf Minuten ist das Loch daumentief, Stark und Bockelt gehen ein paar Meter zurück und betrachten es aus der Entfernung. „Sieht man gar nicht“, sagt Bockelt. – „Weil das Loch zu glatt ist“, sagt Stark, nimmt ein anderes Schnitzmesser und beginnt, mit dem Klöpfel die Ränder des Lochs so zu bearbeiten, dass ein rauer Rand entsteht. Bockelt macht es ihm nach.

Kurze Zeit später sieht das Wundmal aus wie in den Fuß gefetzt. Bockelt und Stark stehen bei der Eingangstür, man kann das Loch jetzt von dort aus sehen, wenn auch noch nicht deutlich. Bockelt schweigt.

Die Sonne spiegelt sich auf den Schwingen des Engelsflügels, der in den Estrich eingelassen ist. Ihr Licht fällt bunt durch die Fenster und taucht die linke Gesichtshälfte der Jesusfigur in gleißendes Gelb. Ein freundlicher Ort. Ein Mann mit Windjacke kommt herein, auf der Nase eine Brille mit dicken Gläsern, ein Bewohner des Sankt Vincenzstiftes. Er blickt sich um. „Die Kirche ist sehr schön geworden!“, sagt er, und es klingt stolz. „Bald ist ­die Einweihung – da feiern wir richtig!“ 

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Lesermeinungen

Gestern, am 3. Oktober 2016, besichtigte ich mit Freunden, begleitet von Lutz Pillong, die Marienkirche des Sankt Vincenzstiftes Aulhausen. Ich war von dem Gesamtensemble, der ausdrucksstarken Christusfigur und den Fenstern sehr beeindruckt. Das Projekt ist wirklich gut gelungen! Lutz Pillong hat als Künstler des Ateliers Goldstein den Künstler Julius Bockelt und den Bildhauer Ernst Stark bei der Herstellung der Jesusfigur intensiv unterstützt und zum Ergebnis einen wichtigen Beitrag geleistet. In dem Artikel von chrismon wird sein Name nicht erwähnt. Das bedauere ich sehr. Mechthild Wagenhoff

Der mächtige Jesus des Julius Bockelt

Künstler mit Behinderung gestalten Kirche – eine lobenswerte und erstaunliche Tatsache! Alles eine tolle Geschichte. Dabei hat mich die Jesus-Figur des Künstlers Julius Bockelt besonders beeindruckt:
der mächtige und kraftvolle Christus.
Es ist der frohe und strahlende Christus, der siegreich nach seiner Auferstehung mit ausgebreiteten Armen die Menschen einlädt zu ihm zu kommen, ein Christus, der für die Freiheit des Menschen steht, ohne angenagelte Hände, ohne angenagelte Füße, ohne schmerzhafte Dornenkrone, ohne Leidensmiene: nicht der gekreuzigte leidende Christus sondern der glorreich auferstandene Sieger Christus.
Die Figur von Julius Bockelt zeigt einen Christus im Triumph und Sieg über Sünde und Tod – nicht einen unterlegenen und in Trauer verharrenden Christus. Ich frage mich: Wieso sollten an dieser Figur nur pro forma Wundmale vorhanden sein müssen???
Warum, frage ich mich, wird Christus am Kreuz immer nur als „Verlierer“ dargestellt, gestorben und tot am Kreuz? Sind wir Christen im Zeichen dieses leidenden Christus immer „nur“ die Verlierer, die sich ducken müssen, alles über sich ergehen lassen müssen?
Nein- mit dem auferstandenen und triumphierenden Christus sind wir auch die Sieger. Das Kreuz soll Zeichen des Triumphes sein, der auferstandene Christus triumphiert am Kreuz, es ist der Königsthron Christi. Christen sollen froh sein, Freude ausstrahlen, andere mit ihrem Frohsinn mitreißen – nicht das Gegenteil zeigen und trauern – Gaudete!!!
Einen solchen Christus hat m.E. Julius Bockelt gestaltet: Ein Christus, der froh, stark und freundlich in die Welt schaut und mit seinen ausgebreiteten Armen alle an sich ziehen will, die Welt gleichsam umarmen will. Diese Figur ist ein Symbol für eine positive Sicht des Kreuzes.

Ich finde es nicht fair, dass man diesen Künstler gezwungen hat sein persönliches Werk, das nur Bewunderung verdient, zu verändern. Es musste so verändert werden, wie es nicht in seinem Sinne war. Ihm wird seine künstlerische Freiheit genommen, obwohl er etwas geschaffen hat, „das für die Freiheit des Menschen steht“.
Da ist es wieder, das schlimme Diktat der kath. Kirche, die glaubt eingreifen zu müssen (Inquisition), wenn jemand andere Vorstellungen hat als die hohen Vertreter der Kirche. Dem Künstler wird m.E. die persönliche künstlerische Freiheit genommen. Es ist ja ein Künstler mit Behinderung, mit einem solchen kann man das scheinbar ja machen! Mit dem Glaskünstler Georg Meistermann, der selbst viele Kirchenfenster gestaltet hat, wäre das wohl nicht gelungen!
1989 (!!!) war im Herder Verlag das Buch „Was Laien bewegt“ erschienen mit Renate Laurien und David Seeber als Herausgeber. Hierin ist ein bemerkenswerter Artikel von Georg Meistermann enthalten: Das Haus des Vaters nicht von innen verriegeln.
Hierin heißt es u.a.: Wer sind wir denn? Ständig zur Ordnung gerufene Mitglieder eines Vereins „Kirche“, der nur Mitglieder anerkennt, die die „Regeln“ beachten.

Und so geht die Kirche auch mit Künstlern um, die eine Behinderung haben, nimmt diesen ihr Selbstbewusstsein, indem sie deren künstlerische Vorstellung korrigieren muss. Schade! Kaum zu glauben.
Ich selbst bin auch praktizierender Katholik und muss mich fragen, ob die kath. Kirche auch endlich mal zur Kenntnis nimmt: Gott ist nicht nur katholisch!

Werner Kandels