Gefangen in einer Sekte in Neuseeland

„Hab’ ich das wirklich getan?“
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Nicola Edmonds

Angie war 15, als sie in die Psychosekte Centrepoint geriet. In der größten Kommune Neuseelands bekamen Kinder Drogen, wurden sexuell missbraucht. Die Aufarbeitung ist schwierig. Wer dabei war, kämpft bis heute um seine Version der Wahrheit

Ein Keramikherz liegt in der Mitte des Wohnzimmers auf dem Teppichboden. Drei Frauen und ein Mann, Geschwister, sitzen im Schneidersitz darum herum und reichen sich einen Redestab weiter. Angie Meiklejohn, die Älteste, weint. Die kathartische Runde bringt erstmals ans Licht, was ihnen als Jugendlichen widerfuhr. Angie kann sich nur noch verzerrt erinnern, an Ekel und Scham, die Bilder verschwimmen. Ihre Schwestern helfen ihr. Es muss raus, egal wie verstörend, wie pervers.

Anke Richter

Anke Richter, Jahrgang 1964, ist Korres­pondentin und Kolumnistin in Neuseeland. Die Geschichte von Centrepoint sollte ihr viertes Buch werden. Sie musste die Recherche nach zwei Jahren ­abbrechen, als sie zu tief in die Konflikte der Betroffenen hineingezogen wurde.  
Foto: Privat
Angie war 18, im Ecs­tasy-Rausch – gemeinsam mit ihrer Familie und mit Bert Potter, dem Guru. Sie waren nackt in einem Raum mit Spiegeln. Sie schluchzt auf. Die dunklen Locken fallen ihr vor die Augen. „Hab’ ich das wirklich getan?“ – „Er hat das mit dir getan“, sagt Angies Bruder, unterdrück­te Wut in der Stimme. „Nicht du.“

Dreißig Jahre ist es her, dass die 45-Jährige mit ihrer Mutter und den Geschwis­tern an einen Ort zog, den sie nie ­vergessen hat: Centrepoint, eine alternative Lebensgemeinschaft nördlich von Auckland, die größte in Neuseeland mit zeitweise über 300 Mitgliedern. Auch Deutsche verschlug es dorthin. Centrepoint galt in den 80er Jahren weltweit als das sanftere Gegenstück zum Friedrichshof in Österreich, der Kommune von Aktionskünstler Otto ­Muehl. In dessen „AAO“ wie bei „CP“ ging es darum, ein sexuell befreiter Mensch zu werden – raus aus repressiven Zwängen.

Ein Leben bar jeder Schranken und Hemmungen

Wer im damals eher prüden und rückständigen Neuseeland nach Selbsterfahrung und Spiritualität suchte, blieb schnell bei einem selbst ernannten Therapeuten namens Bert Potter hängen. Seine Workshops galten als revolutionär, er hatte ­längere Zeit in der kalifornischen New-Age-Szene und beim indischen Guru Bhagwan Rajneesh in Poona verbracht. Der Schädlingsmittelvertreter Potter hatte Charisma und die ­Gabe, tief in Menschen hineinzusehen. ­Seine ­Encounter-Gruppen waren ein Mix aus Seelenstriptease und erotischen Eskapaden.

Bald galt Potter als Sexguru, als Geheimtipp unter Thera­peuten, denn er lehrte eine genitale ­Stimulationstechnik, um Frauen „orgasmisch“ zu „öffnen“. ­Seine Anhänger waren nicht Hippies und Aussteiger, sondern Anwälte, Ärzte, Geschäftsleute, Psychologen. Sie kauften ein weitläufiges Stück Land mit altem Bauernhaus, bauten einen Swimming­pool und Tennisplätze, betrieben eine Farm und Werkstätten.

Die enge Gemeinschaft war von außen betrachtet ein Idyll, jenseits der Zwänge der kleinbürgerlichen Konsumgesellschaft. Auch intern hatten wohl viele das Gefühl zu profitieren: Mehr Liebe, mehr Berührung, mehr Authentizität schienen dort möglich. Alle Schranken sollten niedergerissen werden. Die Toiletten und Duschen hatten keine Wände, die Kleider kamen aus einem Fundus für alle, Geburten fanden öffentlich statt. Im Gruppenraum lagen große Kissen, auf denen man kuschelte. Wer nicht mitmachte, war schnell Außenseiter. Sex vor Kindern war normal. Die Familien teilten sich Schlafräume, viele Paare trennten und formten sich neu.

„Die Dramen, die sich abspielten!“ Angie rollt die Augen, ihre Geschwister lachen auf. Für ihre Mutter – geschieden, manisch-depressiv und von den halbwüchsigen Kindern überfordert – war Centrepoint scheinbar die Rettung. Sie bekam therapeutische Hilfe, musste sich um nichts mehr kümmern und hatte jüngere Liebhaber. Auch die Meiklejohn-Kinder empfanden Centrepoint anfangs als Oase der Freiheit – unbeobachtet von den Erwachsenen, bei denen sich alles um offene Beziehungen und den spirituellen Führer drehte. Die Frauen buhlten um die Gunst des Paschas. 

Nach und nach verfing man sich im System Centrepoint

Potter nannte sich inzwischen halb ironisch „Gott“ und verteilte Strafen und Aufgaben: vom Fußboden essen, ein Jahr lang abspülen, einen Monat lang jeden Tag mit jemand anderem schlafen. Aus der Therapiestätte war ein Kult mit eigenen Regeln und dunklen Geheimnissen geworden. Potter hatte das Ziel, die Mädchen der Kommune zu „öffnen“. Dabei half ihm seine jüngere Frau. Einige Mütter führten dem Guru ihre halbwüchsigen Töchter zu, in der naiven Hoffnung, damit ihre Kinder zu „befreien“. So stieg ihr Status innerhalb der Gemeinschaft, und sie galten nicht mehr als verklemmt.

Auch etliche Jungen waren dem Druck älterer Frauen ausgesetzt, mussten sich in Workshops nackt präsentieren oder vor Erwachsenen masturbieren. Es gab noch kein Bewusstsein, was Missbrauch betraf – alles geschah in scheinbarem Einvernehmen mit den Kindern. „Liebe“ und „Kuscheln“ konnte vieles bedeuten. Sexualisiertes Verhalten Minderjähriger wurde nicht als Warnzeichen gedeutet, sondern als etwas Positives, das man aktiv fördern sollte.

So entstand ein System aus Gruppendruck, Hörigkeit, Schweigen und Abhängigkeit, das einer kruden, pädophilen Sexualpädagogik die Türen öffnete. Selbst die, denen Zweifel an der „Befreiung“ der Kinder kamen, konnten Centrepoint nicht einfach den Rücken kehren. Sie hingen ­finanziell fest, hatten die Brücken zur Außen­welt abgebrochen, verstrickt in Schuld und psychische Abhängigkeit.

Aus Angst vor den Gaffern duschte sie frühmorgens in Dunklen

Angie wusste von all dem nichts. Sie war 15, ein rebellischer Punk, der trank, kiffte und sich gegen die Gruppendoktrin auflehnte. Bis Bert Potter sie in einem Teenager-Workshop dazu brachte, ihren blond gefärbten Rattenschwanz abzuschneiden. „Danach wurde alles anders“, sagt sie. „Der Schalter war umgelegt.“ Sie wurde gefügig, passte sich an, schlief mit immer mehr Männern. Auch ihr 30 Jahre älterer Centrepoint-Ersatzvater, der später wegen Kindesmissbrauchs ins Gefängnis kam, wurde ihr Liebhaber – eine verhängnisvolle Affäre, die sie bis heute verfolgt: War sie Opfer seiner Manipulation oder willige Konkubine?

Zwei Jahre nach Angies Einzug begann Centrepoint mit Drogenexperimenten. Der Chemiker von Centrepoint stellte LSD und Ecstasy her, das Hunderte gemeinsam in einem Ritual im Freien nahmen, inklusive Zwölfjähriger – später dann in Kleingruppen und Familien, von Potter gesteuert. Viele der Mädchen machten inzwischen um den Alten und seine Vasallen einen Bogen. Sie duschten frühmorgens im Dunkeln, um nicht begafft zu werden. Doch im Rausch wurden sie verfügbarer. So kam Potter doch zum Ziel.

„Mich wollte Bert nicht dabei haben“, bricht es aus Angies Bruder Karlos hervor. Den Redestab hat er weggelegt. „Er wollte nur an euch ran.“ Bis zu diesem Treffen im Haus seiner Schwester waren seine Erinnerungen an Centrepoint durchweg positiv. Er hatte die Gemeinschaft mit den anderen Jugendlichen genossen. Seine frühreifen Beziehungen zu älteren Frauen haben ihn nie belastet. Doch die Kommune hat ihm auch die Mutter genommen, die sich später umbrachte – seelisch zerrüttet und gedemütigt von der darwinistischen Hackordnung namens Hierarchie.

Am anderen Ende der Welt, zeitgleich in Otto Muehls Kommune, war es die gefürchtete „Struktur“. Mitgebracht von dort hatte sie eine glühende Potter-Anhängerin, die als die „Gedankenpolizei“ galt. Frauen wie sie hatten Angie zur Sextherapie mit Bert Potter geschickt, wo er Ecstasy verabreichte.

Die Gerichtsprozesse waren ein Schock für Neuseeland

Ähnlich wie bei den Muehl-Kommunarden zerbrachen auch bei Centrepoint die Familienstrukturen schnell. Kinder wurden komplett sich selber überlassen, denn für alle war gesorgt. Eine Zwölfjährige schlief allein im Wohnwagen auf dem weitläufigen Gelände, nachts kamen Männer zu ihr. Sie floh aus dem ­Fens­ter, versteckte sich im Wald, wusch sich absichtlich nicht mehr. Niemandem konnte sie sich anvertrauen. Nachdem sie versucht hatte, sich die Puls­adern aufzuschlitzen, sollte sie den Über­vater jeden Tag nach der Schule besuchen. Sie wusste, was diese „Therapie“ bedeutete. Er hatte sie bereits als Zehnjährige missbraucht.

Die Polizei führte Drogenrazzien durch, es gab erste Verhaftungen. Etliche Mitglieder wagten schließlich den Ausstieg, und immer mehr Jugendliche sagten aus. Was jahrelang nur als böses Gerücht galt, war wahr, wie auch später eine Studie belegte: Jedes dritte Kind war in Centrepoint sexuellen Übergriffen ausgesetzt. In fast jeder Familie gab es Täter und Opfer. Die Gerichtsprozesse waren ein Schock für den verschlafenen Viermillionenstaat. Mit Bert Potter gingen neun Männer und zwei Frauen ins Gefängnis. Das war 1992.

Angie, damals noch in ihrer „Kult-Identität“ und hungrig nach männlicher Anerkennung, konnte die Anklägerinnen nicht verstehen. Sie beschimpfte sie: Hatten sie nicht alle freiwillig mitgemacht? Inzwischen war sie Schauspielschülerin und alkohol­abhängig, arbeitete in einem Bordell und verlor zeitweise das Sorgerecht für ihre Kinder. Auch etliche ihrer Freundinnen von damals waren anfällig für Drogen und Prostitution.

Erst nach einem Selbstmordversuch gelang Angie der Absprung in ein neues, nüchternes Leben. Vollends befreien von ihrer Ver­gangenheit konnte sie sich durch Bert Potters Tod 2012. Er hatte auch nach sieben Jahren Haft keine Einsicht oder Reue gezeigt. „Als er starb, fiel ein dunkler, schwerer Mantel von mir ab“, sagt Angie. 

Keine interne Aufarbeitung, keine kollektive Entschuldigung

Sie ist eine der wenigen, die endlich offen über ihre seelischen Wunden reden. 15 Jahre nachdem die Kommune geschlossen und die letzten „Altgläubigen“ mit 1,5 Millionen Neuseeland-Dollar ausbezahlt wurden, gibt es noch immer Fraktionen unter den Ehemaligen, die nicht ­wollen, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Es ist ­eine Grauzone, in der vieles verschwimmt – wer hat was gewusst, geleugnet, ignoriert? Wie kann es zu einer Versöhnung kommen? Wie geht es weiter? „Es waren ganz normale Menschen bei Centrepoint“, sagt Angie, „keine Monster.“

Wo einst die Utopisten lebten, steht jetzt ein Yogazentrum zwischen alten Bäumen und Gebäuden. Trotz etlicher spiritueller Reini­gungszeremonien sind die Schatten der Vergangenheit noch nicht verschwunden. Zu viele Neuseeländer waren in die Sekte verstrickt, doch geben das nicht mehr zu. Anders als in Österreich gab es noch ­keine interne Aufarbeitung, keine kollektive Entschuldigung gegenüber der zweiten Generation. Stattdessen beschuldigt man die Medien, die Justiz: Wäre Centrepoint vom Staat in Ruhe gelassen worden, hätten sich die Probleme besser lösen lassen.

Zu dieser Sicht neigen auch ehemalige Kommunenkinder, die die Polizeirazzien, die Schlagzeilen und ihre Eltern vor Gericht erlebt haben. Viele wollen bis heute nicht sagen, wo sie aufgewachsen sind. Die, denen bei Centrepoint nichts Schlimmes passierte, fühlen sich wiederum missbraucht – von einer Öffentlichkeit, die alle dämonisiert, die dabei waren. Die eklatantesten Fälle von Missbrauch fanden vor allem in den Anfangsjahren statt. Später war es einfacher, ein unbeschwertes Leben in der Kommune zu führen, ohne die Schattenseiten mitzubekommen. Schuld und Sühne, Trauma und Verdrängung sind die ungelösten Themen, auch nach zwei Jahrzehnten.

Die Aussprache ist vorbei. Angie Meiklejohn und ihre Geschwister räumen die Familienfotos weg, die vor ihnen auf dem Boden liegen, darunter auch eines von Angies „Lover-Daddy“ Henry Stonex. Sie will ihn nach 18 Jahren endlich zur Rede stellen. Und einen Aufruf starten: In diesem Monat treffen sich erstmals die ehemaligen Kinder von Centrepoint, um offen miteinander zu reden. Karlos, der Bruder, geht in die Küche und brät für alle Würste in der Pfanne. Er lächelt Angie an. „Immerhin habe ich bei Centrepoint kochen gelernt.“

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