Posttraumatische Belastungsstörung aus der Kindheit

Da war etwas in ihrer Kindheit
Anfänge August

Ann-Sophie Stolz

Schlimmes, das ahnte sie immer. Jetzt weiß sie es. Und spürt auf einmal Kraft fürs Schöne

Beatrice S., 57:

Schon immer hab ich gedacht: Ich muss als Kind im Waisenhaus gewesen sein. Ich hatte dieses Bild im Kopf – gelbe Mauern, eine Treppe, rechts von mir die Nonne. Meine Mutter stritt es ab. Nichts hat sie mir über meine Kindheit erzählt. Die meisten Menschen kennen ihre Vergangenheit. Sie erinnern sich. Und die Eltern erinnern sich für sie an das, woran sie sich selbst nicht erinnern können. In meiner Geschichte sind lauter Löcher. Ich weiß nur, dass ich aus völlig desolaten Verhältnissen komme. Ich habe sieben Halbgeschwister. Mit zwei von ihnen wohnten wir in einer Obdachlosensiedlung. Wir lebten von Sozialhilfe. Unsere Väter kümmerten sich nicht um uns. Vormund war das Jugendamt.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter uns im Hof an die Fahrradständer gebunden hat, die Hände auf dem Rücken, mit einem Pflaster auf dem Mund. Für Nichtigkeiten. Oft wussten wir gar nicht, warum. Mehrmals hat sie uns mit dem Messer bedroht. Ab 16 schlug ich mich alleine durch. Erst als Spülerin. Zuletzt ­arbeitete ich lange als Personalerin für Zeitarbeitsfirmen. Ich ­habe eigentlich immer gearbeitet. Auch nach der Hochzeit und der Geburt meines Sohnes. Von Anfang an war mein Mann gewalttätig. Ich blieb, ich kannte es ja nicht anders.

Auf meine Kollegen habe ich immer tough gewirkt. Offenbar vermittle ich noch in der größten Notlage etwas Klares. So, als könnte ich alles aushalten und auch noch andere beruhigen. ­Meine Stärke war ein Ausdruck von Verzweiflung. Ich dachte: Wenn ich kompetent bin, greift man mich nicht an.

Nach 24 Jahren trennte ich mich. Und brach mehrmals zusammen. Erst vor zwei Jahren bekam mein Elend den richtigen ­Namen: posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Mir sind tatsächlich schreckliche Dinge widerfahren, ich wurde miss­handelt, missbraucht – und andere glauben mir das! Es war, als hätte ich den roten Faden meines Leben gefunden.

In dieser Zeit fiel mir die Regionalzeitung in die Hand, darin stand ein Artikel über die fünfziger und sechziger Jahre im Günterstaler Waisenhaus in Freiburg. Von Demütigungen, Drohungen, Prügeln war da die Rede. Ich sah wieder dieses Bild vor mir, die Treppe, die Nonne. Ich bat die Waisenhausstiftung um Akteneinsicht – und fand tatsächlich meinen Namen in den ­Unterlagen. Es gab mich, es gab mich wirklich! Ich hatte mich richtig erinnert.

Als Neugeborenes wurde ich das erste Mal dort eingeliefert. Auch mit vier, fünf Jahren war ich dort. Die Unterlagen sind leider unvollständig. Ich weiß nicht, wie lange ich jeweils da war und warum man mich abgegeben hat. Ich werde auch nie erfahren, was sie mit mir im Waisenhaus gemacht haben. Aber man kennt inzwischen die damaligen Verhältnisse. Deshalb bekomme ich aus dem Fonds für Heimerziehung Geld.

Meine Heilung fing damit an, dass mein Erinnerungsver­mögen zurückkehrte. Jetzt habe ich ein Ziel: Ich möchte meine Geschichte rekonstruieren. Das ist nicht einfach. Meine Betreuungsakte beim Jugendamt ist verschwunden. Die Vormundschaftsakte durfte ich bisher nur einmal einsehen. Notfalls werde ich einklagen, dass ich eine Kopie bekomme. Denn ich habe ein Recht darauf, meine Vergangenheit zu kennen. Meine Kindheit hat ja schwere Folgen für mich: Ich bin arbeitsunfähig und in Frührente, mit 57 Jahren.

Meine Mutter will ich nicht mehr fragen. Sie ist jetzt 90 Jahre alt. Sie hat sich schon längst selbst aufgegeben. Es ist gut für mich, den Kontakt abgebrochen zu haben. Früher habe ich nur dafür gesorgt, dass alles irgendwie ­weitergeht. Und ich habe stundenlang die Probleme der anderen gewälzt. Das will ich nicht mehr. Jetzt spüre ich auf einmal Kraft für Schönes. Ich habe mein Fahrrad fit gemacht, ich koche für mich. Manchmal bin ich mir darin fremd. Wenn ich von mir erzähle, habe ich ohnehin häufig das Gefühl: Das bin gar nicht ich.

Letzte Woche war ich in der Gymnastik und sollte mit einem Mann eine Zweierübung machen. Das war eine Schrecksekunde. Dann habe ich gesagt: Es geht nicht. Wahrscheinlich denkt er jetzt, ich stelle mich blöd an. Aber ich lerne gerade, auf mich ­aufzupassen.

Protokoll: Monika Goetsch

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Lesermeinungen

Guten Tag, nach dem Lesen dieser Seitemöchte ich folgendes Buch den Lesern empfehlen Georg Piper, Wenn unsere Welt aus den Fugen gerät, btb , (Untertitel:Wie wir persönliche Krisen überwältigen und überwinden).

Das Buch ist  äußerst positiv  geschrieben, enthält fundierte Kenntnisse und ist doch leicht zu lesen u. somit nachzuvollziehen, viele begründete, einladenden Tipps/ Empfehlungen; ein Gewinn , meine ich, für jeden Leser, - in s. Gedanken f. das jeweils ganz persönliche Leben und auch evtl. im Umgang mit anderen. keineswegs belastende Lektüre , sondern eher sogar befreiend, Perspektive eröffnend in unaufdringlicher, sehr menschenfreundlicher Weise.

Vielleicht können Sie dieses Buch mal dem Leserkreis empfehlen,  u. vielleicht kann es die Journalistin Monika Georg an die im oben genannten Artikel genannte Dame weiterleiten als Leseempfehlung. Danke und Grüße!

U. Vogler
Willich