Am Beispiel „meiner“ tagesthemen

chrismon-Redakteur Nils Husmann

Foto: Dorothee Hoerstgen

chrismon-Redakteur Nils Husmann

Die Debatte über die Zukunft Griechenlands offenbart ein Medienversagen

Seit Wochen drängt es Rolf-Dieter Krause, in den Nachrichtensendungen der ARD regelmäßig als Brüsseler Korrespondent vertreten, in die Talksendungen. Gestern war der Mann mit dem Seidentuch bei "Hart aber fair" zu Gast und polterte los: "Die Jungs von Syriza" seien "so was von verantwortungslos", dass man sie "zum Teufel jagen" müsse.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017
Aus Berichterstattern werden politische Akteure, die eine eigene Agenda verfolgen – eine Agenda, die offenbar darin besteht, Vorurteile zu bedienen und Reflexe anzusprechen, die man für die Mehrheitsmeinung in Deutschland hält. Die Redaktion der tagesthemen wollte mit ihrer gestrigen Ausgabe wohl nicht hinter ihrem Korrespondenten zurückstehen. Moderatorin Caren Miosga begab sich (ab Minute 4:30) ins Gespräch mit der Athener Korrespondentin Hilde Stadler. Die beschied der Moderatorin, der Wortlaut der Frage bei der avisierten Volksabstimmung am kommenden Sonntag sei "sehr kompliziert“. Er lautet: „Soll der Vorschlag der drei Institutionen vom 25. Juni, der aus zwei Teilen besteht, akzeptiert werden?" Ob diese Frage "kompliziert“ ist, möge jeder für sich entscheiden. Hilde Stadler fragte sich jedenfalls, inwieweit überhaupt jeder Grieche wisse, woraus die Brüsseler Sparpakete bestünden.

Die Vermutung, dass die Griechen nicht wüssten, was unter einem Sparpaket zu verstehen ist, ist dreist. Der griechische Staat hat zwischen 2010 und 2014 Kürzungen und Steuererhöhungen vorgenommen, die preisbereinigt einem Volumen von 58 Milliarden Euro entsprechen. Das ist ein Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Löhne und Gehälter von staatlich Beschäftigten sanken um 30 Prozent. Und wie reagiert Miosga auf Stadlers Frage, "inwieweit jeder Einzelne über den Inhalt der Pakete informiert ist“? Sie beantwortet die Frage mit einem Seufzer und wendet sich den Zuschauern in den deutschen Wohnzimmern zu: "Das werden vermutlich nicht so viele sein.“

Medien machen aus Schulden Schuld

Keine Frage, das Nachrichtengeschäft ist hart, gerade in diesen Tagen. Aber kann das so einen dahingehauchten Satz entschuldigen, der eindeutig wertet? Nein, denn auch Miosga bringt hier das zum Ausdruck, was sie wohl als Mehrheitsmeinung vermutet. Ach, die Griechen, die nerven! Wählen wollen sie auch noch – und nicht mal das werden sie hinkriegen.

Eine Petitesse, nur so daher gesagt? Leider nein. Es gibt mittlerweile unzählige Beispiele dafür, wie das (sprachliche) Versagen der Medien in der Berichterstattung über den Euro dabei geholfen hat, finanzielle Schulden des griechischen Staates in eine moralische Schuld der Griechen umzumünzen.

Und jetzt ausgerechnet die tagesthemen, "meine“ tagesthemen. Ich habe sie immer gern geschaut, und vielleicht erinnert sich die Redaktion dieser Tage ja mal an das prägende Gesicht der Sendung, an Hanns Joachim Friedrichs und dessen Credo: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Man möchte ergänzen: Auch nicht mit einer Sache, die man für "alternativlos“ hält.

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Lesermeinungen

Ich habe und hatte in meinem Leben viel mit GriechInnen zu tun. Meine Erfahrung daraus: ich traf ausschließlich auf freundliche, liebenswürdige, hilfsbereite, gastfreundliche und gesellschaftlich engagierte Menschen! Was in Griechenland passiert ist kein Problem der Griechen oder der Demokratie, es ist das Problem einer Kaste von reichen Familien, die das Land mit Korruption und Günstlingswirtschaft in Geiselhaft hält und willfährigen Regierungen, die nicht in der Lage sind, diebanstehenden Probleme sozial gerecht zu lösen. So leid es mir tut, dass ich es so sagen muss, es ist das Problem des Wirtschaftssystems Kapitalismus, das mit der Parole zur Gewinnmaximierung jedes Maß für gemeinnütziges Handeln verloren hat. Und Herrn Schäuble fällt nicht mehr dazu ein, als Lohn- und Rentenkürzungen zu verlangen.
Was soll man von einer Administration erwarten, die bei denen holt, die nichts haben aber es bisher versäumt haben
- ein gerechtes Steuersystem zu schaffen
- Steuerhinterziehung erfolgreich zu bekämpfen
- eine funktionierende Steuerverwaltung aufzubauen (auf Druck der Vorgängerregierung wurden onlinebasierte Steuererklärungen wieder einkassiert, weil man die Reichen nicht zu sehr erschrecken wollte. Die Zahlung von Handgeld zur Abgabenverschönerung war nicht mehr möglich)
- ein Katasterwesen aufzubauen (für das sie von der EU bereits 150 Mio. Euro erhalten haben, das Geld aber für Wahlgeschenke ausgegeben haben)
- Reeder zur Steuer zu bitten, und den ensprechenden Passus der Nichtbesteuerung aus der Verfassung zu streichen
- Katipalflucht zu unterbinden (bis zum heutigen Tag nicht geschehen. Griechisches Schwarzgeld auf ausländischen Bankkonten würde wahrscheinlich ausreichen, um das Land komplett zu sanieren).
Die Reihe könnte locker um weitere hundert Argument erweitert werden.
Und was tut die EU? Keinerlei Druck wird auf die Regierung ausgeübt, um bei den Reichen zu holen, damit man den Armen etwas geben kann. Nein, es wird jetzt sogar noch verlangt, die einzigen Staatsbetriebe (Flugplätze und Häfen), die noch Gewinne erwirtschaften für einen Nasenwasserpreis zu privatisieren.
Pfui Teufel. Bei der ganzen Griechenlandkrise zeigt der Kapitalismus sein hässliches Gesicht. Christliche Werte wie Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Brüderlichkeit - Fehlanzeige.
Es wird Zeit, dass hier die Kirchen Flagge zeigen und sich zu den Werten bekennen die unsere christliche Lehre ausmacht und sich nicht gemein machen mit den Herrschenden.
Es wird Zeit, dass man wieder lernt "dem Rad in die Speichen" zu greifen, wie es Bonhoeffer formulierte. Denn auch an anderen Stellen (Flüchtlinge, Handelsbeziehungen zu Diktaturen) muss man sich mittlerweile für unsere Regierung und die ganze EU fremdschämen für die Überbewertung des Monetären zu Ungunsten des Menschlichkeit.

Ingwald Schüßler schrieb am 25. Juli 2015 um 12:32: "Was in Griechenland passiert ist kein Problem der Griechen oder der Demokratie" In der Tat liegt hier kein Problem der Demokratie vor. Hier tritt der Nutzen der Demokratie deutlich zu Tage. Griechische Rentner, Arbeiter und Krankenversicherte dürfen ganz frei wählen, wer ihnen Renten und Löhne kürzt und die Krankenversorgung zusammenstreicht. Kälber wählen sich ihre Metzger nicht selber und werden bisweilig unruhig auf dem Weg zum Schlachthof. Auf die Demokratie stolze Bürger enthalten sich solch ungebührlicher Sitten.
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Zitat: "Bei der ganzen Griechenlandkrise zeigt der Kapitalismus sein hässliches Gesicht." Deswegen ist jetzt Gesichtspflege, also Facelifting angesagt. Vom gerechten Steuersystem bis zur Kapitalfluchtverhinderung führen Sie 6 Punkte auf. Weitere Hundert haben die Kapitalismusverschönerer auf Lager. Dann bekommt der Kapitalismus wieder ein schönes Gesicht und wird zu einer schnuckeligen Angelegenheit für den Normalmenschen.
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Zitat: "Christliche Werte wie Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Brüderlichkeit - Fehlanzeige." Da dürfte es sich um einen gründlichen und verbreiteten Irrtum handeln. Hat es je einen Wahlkampf, ein Parteiprogramm, eine Weihnachtsansprache des Herrn Bundespräsidenten oder eine Parlamentsrede der Frau Bundeskanzlerin gegeben, in der auf die genannten Werte gepfiffen worden wäre? Diese Werte sind felsenfest in der Moral der lieben Zeitgenossen verankert. Nicht als Lippenbekenntnisse, sondern als blutiger Ernst. Der Kapitalismus braucht zu seinem Funktionieren diese Moral. Deswegen stehen auch die Kirchen und andere Moralvereine hoch im Kurs. Vom Standpunkt der Moral darf dann auch der kostenlos arbeitende griechische Arzt gelobt und die rentengekürzte Oma bedauert werden. Hauptsache, niemand kommt auf den Einfall, bei Kapitalismus und Demokratie an etwas anderes als Verschönerung derselben und moralische Aufrüstung zu denken.

Ich weiß nicht, wo mein Kommentar am besten passen würde, ich setze ihn daher unter dieses Thema. Der Mensch ist so wie er ist, in jeder Hinsicht tut er sein bestes, denn schließlich geht es ihm um sein LEBEN . Ich finde, wir sollten kritiklos helfen, und tun, was hilfreich ist. In jeder Situation. Wer es nicht kann, dem sehen wir`s nach.
Da schreibt jemand: " Als Mitglied der evangelischen Kirche frage ich mich: ..." fragen Sie sich das nicht. Sie sind kein Mitglied, sondern jemand, der an die Bibel glaubt. Denken Sie an die Inhalte, nicht an Ihre vermeintlichen Rechte. Und sicher finden Sie auch jemand in der Kirche, der Ihre Meinung vertritt.
Ein Christ ist jemand, der bei seiner Seele gepackt wird ! Wie kann dieser sich herausreden, sich herauswinden ? ? ! ( Er windet sich, für gewöhnlich, wie ein Wurm im Salat:-), und die überwiegende Mehrheit der Kommentare veranschaulicht dies überdeutlich ! ) )
Ansonsten vermisse ich Bibelinhalte. Spielt die Bibel keine Rolle mehr ?!!! Dabei ist sie doch der eigentliche Inhalt des Glaubens.
"Jesus Freaks, wir haben doch gebetet " . sagt Tore im Film, der eine authentische Geschichte wiedergibt. Liebe protestantische Christengemeinde : seid Ihr denn IRRE ??? !!!

Wenn Sie über Rolf-Dieter Krause so charakterisieren wollen:

"Aus Berichterstattern werden politische Akteure, die eine eigene Agenda verfolgen – eine Agenda, die offenbar darin besteht, Vorurteile zu bedienen und Reflexe anzusprechen, die man für die Mehrheitsmeinung in Deutschland hält."

... dann sollten Sie besser zweierlei tun:

1) Lesen Sie noch mal nach, was ein Kommentar ist. Selbstverständlich hat auch ein Herr Krause das Recht, einen Sachverhalt zu kommentieren. Wenn jeder Kommentar, jedwede Kritik gleich als politische Agitation interpretiert werden soll, dann gute Nacht, Meinungsfreiheit.

2) Aus ihren Zeilen tropft ein großes Herz für Griechenland und auch die griechische Regierungspolitik. Das ist Ihnen unbenommen, aber im Endeffekt sind Sie es, der ein Medienversagen darstellt. Es ist das Versagen des Magazins Chrismon, eine reelle Medienkritik zu betreiben - statt mit der Keule um sich zu hauen und anderen Journalisten gegenüber ehrabschneidend aufzutreten.

Als Mitglied der evangelischen Kirche frage ich mich: müssen meine Kirchensteuern jetzt dafür verwendet werden, dass solche einseitigen und zudem arrogant gegenüber anderen Journalisten verfasste Werke entstehen?