Wie soll man künftig ­Religion unterrichten?

"Wir brauchen kooperativen Unterricht"

REUTERS/© Fabrizio Bensch / Reuters

Eine neue EKD-Denkschrift über den evangelischen Religions­unterricht beleuchtet, was dieser zu einer Schule der Vielfalt beitragen kann

chrismon: Schulen bieten neben evangelischem, katholi­schem oft auch jüdischen und islamischen Religionsunterricht an. Der EKD reicht das nicht. Warum?

Friedrich Schweitzer: In einer multireligiösen Gesellschaft kann man nicht mehr sagen: In der Klasse sitzen zwar Christen und Muslime, aber über Religion reden wir nicht miteinander. Deshalb brauchen wir kooperativen Unterricht, in dem phasenweise verschiedene Religionsgruppen zusammen lernen und Fachkräfte unterschiedlicher Religionen unterrichten.

Könnte man nicht einfach alle zusammen unterrichten?

Zunächst einmal muss man festhalten: Evangelischer Religionsunterricht ist – anders als katholischer – seit den 1970er Jahren für alle offen. Dahinter steht das theologische Verständnis, dass man keine Voraussetzungen erfüllen muss, um einen Gottesdienst oder eben Religionsun­terricht besuchen zu dürfen. Deshalb nehmen auch viele nicht evangelische Schüler am evangelischen Unterricht teil. Das ist aus evangelischer Sicht natür­lich erfreulich.

Der Unterricht heißt trotzdem evangelisch, und es unterrichten nur evangelische Lehrer.

Ja – zum einen, weil es eine Utopie ist, dass man sich mit den an­deren Gemeinschaften auf einen Unterricht einigen könnte. Das klappt schon mit den Katholiken nicht, zumindest nicht auf rechtlicher Ebene. Zum anderen kann man religiös-weltanschauliche Fragen nur bedingt objektiv behandeln. Die Ausweisung als evangelischer Unterricht sorgt für Transparenz und bietet den Kindern eine Position, von der aus sie sich kritisch mit der eigenen und mit anderen Positionen auseinandersetzen können. Es ist ähnlich wie mit Sprachen: Es ist nicht möglich, Kindern gleich­zei­tig alle Sprachen der Welt beizubringen. Dabei kommt nur Sprach­losigkeit heraus.

Wie ist es mit Religionskunde?

Das wäre ein rein staatliches Angebot, wie das Fach Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde ­ in Brandenburg. Da haben die Religionsgemeinschaften kein Mitspracherecht. Doch das Grundgesetz sieht einen Reli­gionsunterricht in Übereinstimmung mit den Religionsgemeinschaften vor, und zwar als ordentliches Lehrfach.

Friedrich Schweitzer

Friedrich Schweitzer ist Vorsitzender der Kammer für Bildung und Er­ziehung, Kinder und Jugend der EKD und Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen.

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Lesermeinungen

Lebt Herr Schweizter im 19. Jahrhundert?

Religion oder Ethik? Wir machen beides? Das war schon in den 80er Jahren so.

Und Herr Schweitzer hat Unrecht, wenn er meint evangelischer Religionsunterricht sei seit den 70er Jahren für Alle offen, anders als katholischer.

Ich habe als nicht getaufter Christ sowohl am evangelischen als auch katholischen Religionsunterricht in den 80er Jahren teilgenommen - als Beweis kann ich sogar Zeugnisse vorlegen!

Herr Schweitzer sollte sich also erstmal besser informieren! Danke!