EKD-Synode in Dresden

Herausgefordert wie lange nicht
Nikolaus Schneider, scheidender Chef der evangelischen Kirche, und sein Traum von der Einheit

 chrismon Redakteur Eduard Kopp
Wer ausgerechnet an einem 9. November in Deutschland zu einer Grundsatzrede anhebt, dem drängen sich einige Stichworte wie von selbst auf. Von der zerstörerischen Reichspogromnacht 1938 bis um befreienden Mauerfall 1989 reichen die Manifestationen des zerrissenen deutschen Wesens. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begann in diesem Jahr in Dresden genau am 9. November ihre Arbeit, und es zeigte sich, wie groß die aktuellen Herausforderungen sind, denen sich die evangelische Kirche gegenüber befindet.

Deshalb war das Schlüsselwort, mit dem der evangelische Kirchenchef Nikolaus Schneider die politische Lage und die ethischen Konflikte innerhalb seiner Kirche kennzeichnete, durchaus passend. Die Welt von heute beschreibt der Ratsvorsitzende der EKD als „zerrissen“, manches gar als „immer neu erschreckend“. Ähnliches sieht er offensichtlich auch im Glauben der Menschen. Dieser Blick gab dem letzten Bericht des scheidenden Ratsvorsitzenden, der vielen als eirenischer Mensch und als Fürsprecher der Einheit und der Versöhnung gilt, eine besondere Note.

In vielfacher Weise zerrissen

Zerrissen ist die Welt nach Schneiders Diagnose zuallererst in religiöser und ethischer Hinsicht. Zerrissen seien die Menschen in ihrem „Denken, Fühlen und Entscheiden“.  Was dürfen sich die Menschen erlauben, was tut ihnen gut? Schneider argumentierte als Theologe: „Wir (Menschen) verwechseln Freiheit mit schrankenloser Unabhängigkeit und zerreißen dabei das Glück unserer Befreiung, das ja gerade in der lebenslangen Bindung an Gottes Wort zu leben und zu erfahren ist.“ Er wolle damit keine Geringschätzung von Emanzipation und Freiheit ausdrücken, betonte er. Ihm geht es vielmehr um eine selbstkritische Reflektion des medizinischen, wirtschaftlichen oder religiösen Verhaltens und um ein „versöhntes Verhältnis zwischen Gott und Mensch“. Diese Freiheit lässt sich nicht einfach „herstellen“, so ist es evangelischer Konsens. Sie sei „nicht das Ergebnis von Selbstbesinnung oder sonstigen kulturellen, politischen oder religiösen Anstrengungen“, sondern auch und vor allem ein Geschenk Gottes. So hat es die EKD auch in ihrem Grundlagentext „Rechtfertigung und Freiheit“, der programmatischen Erklärung zum Reformationsjubiläum 2017, formuliert.

Also einfach auf die Heilung der Risse, der Zerrissenheit warten? Das wäre nicht evangelisch. Man muss auch ordentlich etwas dafür tun. Die Zerrissenheit im Blick auf das kirchliche Arbeitsrecht zu überwinden, ist Schneider besonders wichtig. Die tiefen Differenzen zwischen Gewerkschaften und kirchlichen Arbeitsgebern werden wohl höchstrichterlich auf Europaebene noch geklärt werden. Schneider plädiert aber dafür, auf dem kirchlichen „dritten Weg“ weiterzugehen, das heißt, Arbeitskonflikte „im Geiste gegenseitiger Annahme“ zu lösen „und deshalb auf Aussperrung und Streik zu verzichten“.

Sie drohen der Kirche verloren zu gehen

Eine Zerrissenheit anderer Art lässt sich aus der Kirchenmitgliedschaftsstudie diesen Jahres ablesen. Trotz aller Wertschätzung für die Pfarrerinnen und Pfarrer erodiert das Kirchenvolk auf ganzer Breite. Zwei Drittel der Kirchenmitglieder drohen der Kirche verloren zu gehen, sie sind gefährdet von „religiöser Indifferenz“. Eine Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation? Unwahrscheinlich. Was tun? Schneider plädiert dafür, „dem schulischen Religionsunterricht, dem Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht unser besonderes Augenmerk zu schenken.“ Besonders wichtig seien auch Glaubenskurse für Erwachsene und für Familien mit Kindern und Jugendlichen.  

Erst recht im Umgang mit der katholischen Kirche gilt es, Risse und Zerrissenheit zu kurieren. Das Reformationsjubiläum 2017 wird eine gute Gelegenheit dazu bieten - oder den ernüchternden Zustand des Kirchenverhältnisses noch deutlicher offenbaren. Ja, es gibt Gespräche mit der deutschen Bischofskonferenz. Auffallend vorsichtig formuliert der Ratsvorsitzende,  es gebe „erste Ergebnisse einer Arbeitsgruppe“, die hoffen ließen, dass es „nicht nur zu einem gemeinsamen Gedenken, sondern zu gemeinsamer Umkehr, Hinwendung zu Christus und deshalb zu einem gemeinsamen Feiern kommt“. Keine leichte Aufgabe, verstehe die katholische Kirche „Einheit“ doch maßgeblich als Gemeinsamkeit im Glaubensbekenntnis, in den Sakramenten, der hierarchischen Leitung der Gemeinschaft. Bei Licht besehen wird diesen Kriterien nur die katholische Kirche selbst gerecht. Das macht das ganze Problem sichtbar.

Gewalt mit Gewalt stoppen?

Fast gespalten hat die Kirche die Frage nach einer militärischen Reaktion auf den Terror des sogenannten Islamischen Staates. Um die bedrohten Menschen im Nordirak zu schützen, hält Schneider Gewaltanwendung als „ultima ratio“ für zulässig. Auch der Beschluss der Bundesregierung, kurdischen Kämpfern Waffen zu liefern, sei für ihn „nachvollziehbar“. Warum Gewalt? Nur dann sei humanitäre Hilfe für die betroffenen Menschen möglich, wenn dem Wüten der IS ein Ende gesetzt werde. Ironisch fügt der scheidende Ratsvorsitzende hinzu: Auch das Evangelium rufe nicht dazu auf, „tatenlos zuzusehen, wie andere Menschen gequält, geköpft, vergewaltigt und versklavt werden.“ Eine Zerrissenheit, wie sie nicht dramatischer sein kann, und glatt aufzulösen ist sie auch nicht: Wer Gewalt mit Gewalt stoppt, macht sich schuldig. Aber dasselbe gilt auch, wenn man dem Rad nicht in die Speichen greife. Dass Schneider, der noch am Tag des Rechenschaftsberichtes aus seinem Amt scheidet, um seiner an Krebs erkrankten Frau beizustehen, in seinen letzten Amtsmonaten mit aller Wucht in diesen ethischen Konflikt gestoßen wurde, trifft ihn menschlich und als Theologen tief.

Irmgard Schwaetzer, die Präses der EKD-Synode, sagte über den scheidenden Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider: „Ich habe ihn immer als sehr menschlich erlebt. Er ist im besten Sinne immer Pfarrer geblieben.“ Das schließt nicht aus, sondern gerade ein, dass er von den muslimischen Verbänden fordert, sie sollten sich kritischer mit den antisemitischen Ausbrüchen in den vergangenen Monaten auseinandersetzen. Aber er tut gut daran, im Vorfeld des Reformationsjubiläums auch den Antisemitismus der Reformationsväter zu erwähnen. „Auch unsere Kirche muss immer wieder neu erkennen und aufarbeiten, dass und wo sie zur Judenfeindschaft beigetragen hat.“

Dass weltweit knapp eine Milliarden Menschen hungern, ist Ausweis eines weitren, geradezu paradigmatischen Risses durch diese Welt. „Wir in unserem Land und in unserer Kirche leben auch auf Kosten und zu Lasten der Armen in der Welt“, sagt Schneider.  „Unser Lebensstandard lässt sich nur halten und verteidigen, wenn wir die Bedürfnisse und Nöte der Armen nur in begrenzter Dosis an uns heranlassen.“ Das ist fast etwas zu freundlich formuliert. Tatsache ist: Die Industrienationen legen es geradezu darauf an, die Ungerechtigkeit zu zementieren, denn nur dann geht es uns weiter so gut wie heute. Anders geht es Zuwanderern und Flüchtlingen: Hier herrschen Abschottung, Ungastlichkeit, Abwehr. Die Zustände in vielen Aufnahmelagern seien „Anlass für Scham“.

Vorzug für die Palliativbehandlung

Zum Thema Sterbehilfe, mit dem Schneider durch die Krebserkrankung seiner Frau dramatisch konfrontiert ist, sagte Schneider: „Unsinnige medizinische Behandlungen am Lebensende“ könne man verweigern und abbrechen. Der Palliativmedizin komme hingegen eine besondere Bedeutung zu. Ob es einen Rechtsanspruch darauf geben solle, „könnte erwogen werden.“ Selbsttötungen und Beihilfe zur Selbsttötung lehne die Kirche aber „grundsätzlich ab“, ebenso ein Recht auf einen ärztlich assistierten Suizid. Man merkt es Nikolaus Schneider an, wie sehr ihn seine eigene Aussage bewegt: Es gehe der Kirche darum, Menschen im Sterben „liebevoll zu begleiten“. Ein Mensch gehöre nicht sich selbst, auch nicht „einem anderen Menschen, der über ihn verfügen könnte.“

Für Schneider (und die evangelische Kirche) gibt es einen Punkt, an dem die Zerrissenheit endet. Sich persönlich beschreibt Schneider als vom Ziel der Einheit getrieben, und das bedeutet auch, dass er hier und dort einen Schritt zurücktreten kann. „Das letzte Versprechen gilt keiner Institution, sondern Christus.“ Das hat Folgen für seine Theologie, seine Lebensführung, seine politischen Ansichten. Nikolaus Schneider endete mit der sehr persönlichen Bemerkung: „Ich muss nicht immer Recht behalten, denn das Recht liegt sowieso bei einem anderen. So habe ich mich mein Leben lang orientiert.“ Es ist ein starker Eindruck, den Schneider mit diesen Worten in der EKD-Synode hinterlässt.

 

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