Kirchenaustritte erreichen im Jahr 2019 Höchststand

epd-bild/Norbert Neetz

Leere Stühle in der Martinskirche in Kassel

Leere Stühle in der Martinskirche in Kassel

Der Trend ist nicht umzukehren: Die Kirchen verlieren seit Jahren immer mehr Mitglieder. Doch 2019 stieg die Zahl der Kirchenaustritte auf mehr als eine halbe Million. Erstmals seit 2010 traten wieder mehr Katholiken aus als Protestanten.

Der Mitgliederschwund in der evangelischen und katholischen Kirche beschleunigt sich. Mehr als 800.000 Mitglieder verloren die beiden großen christlichen Kirchen im vergangenen Jahr. Das zeigen die Mitgliederstatistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für 2019, die am Freitag veröffentlicht wurden. 2018 war es in der Summe ein Verlust von 704.000 Mitgliedern. Doch immer noch gehört mehr als jeder zweite Deutsche einer dieser beiden christlichen Konfessionen an.

An diesen Zahlen sei nichts schönzureden, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Ihn wie auch seinen Amtskollegen, den EKD-Ratsvorsitzenden, Heinrich Bedford-Strohm, schmerzt vor allem die hohe Zahl der Kirchenaustritte. Sie sind neben den Sterbefällen der Grund für den Mitgliederschwund. Mehr als eine halbe Million Menschen, so viele wie nie zuvor, verließen im Jahr 2019 die Kirche.

Auf Basis der gemeldeten vorläufigen Zahlen aus den 20 evangelischen Landeskirchen traten etwa 270.000 Menschen aus der Kirche aus. Das sind rund 22 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte die EKD mit. 2014 hatte die Zahl der Austritte schon einmal bei rund 270.000 gelegen. Wie schon 2018 verstarben auch 2019 rund 340.000 Kirchenmitglieder. Die EKD kündigte an, die erhöhten Austrittszahlen vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD untersuchen lassen zu wollen.

Noch mehr Menschen traten 2019 aus der katholischen Kirche aus: Mehr als 272.700 annullierten ihre Mitgliedschaft - ein Anstieg von 26,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Austrittsrate stieg auf über 1,2 Prozent. So hoch war sie noch nie, sagte der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack dem Evangelischen Pressedienst (epd). Erstmals seit dem Jahr 2010, in dem der Missbrauchsskandal bekanntwurde, gab es wieder mehr Kirchenaustritte bei den Katholiken als bei den Protestanten.

Die Zahl der Austritte und Todesfälle lässt sich nicht durch Taufen oder Wiedereintritte kompensieren. Doch während die Zahl der Taufen (160.000) und Aufnahmen (25.000) sich bei den Protestanten im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleichblieb, sanken beide Zahlen bei den Katholiken deutlich. Die Katholiken zählten 2019 rund 159.000 Taufen, 2018 waren es noch mehr als 167.700 gewesen. Auch die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen sank um rund zwölf Prozent auf insgesamt 7.669.

Starker Einbruch durch Corona-Krise

Rund 20,7 Millionen Menschen waren zum Stichtag 31. Dezember 2019 Mitglied in einer der 20 Landeskirchen der EKD, teilte die EKD mit. Das waren rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr (21,1 Millionen). Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von rund 24,9 Prozent. Der katholischen Kirche gehörten 2019 22,6 Millionen Menschen in Deutschland an. Sie verlor rund 1,7 Prozent ihrer Mitglieder im Vergleich zu 2018 (23,0 Millionen). 27,2 Prozent der Deutschen sind den Angaben zufolge katholisch.

Auch auf die Kirchensteuereinnahmen wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder langfristig auswirken. Bis 2060 könnte sich die Zahl der Kirchenmitglieder einer Prognose von Freiburger Finanzwissenschaftlern aus dem vergangenen Jahr zufolge halbieren. Während in den vergangenen Jahren die Kirchensteuer trotz sinkender Mitgliederzahlen wegen der guten wirtschaftlichen Konjunktur zunahm, erwartet die EKD nun für das laufende Jahr infolge der Corona-Krise einen starken Einbruch. Zwischen zehn und 25 Prozent könnten die Einbußen liegen. Die Bischofskonferenz machte keine Angaben dazu.

epd hei rks

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Lesermeinungen

Die "erhöhten Austrittszahlen" sollen also "untersucht" werden. Nach Gründen für die Höhe der Zahlen braucht man nicht lange zu suchen. Schon meine Großmutter pflegte zu sagen: "Die Laufmasche fällt immer von oben nach unten"....
Das Ansehen des Führungspersonals beider Kirchen dürfte sich inzwischen auf dem gleichen Niveau bewegen, wie z.B. dasjenige der meisten Parteien und der öffentlich rechtlichen Medien. Die Letzteren muß man zwangsweise mit seinem Geld finanzieren, bei den Kirchen hat man gottlob noch eine Ausstiegsoption.