Der abgestürzte Heißluftballon

Foto: Kurt Pachl

Bewertung

Liturgie: 
4
Predigt: 
2
Musik: 
3
Atmosphäre: 
3

Zwei Emporen verleihen dem Kirchenschiff Theaterflair: fränkischer Barock. Zur Not fänden hier alle Einwohner des Ortes Platz. Aber heute ist keine Not, sondern Konfirmation.

Voll ist es nicht, dafür blumengeschmückt. Posaunenklänge schallen in die kalte Kirche. Pastor Michael Granzin zieht ein, gefolgt von zwölf Konfirmandinnen und Konfirmanden, die nun dazugehören wollen – oder sollen? „Tut mir auf die schöne Pforte“, Gesang mit Orgel und Bläsern. Glaube mache „froh und hell“, behauptet der Pastor.

Froh und hell wirken die Jugendlichen nicht, wie sie da schwarz gekleidet und bemüht ernst im Altarraum sitzen. Über ihnen auf der Kanzel scheint der Pastor zu schweben. Sein Predigttext steht nicht in der Bibel, sondern auf den Holzkreuzen, die die Konfirmierten später bekommen: „Jesus gibt Auftrieb.“

Der „Ballonführer Jesus“ stelle dem Glaubensballon unendlich viel Treibstoff zur Verfügung, sagt der Pastor. Die Ballonhülle des Wissens aus dem Konfirman­denunterricht müsse stets neu mit der Liebe Jesu gefüllt werden.

Irgendwie könne man zwar auch ohne Ballonführer fliegen. Aber neulich – die Predigt wird jetzt tagesaktuell – sei in Ägypten ein Heißluftballon abgestürzt, viele Touristen tot. Was die Angehörigen der Todesopfer wohl zum nächsten Satz des Pfarrers sagen würden, wenn sie jetzt hier wären: „Jesus kann Abstürze verhindern.“

Zeit zu singen, Gott sei Dank. „Ihr müsst nicht mehr verzweifeln, nicht ­länger mutlos sein.“ – Auch mutlos und verzweifelt wirken die Jugendlichen nicht. „Noch ist nichts verloren, noch ist Rettung da.“ Der Pastor kommt noch einmal auf den Ballon zu sprechen: Sünden könne man wie Sandsäcke abwerfen, um neuen Auftrieb zu bekommen.

Mit ernstem „Ja, mit Gottes Hilfe“ bekunden die Jugendlichen ihren Glauben. „Ihr wisst, was Gott von euch erwartet!“, sagt der Pfarrer. Es folgt die Einsegnung, dann der große Moment des ersten Abendmahls. Im Hintergrund Jesus. Am Kreuz, nicht im Ballon.
Jetzt der Abschlusssegen. Nur: Offene segnende Hände bekommt der Kirch­gänger nicht zu sehen. Der Pfarrer liest den Segen ab und besiegelt ihn mit einem luftigen Kreuzzeichen. Die zwölf ziehen aus der Kirche aus.

Jetzt könnte die Kirchengemeinde 99 Luftballons steigen lassen. Schade, dass so etwas nicht vorgesehen ist. Das würde den Jugendlichen und ihren Gästen vielleicht doch noch ein kleines Lächeln aufs Gesicht zaubern.

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Kontaktinformationen der Gemeinde: 

Evang. Luth. Kirchengemeinde Unterschwaningen und Oberschwaningen
Pfarramt, Pfarrer Michael Granzin,
Hauptstraße 13
91743 Unterschwaningen

Tel. 09836/253
Fax 09836/1398

www.unterschwaningen.de/kirche.htm

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Lesermeinungen

Ja, da hat sich ein Pfarrer sicher viel Gedanken gemacht und es dann doch nicht getroffen. Es ist schon ein Kreuz, mit den Predigten, die (krampfhaft) zu einem Thema hingepresst werden. Ich bin aktiv in einer katholischen Kirchengemeinde in München und kenne solche Situationen auch. Das klingt alles so "heilig" mit der Liebe Jesu die die Ballonhülle füllen soll. Jugendliche denken bei Liebe erst einmal an Liebesbeziehungen! Sie stehen voll im LEBEN! Wenn die Ballonhülle mit Jesu LEBEN und all was da an Lebenserfahrungen dazugehört gefüllt worden wäre, könnte ich mir vorstellen, Jugendliche zu erreichen. (Abholen, dort wo sie stehen).
Ihnen aber zu sagen, "ihr müsst nicht mehr verzweifeln" erinnert mich an Aussagen unseres verstorbenen Bischofs von Rom, Johannes Paul der II. "Verzweifelt nicht- ich bin froh- seid auch ihr froh!" Oh Gott!!!!
Warum nehmen diese Menschen an, dass wir verzweifelt sind? Woher nehmen sie diese Gewissheit? Weil sie selber das vielleicht sind? Oder viel schlimmer, weil das gut klingt, weil ja die Christen alle so griesgrämig sind?
Wolfgang Ambros hat einmal gesungen: "das Leben ist ein Heidenspaß-für Christen ist das nix" - Da würden manch dieser Jugendlichen Beifall klatschen! Die Parallele zwischen dem abgestürzten Ballon und "Jesus kann Abstürze verhindern" ist ein Fauxpas!!! Hier wär deutlich mehr Emphatie den Opfern und Angehörigen gegenüber angesagt!
Dass der Segen etwas kühl und mager ausfällt, ist, ich bitte um Entschuldigung in Voraus - eben evangelisch kühl. Der Segen in unseren katholischen Kirchen ist wuchtig und mit deutlichen Zeichen ausgestattet. weit ausgebreitete Arme- damit auch ja alle erfasst werden. Hier soll die Kraft des Segens die durch den Preister vermittelt wird, spürbar werden. Nicht ganz so mein Fall. Jesus hat die Menschen mit Kraft gesegnet und das sollen wir auch tun! Ein lascher Händedruck hat die selbe Wirkung wie ein lascher Segen!
Wenn wir die Waagerechte (Immanenz) mit der Senkrechten (Transzendenz) gleichberechtigt miteinander verbinden, stehen wir in der Nachfolge Jesu und das wirkt nicht mehr aufgesetzt sondern grundehrlich und überzeugend!
Volker Fritzsche
München