Die Schule war nicht nur Mist

Die Lehrergeschichte in der Juli-Ausgabe unseres Magazins hat heftig und reichlich Leserpost ausgelöst. Klar, Lehrer und ihre  Sprüche – da können alle mitreden. Auch mir sind Erlebnisse und Weisheiten aus Pädagogenmund wieder bewusstgeworden, die tief in den Nebeln der Vergangenheit geruht hatten. Da sitze ich nun und denke an den Lateinlehrer Willi K., der mir zurief: „Brummer, du brauchst keine Angst zu haben, dass du mal durch eine Maschine ersetzt wirst. Denn es ist noch keine Maschine erfunden worden, die überhaupt nichts tut.“

Englischlehrer Dieter J. ließ mich wissen: „Brummer, du musst nicht meinen, du seist nur deshalb in der Schule, weil hier im Winter geheizt wird.“ Ernst F., Altphilologe wie K., riet mir dringend ab, zur Bundeswehr zu gehen – was ich ehrlich gesagt aber auch nie vorhatte: „Du wirst vom Panzer überfahren, ohne dass du es merkst.“ Sehr lustig.

Oft genug stand "mangelhaft" im Zeugnis

Vor ein paar Jahren traf ich zufällig meine frühere Biologielehrerin Ilse G. Ein ausnehmend nettes Gespräch mit einer sympathischen Frau über die alten Zeiten: „Arnd, Sie waren in Biologie ein sehr guter Schüler.“ Nein, widersprach ich, das war ich ganz gewiss nicht. „Doch“, beharrte sie, „ich hab’ Sie genau vor Augen.“ Sie musste mich verwechseln. Biologie interessierte mich überhaupt nicht. Vor allem aber war mir schon sehr früh bewusst, dass ich mich in meinem späteren Leben weder mit Einzellern noch mit Aminosäuren und DNA-Analysen beschäftigen würde.

Wenn ich Glück hatte, prangte in meinen Zeugnissen ein Ausreichend, oft genug stand darin „mangelhaft“. Frau G. schien ­ratlos, als ich ihr dies mitteilte. Vor sich hin murmelnd schüttelte sie ihr Haupt. Sie atmete einmal tief durch, sah mich kurz an und sagte: „Mhmm. Okay. Jedenfalls, lieber Arnd, waren Sie ein sehr netter Schüler!“ Da gerade wollte ich Ilse G. nicht widersprechen. Und sie war eine der nettesten Lehrkräfte an dieser Schule. Ihre ungewöhnliche Freundlichkeit hat mich wie weniges sonst zum Schreiben animiert. Während andere im Bioraum experimentierten, schrieb ich Gedichte, die ich ihr widmete.

Ein Anruf von der Tochter des Reli-Lehrers

Ausgerechnet jetzt, da ich dies notiere, klingelt das Telefon. Frau K. vom Bodensee sei dran, berichtet die Kollegin. Frau K. sei die Tochter meines Religionslehrers. Pfarrer K.’s Tochter! Ja, natürlich kann sie durchstellen. Pfarrer K. – der hatte mich in seinen evangelischen Religionsunterricht aufgenommen und mit mir über den Gottesstaat des Augustinus diskutiert. Er mochte meine Neugier und förderte sie. Und er liebte „kleine theologische Gefechte“. Der Tochter war ich nie begegnet.

Die freundliche Stimme am Telefon erzählte mir, dass die ­Geschwister K. ihre Mutter und den über 90 Jahre alten Vater in ein Seniorenstift umsiedeln müssten. Dabei stelle sich ihnen die Frage, was mit der riesigen theologischen Bibliothek des alten Herrn geschehen solle. Und da er hin und wieder von mir spreche („Hat den Reli-Unterricht maßgeblich mitbestritten“), hätte ihre Schwes­ter vorgeschlagen, mich mal anzurufen und zu fragen, ob ich eine Idee hätte. K. erinnert sich an mich. K. spricht von mir. Mir schlug vor Rührung das Herz im Halse.

Er mochte die Neugier seines Schülers
und liebte die Wortgefechte

So passiert es halt: Da sitze ich und bin dabei, mich als Selfmademan zu inszenieren, dem die Schule nichts zu bieten hatte,  außer der ständigen Herausforderung, sie zu verweigern. Und deshalb zitiere ich – nicht zum ersten Mal – die wunderbaren Pointen über den „faulen Kerl“, damit Sie, liebes Publikum, daraus lesen: Nun seht, wie sich diese Lehrer geirrt haben! Wie konnten die diesen klugen Menschen so falsch einschätzen!
Und dann kommt wie in einem mittelmäßigen Roman das Schicksal in Gestalt der Pfarrerstochter K. um die Ecke und wischt meine Schule-war-nur-Mist!-Attitüde vom Tisch, als handele es sich um ein paar Brösel.

Vorsichtig frage ich in den Hörer, es ­handele sich aber nicht um einen billigen Kollegenscherz? „Nein“, antwortet Frau K., „rufen Sie mich doch bitte an, wenn Sie eine Idee für die Bibliothek haben.“ Mach ich. Und noch mal: Danke, Pfarrer Martin K.

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