Darf man unfähige Kollegen anschwärzen?

Ist das Mobbing oder Mut zur Wahrheit?

"Petze", schrien wir als Kinder, wenn eine zum Lehrer eilte, um andere wegen ihrer Schandtaten zu melden. Eine Petze wollte niemand sein. Manchmal allerdings, wenn es nicht um harmlose Streiche ging, hatte man sein Gewissen zu prüfen: Soll ich es sagen oder nicht? Ich stand einmal der Direktorin unserer Schule und einer Mutter gegenüber, die weinend nach ihrer halbwüchsigen Tochter suchte. Diese Tochter war meine Freundin und mit ihrer Sommerliebe nach Schweden abgehauen; nur ich wusste davon. Wirklich unfähig war sie nicht, höchstens zum Bravsein oder zur offenen Auseinandersetzung. Trotzdem: Sagen oder nicht? Ich habe damals gerade so viel offenbart, wie zur Beruhigung der Mutter und zum Schutz der Freundin vor größeren Strafen nötig war.

Vielleicht kriegt man den anderen ja weg, bevor man selber dran ist . . .

Viel anders ist es bei Erwachsenen nicht. Hat man Kollegen, die den gestellten Aufgaben nicht gewachsen sind, muss man sich die Frage stellen: Ist er wirklich unfähig, hat sie tatsächlich wenig Ahnung? Manchmal stellt sich bei einer solchen Tiefenschau heraus, dass man neidisch ist auf den Erfolg anderer, die es ­ nach Karrieregesichtspunkten betrachtet ­ berechtigt oder auch zu Unrecht weiter gebracht haben. Weil man das nicht ertragen kann, wird über den Glückspilz hergezogen. Manchmal weiß jemand sogar ganz genau, dass der Kollege seine Sache gut macht. Aber man kann ihn nicht leiden, oder viel schlimmer: Die Arbeitsplätze in der Firma sind gefährdet, jeder steht jetzt auf dem Prüfstand und los geht's ­ aus Angst. Mit gezielten Bemerkungen wird gestichelt, kleine Patzer werden zum Drama hochgespielt: Vielleicht kriegt man den anderen ja weg, bevor man selber dran ist . . .

Luther sprach davon, man solle den Nächsten "nicht verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren". Eine einwandfreie Devise. Was aber tun, wenn nach Erforschung des eigenen Gewissens nichts bleibt als die Feststellung: Da, wo der Kollege sitzt, ist er falsch am Platz? Manchmal merkt der andere das selber, ist vielleicht sogar froh, wenn man gemeinsam nach Alternativen für die bisherige Tätigkeit sucht. Klare Worte, die nicht verletzen, sondern die Stärken des anderen betonen, ohne die Schwächen zu vertuschen, können wie ein frischer Luftzug sein.

Denkbar auch, dem anderen so lange zur Seite zu stehen, bis er seine Arbeit packt. Das ist für einen selber viel befriedigender, als sich wie eine Giftnatter vorzukommen. Schwierig wird es, wenn eine Kollegin grundlos von der eigenen Grandiosität überzeugt ist und keiner außer einem selbst es bislang merkt. Der tägliche Ärger ist gewaltig, weil man viele Patzer für die andere ausbügeln muss und dadurch in der eigenen Arbeit behindert wird. Natürlich lockt auch hier die Versuchung, zu lästern und dem Chef nebenbei zu stecken, was die andere für eine Pfeife ist. In der Bibel (Matthäus 18) gibt es eine schöne Verhaltensregel für solche Konfliktfälle. Hat man Differenzen mit einem anderen, soll man hingehen und mit ihm unter vier Augen reden.

An Mut zu unbequemen Entscheidungen hapert es allerdings oft.

Klappt das, so die Bibel, hat man einen Bruder, in diesem Fall eine Schwester gewonnen. Geht das Gespräch schief, weil die andere trotz Freundlichkeit nicht verstehen will, soll man noch eine zweite oder dritte Person mitnehmen und es aufs Neue probieren. Zeigt auch dieser Versuch keine Ergebnisse, müssen laut Bibel alle ran. In der Arbeitswelt wird das heißen: der Chef oder die Chefin. Zur Führungsqualität gehört schließlich dazu, Gaben und Fähigkeiten zu erkennen, sie zu fördern und Schwächen aufzudecken ­ nicht bösartig, sondern so, dass der, der sich schwer tut, Aufgaben bekommt, die er wirklich schaffen kann. An Mut zu unbequemen Entscheidungen hapert es allerdings oft. Alle wissen, was schief läuft, und keiner tut etwas.

Man schleppt die Kollegin, den Kollegen mit, versucht gravierende Fehler zu bemänteln, tut so, als sei alles in schönster Ordnung und fühlt sich aus lauter Bequemlichkeit, manchmal auch aus Feigheit, menschlich auf dem richtigen Weg. Das alles fällt ja auch leichter als die Konfrontation mit denen, die nicht wollen oder können, was sie sollen. Herauskommen tut dabei rein gar nichts. Man sieht das an den Fällen, in denen unfähige Mitarbeitende das Ansehen ganzer Teams ruinieren, bis die guten Mitarbeiter weggehen. Oder bis, wie nicht nur bei der Polizei geschehen, sensible Mitarbeiter sich das Leben nehmen, weil keiner sich traut, den Mund aufzumachen. Das mögen Ausnahmen sein. Aber sich einander die Wahrheit nicht zu gönnen ist respektlos, gelegentlich grausam.

Es könnte ja sein, dass die zu Recht kritisierte Person an einer anderen Stelle wirklich besser aufgehoben wäre. Das einem Mitmenschen zu ermöglichen ist allemal besser, als hintenherum zu tratschen und zu mobben. Und am besten ist es, sich selber mit den eigenen Gaben und Schwächen so genau zu kennen und zu beobachten, dass man selber weiß, wo man nicht hinpasst und wo man mit seinen Talenten richtig aufgehoben ist.

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Lesermeinungen

alles schon erlebt - der Gemobbte war keineswegs unfähig, aber die Mobber, und sie sind es noch heute! Denen fehlt es ganz elementar an Grips, aber da sie das nicht wahr haben wollen, haben sie unseren Pfarrer auf übelste Weise weggemobbt.
Ich weiß nicht, was solche Menschen in der Kirche zu suchen haben. Sieht man in deren Biografie, weiß man: Aha, Stasi und Co! Widerliche Konsorten, die nur ihre eigenen Vorteile im Sinn haben! Die weiter treten, ob wohl der, dem sie Schaden zufügen wollen, schon lange am Boden liegt. Die sich vom minderbemittelten Superintendenten benutzen lassen, damit der groß rauskommt. Die Gottesdienste bewusst stören mit permanenten Kindergeschrei.
Wir gehen nicht mehr in die Kirche seitdem. Uns ist die Lust auf eine solche Gemeinde, die Mobbing unterstützt und trägt, vergangen!
Ich habe den Glauben an die Kirche verloren, dass solche Leute wie der Sup auch noch ungeschoren davon kommen.