Ursula Ott erledigt "Offene Briefe"

Ein paar offene Worte über offene Briefe
Streitet lieber mit offenem Visier statt mit offenen Briefen.

Es werden ja nicht mehr viele Briefe geschrieben, jammert die Post, die an manchen Orten deshalb montags gar nichts mehr zustellt. Wir können das nicht bestätigen. In unserer Redaktion gibt es eine Epidemie an "offenen Briefen". Allerdings verdient die Post nichts daran, denn es klebt keine Briefmarke drauf, und oft fragen wir uns – sind es dann überhaupt Briefe?

Wenn zum Beispiel Ulrich R. (bei uns gilt noch das Briefgeheimnis!) an den leitenden Theologen Kopp schreibt: "Ihr Artikel . . . ist verwirrend und spekulativ", dann freut uns die Meinungsäußerung. Aber warum kommt sie als "­offener Brief" daher? Aha, damit er "cc" an die "Evangelische Zeitung" geschickt werden kann. Die vermutlich sehnlich auf diese Kopie gewartet hat. Wenn Dieter H. an Margot Käßmann schreibt, er sei "erschrocken", dass sie laut chrismon-­Interview keine Altardecken bügelt, ist das inhaltlich ­völlig legitim. Aber der Titel "offener Brief" legt nahe, dass die ganze Welt in diesen bewegten Tagen ausgerechnet über ungebügelte Altar­decken erschrickt. Erschrickt! Huui buh!

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Besonders lästig war der offene Brief, der zu meinem Artikel über die Ärztin Kristina Hänel verschickt wurde und meine Entlassung forderte. Nicht wegen des Inhalts, dies ist ein freies Land. Aber er kam als Massenmail und nervte hier die ITler, die genug zu tun haben, unser Netz am Laufen zu halten.

Besonders lustig übrigens der offene Brief des Bloggers Roland T. an meinen Kollegen von 
evangelisch.de. "Sehr geehrter Herr Terbuyken" 
fing der Brief an, wurde aber nie zugestellt. Nur online gestellt. Ein netter User erzählte meinem Kollegen später von der sehr stillen Post. Ganz ehrlich, Brieftauben sind schneller.

Wir finden eh: Streiten ist besser als stänkern. Mit offenem Visier statt offenem Brief. 200 Paare haben sich auf Einladung von ­chrismon zum Streiten getroffen, insgesamt haben 9000 mitgemacht bei "Deutschland spricht". Was der Professor von der Erzieherin gelernt hat, was die Künstlerin der Psychologin zu sagen hatte und was der Bundes­präsident damit zu tun hat, lesen Sie unter chrismon.de/deutschlandspricht.

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,

bezugnehmend auf Ihren Beitrag "offene Briefe" im aktuellen Chrismon habe ich den Eindruck, dass Sie sich über meine Zeilen vom 19.03.2018 an die Redaktion des chrismon lustig machen.
Warum habe ich meine Zeilen "offener Brief" genannt? Ich wollte, dass die Zeilen an Frau Käßmann weitergeleitet werden. Also habe ich die Mail an die Redaktion gerichtet, da ich keinen anderen Ansprechpartner fand. Wie soll Frau Käßmann sonst ein Feedback erhalten?
Der Sinn meiner Zuschrift wird in Ihrem Beitrag sinnentstellend verkürzt. Ich war darüber erschrocken, dass Frau Käßmann sich für eine einfache Arbeit offensichtlich zu schade ist und damit die einfache Arbeit, die auch nötig ist, nicht gewürdigt wird. Da meine Zuschrift nach meinem Wissen nicht veröffentlich wurde, kann der Leser des aktuellen Beitrages das Anliegen meiner Zuschrift nicht erkennen. Also was sollte dieser Beitrag bewirken?
Übrigens, auf Seite 9 neben Ihrem aktuellen Beitrag "erledigt" werden Helfer für den Kirchentag gesucht. Menschen, die bereit sind, zum Gelingen des Kirchentages beizutragen. Auch das ist für mich gelebter Glaube. Viele werden wieder freiwillig einen Beitrag leisten.
Vielleicht könnten Sie sich bitte unter diesem Gesichtspunkt noch mal meine Zuschrift durchlesen. Auch das Handeln bzw. Nichthandeln von Christen, die in der Öffentlichkeit stehen, ist dabei meines Erachtens besonders wichtig.
Mit freundlichen Grüßen

Dieter Hemmerling


PS: zu Wortbedeutung offener Brief ist im Internet folgendes zu finden

Wortbedeutung/Definition:

dem Empfänger (zumeist eine prominente Persönlichkeit oder Institution) zugestellter und gleichzeitig der Presse zur Veröffentlichung übersandter oder übergebener Brief, in dem, unter anderem, ein zumeist gegenwartsbezogenes gesellschaftspolitisches Thema behandelt, ein die Allgemeinheit angehendes Problem aufgeworfen, ein kritischer Meinungsbeitrag ausgesprochen oder dergleichen dargelegt wird

Sehr geehrte liebe Frau Ott,

Ihre Beiträge in Chrismon lese ich immer. Sie schreiben interessant, intelligent, humorvoll und weitsichtig. Das gefällt mir. Unter „Erledigt“ schrieben Sie in der Ausgabe 11 über eine Mail, in der Ihre Entlassung gefordert wurde. Ich kontere: Bitte schreiben Sie mindestens bis 70.

Herzliche Grüße,

Rainer Horn