Ursula Ott über Spenden zu Weihnachten

Im Advent was abgeben. Geht nicht? Klar, jetzt erst recht!
Corona ist für viele die Voll-Katastrophe. Aber wenigstens zu Weihnachten lohnt der Blick in die weite Welt.

Letzte Woche habe ich es denn doch getan: das Abo von meinem Fitnessstudio ­gekündigt. Klar, die wollen auch überleben, so wie Bars, Theater und Kinos. Drum ließ ich den Dauerauftrag laufen, auch während der Schließungen im Frühjahr und im Herbst. Aber meine Versuche, zwischen schwitzenden 20-Jährigen zu sporteln, endeten regelmäßig damit, in die Tagebuchfunktion meiner Corona-App zu tippen. Blöde Idee, war beim Sport. Dann lieber wegbleiben statt beichten. Joggen, Yoga im Park und Ver­renken vorm heimischen Fernseher. Und überlegen: Was mache ich mit den 60 Euro, die ich jetzt monatlich spare?

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Ich weiß, das ist eine privilegierte Frage, vielen Haushalten würden 60 Euro existenzielle Sorgen nehmen. Aber vielen geht es auch wie mir: Wir können was abgeben. Wir können über "Brot für die Welt" einer Schülerin auf den Philippinen den Schulunterricht finanzieren – meine 60 Euro reichen immerhin, um zwölf Kindern Schulgeld, Buntstifte und Bücher zu sichern. Oder ich kann bei Seawatch jeden Monat sechs Rettungswesten finanzieren. Oder direkt an meine Südstadtgemeinde überweisen, weil ich weiß: Der Pfarrer hilft unbürokratisch, wo Not ist, der alleinerziehenden Mutter im Veeedel genauso wie dem frierenden Flüchtlingskind auf Samos.

Andere unterstützen – das ist nicht nur eine Frage des Anstands, sondern hilft auch gegen Corona-Blues. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie schreibt, Hilfsbedürftige zu unterstützen helfe gerade jetzt nicht nur dem Empfänger, sondern auch der Helferin. Statt Runner’s High auf dem Laufband quasi ein Helper’s High. Und der Empfänger wird hoffentlich auch ein bisschen glücklicher. Die UNO hat ausgerechnet, was der Mensch, global gesehen, zum Glück braucht: 2500 Kalorien am Tag. 100 Liter Wasser. 6 Quadratmeter Wohnraum. Platz zum Kochen. Sechs Jahre Schule. Da müssen wir schon noch ein wenig nachhelfen.

Was beim Corona-Blues auch hilft, so die Therapeuten: Gefühle zulassen, auch schlechte. Glücklich kann man nicht immer sein, auch ein "Tränenweihnachten" kann guttun, hat ­meine Kollegin Christine Holch heraus­gefunden, als sie die Kirchen landauf, landab abklapperte und fragte, wie denn dieses Jahr Weihnachten ge­feiert wird. Richtig gute Ideen sind ­dabei. Ihnen wünsche ich: Feiern Sie das Weihnachten, das gut für Sie und Ihre Lieben ist. Und bleiben Sie großzügig.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott!
Mein "Fitnessstudio-Abo" läuft weiter, ohne dass ich dort so schnell wieder laufen und trainieren kann! Ich habe Geld gespendet und einige Möbelstücke zum Verschenken angeboten! Am Dienstag habe ich mein Blut gespendet, ich engagiere mich ehrenamtlich, und und und...!
Alles okay oder was, oder doch nicht so?
Mein Groll über so manche dieser politischen, aber total weltfremden Entscheidungen, der wird täglich größer und größer. Frust schiebe ich trotzdem keinen, denn als Kunstschaffender kann ich aus dem Vollen schöpfen, und jederzeit die "Sau" rauslassen. Das gönne ich mir einfach!
Wir Künstler (ich arbeite im Atelier BAU 14 in Nürnberg) stehen derzeit zwar voll auf dem Abstellgleis, und hier bei uns in der Stadt, da werden bald sehr viele meiner Kollegen sogar auf der Straße stehen.
Ich habe den Eindruck, dass unsere Politiker längst von allen guten Geistern verlassen worden sind, und dass sich jede Logik bereits in Luft aufgelöst hat.

Eine herzliche Vorweihnachtszeit an Sie, liebe Frau Ott,
ist es falsch so zu denken? Schon lange treibt mich mein Gehirn in andere Richtungen und ich habe immer wieder hinterher ein schlechtes Gewissen. Ich sitze (oder saß) in der Kirche und höre mir regelmäßig die Berichte über unsere Brüder und Schwester in entfernten Teilen der Welt an und denke: „was würde passieren, wenn über unser „zu Hause“ so berichten würden“.
Ich muss etwas ausholen, bin mit 4 Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof groß geworden, zusammen mit Tieren, mit unserer Erde, mit den Pflanzen, mit Insekten, der Luft, dem Himmel, der Sonne dem Mond und den Sternen. Für mich war es mit Pferd und Wagen und Sense noch ein gutes Stück Anstrengung, um unser Kulturland zu pflegen.
Wenn nun Ihr Artikel etwa so aussehen würde:


Wir können was abgeben, können unserer Erde wieder ihre Würde zurückgeben, nicht Beton sondern Brennnessel, nicht Gleichförmigkeit sondern Vielfalt, können unseren Tieren wieder ihre Natürlichkeit geben, unsere Insekten nicht wie „überflüssig“ behandeln.
60 € pro Monat würde reichen für ein wenig mehr für die monatliche Milch, es gibt Erzeuger und Zulieferer, die sich verpflichtet haben unsere Welt zu schonen, 60 € pro Monat würden reichen um genügend Samen für jahresübergreifende Blühstreifen im lokalen Bereich zusammen zu bekommen, 60 € würde reichen für die Monatskarte des Stadtbusses um aus privat genutzten Parkbuchten wieder Insekteninseln zu machen.

Den Eindruck zu erwecken, mich würde die Welt außerhalb der drei Meilen Zone nicht interessieren, ist nicht meine Intension, eher die, dass ich mir schwer vorstellen kann, dass eine Vorbild, das gerne helfen möchte, das aber seine eigene Welt mit Füßen tritt, nicht als Vorbild taugt.
Gefühle zulassen, ja das hab ich zu Corona Zeiten noch intensiver gemacht, und es gespürt, dass wir jetzt nicht noch weiter unsere Ressourcen ausbeuten dürfen um damit andere auf den gleichen jetzt schon bekannten Holzweg zu führen. Nur jeder Einzelne kann die ihm in die Hand gelegten Ressourcen in Einklang mit unserer Umwelt sinnvoll einsetzen, um dadurch unser Großes und Ganzes zu erhalten.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit.

Sehr geehrte Frau Ott,
mich hat Ihr Beitrag so sehr angesprochen, dass ich mich spontan entschlossen habe, darauf zu antworten.
Sie haben mir mit dem Beitrag aus der Seele gesprochen.
Nun zähle ich zu den privilegierten Menschen in Deutschland, die überdurchschnittlich verdienen und keinerlei Einkommenseinbußen während der Corona-Pandemie zu verzeichnen haben.
Meine Erfahrung ist, dass gemessen an dem, was wir könnten, zu wenig abgegeben wird. Da wird es so viele Argumente geben, wie es Menschen gibt, tendenziell wohl noch mehr. Wahrscheinlich ist dies Ausfluss der sehr deutlich kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft. Zu teilen hat jedoch immer zwei Gewinner: Derjenige, der bekommt. Er profitiert direkt durch Verbesserung seiner materiellen Situation. Und auch derjenige, der gibt, profitiert: Emotional. Nein, das ist kein Ablasshandel, kein Versuch, sich durch gute Taten ein gutes Gewissen zu erkaufen. Das wird auf die Meisten zutreffen, denke ich.
Ich habe mich dieses Jahr beruflich und persönlich neu orientiert und habe als Banker eine Hand voll eigene Immobilienverkäufe abschließen können.
Die Gewinne fließen fast ausschließlich dem Allgemeinwohl zu: 50% Steuern in Deutschland zur Finanzierung von Schulen, Kindergärten, usw. Zudem 25% an "Brot für die Welt" zum Schutz der Kirchenwälder in Äthiopien. Der Rest verbleibt bei mir. Warum ich das erwähne? Weil so viele mich komisch anschauen, wenn ich nach der "Gewinnverwendung" gefragt werde: "Was denn, dein Ernst? Du spendest da was von?!", "Kann nicht dein Ernst sein! Du könntest doch viel mehr mit dem Geld anfangen!"
Meine Kirchengemeinde wollte den Spendenbetrag übrigens nicht haben. Die Pfarrerin sagte zu mir, als ich noch unentschieden war, wer wie viel bekommen sollte: "Ach wissen Sie, wir brauchen immer Geld. Aber geben Sie es an "Brot für die Welt", die brauchen es dringender!".
Starkes Statement.
Ja, wir können etwas abgeben. Jeder kann geben: Geld, Zeit oder im besten Falle beides. Wenn wir das alle in noch größerem Maße machen, ist uns allen geholfen.
Ihr Beitrag regt zum Nachdenken an, eine klare und deutliche "Ansage" eben, perfekt!
Mit besten Grüßen aus dem Süden Niedersachsens
Ihr
Marian Sebastian B.