Ursula Ott über Demut und Zufriedenheit während Corona

Das kann man üben: Zufrieden sein mit dem, was eben geht
Mit Hadern und Zanken kommen wir die nächsten Wochen nicht weiter - Demut ist angesagt.

Mein Laptop wurde unlängst neu aufgesetzt, und es meldeten sich Programme, die ich seit Jahren benutze, neu bei mir an. Outlook zum Beispiel. "Beginne etwas Großartiges", großschwatzte es auf meinem Bildschirm. Großartig? Weiß nicht. Passt gerade so wenig in diese Zeit wie Trump zu Amerika.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Irgendwann ist unser Leben vielleicht wieder großartig again, aber gerade scheint es mir vernünftiger, wenn wir uns mit dem zufriedengeben, was halt gerade noch so geht. "Geben Sie sich zufrieden und machen Sie das Bes­te draus", sagte mir neulich eine reichlich genervte Ärztin vom Gesundheitsamt. Ich war in Quarantäne, weil eines der Kinder nach dem Urlaub einen positiven Test hatte. Der Junge blieb gesund, ich auch, aber die Spielregeln sind so: Wer in engem Kontakt mit einer "Indexperson" war, muss 14 Tage in Quarantäne. Da hilft auch kein negativer Test (hatte ich!) und keine quengelnden Telefonate und E-Mails mit den Ämtern (machte ich!) – die Quarantäne ist eine staatliche Anordnung, in meinem Falle ein Brief, unterschrieben von der Oberbürgermeisterin: "Ich verfüge." Ich verstand.

Während ich meine Energien ans verpasste Leben verschwendete, wurden die 20-Jährigen kreativ

Und tat mich doch schwer mit der Demut vor den Regeln. Ungerecht! Herr Lauterbach sagt, zwei Wochen sind zu viel! Es scheint die Sonne, ich will raus! Ich haderte. Und mit mir zunächst der Sohn, der seinen Semesterbeginn verpasste, ebenso wie alle 18 Freunde, die er als Kontakt gemeldet hatte. Alle versäumten was: Uni, Familienfeiern, Praktika. Aber während ich meine Energien noch ans verpasste Leben verschwendete, wurden die 20-Jährigen schnell kreativ. Schickten sich kleine Videos aus der Quarantäne, übten mit der Gitarre das Lieblingslied, das sie im Sommer am Strand gehört hatten. Und fanden eh lustig, dass Rewe-Lieferdienst, ­Flaschenpost und Lieferando die tägliche Versorgung übernahmen. Sie ­gaben sich schneller zufrieden mit dem, was man nun mal nicht ­ändern konnte. Ich hoffe, ich habe fürs ­nächste Mal was gelernt.

Kann man Demut üben und dennoch von besseren Zeiten träumen? Unbedingt. Vom "ou topos", dem Nichtort, handelt eine spannende Aus­stellung zu Technikvisionen ab 18. Novem­ber im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main. Wir haben sie zum Anlass genommen, über Utopie und Dystopie nachzudenken. Zu erklären, was der Unterschied ist zwischen einer Utopie und dem "Reich Gottes", das wir bei jedem ­Vaterunser erbeten: Dein Reich komme. Und ich persönlich bin zufrieden, dass das wieder geht: ein ­Museum besuchen.

Leseempfehlung

Es gibt darauf nicht die eine Antwort. Wer Leid aushalten muss und darauf vertraut, dass Gott antwortet, wird Wege erkennen
Donnerstags verdient sie HealthCoins. Die Heldin dieser Kurzgeschichte aus der Zukunft schaltet das System an und assistiert DocDent. Dem Zahnarzt, vor dem Kinder keine Angst haben

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren! Auf jede Ausgabe freue ich mich und lese sie intensiv und meist mehrfach, bevor ich sie mit einer Freundin teile. In der letzten Ausgabe hat mich besonders das Zwiegespräch über "Sterbehilfe" angesprochen, mich zur eigenen Stellungnahme herausgefordert. So geht es mir oft bei einzelnen Artikeln - das finde ich sehr gut. So treffen Ursula Otts "Ansagen" sehr oft ins Schwarze - für mich.
Herzlichen Dank dem Redaktionsteam für die gründliche und intensive Arbeit!
Mit herzlichem Gruß, Renate Löffler.

Corona zeigt uns nachdrücklich was Mensch mit seiner Welt- und "Werteordnung" falsch, um es der Vernunftbegabung wegen gottgefällig zu ändern, und dann kommt so ein Text über Zufriedenheit und Demut.