Ursula Ott über das neue Normal während Corona

Bitte cool bleiben – wir können nicht jeden Tag Notfall spielen
Gut gemeint, aber nervig: Können bitte die Corona-Hygienekonzepte dezenter daher kommen?

Erster Kinobesuch nach der ­langen Schließung, große Freude. Der Film ist furios, es geht um aggressive Männer im Knast und um Killerhunde. Aber schon nach fünf Minuten latentes Unbe­hagen: Lauert die wahre Lebensgefahr doch in Reihe 8, Platz 1? Denn die ­Moderatorin (wir reden vom Premierenabend) bedankt sich überschwänglich und gleich drei Mal dafür, dass wir Zuschauer uns wirklich ins Kino getraut haben, das sei gar nicht selbstverständlich. Das Mikrofon, das von Produzent zu Regis­seurin geangelt wird, muss desinfiziert werden. Sehr gut, nichts anderes erwarte ich in diesen Zeiten. Aber muss man immer sagen: "Die Ute desinfiziert jetzt das Mikro?"

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Ich kann gut verstehen, wie blank die Nerven liegen bei Konzert- veranstalterinnen und Kinobetreibern. Zehn Wochen ging nichts, und jetzt gehen nur 60 Leute in einen 300-Plätze-Saal. Aber die 60 wollen nicht die ­ganze Zeit an Corona-Hygienekonzepte denken. Sie wollen Filme ­gucken. Gilt analog auch für Hotels und Kneipen. Ich war neulich in einem Hotel, wo auf dem Bett ein Zettel lag, man ­möge sich beim Frühstück beeilen wegen der zwei time slots. Geht klar, aber der Ton könnte netter sein. Sonst guck ich lieber Netflix mit Müsli zu Hause und spende 100 Euro an die Filmförderung und an die Dehoga.

"Bitte einmal durch die Waschstraße"

Es geht auch anders. Neulich in Wien in einem Gottesdienst im 3. ­Bezirk. Die Pfarrerin begrüßt an der Tür mit Mundschutz, sagt "Bitte einmal durch die Waschstraße" – sie meint zwei Tische mit Desinfektionsspray und Masken – und predigt sodann vom Himmel. Und vom Reisen. Ohne – so heißt auf Österreichisch das ewige Lamentieren über Masken und Viren – "Corona-Gesuder". Ich finde auch die Bahnanzeigen am Gleis in Deutschland gut: "Schön, dass Sie wieder da sind." Und erst dann der Hinweis auf die Maskenpflicht.

Sind wir bei chrismon wieder mal die Schlaumeier, die alles besser wissen? Nö. Auch ich habe in den ersten Corona-Wochen jeden Morgen gut gemeinte Mails mit Frühlingsbildern und Motivationssprüchen an meine KollegInnen geschickt, die fast alle im Homeoffice waren. Und habe dabei spät bemerkt, dass zu viele Hinweise auf den Arbeitsschutz ("Unsere Klima­anlage hat einen Hepa-Filter! Am Empfang steht Desinfektionsmittel!") nicht gerade einladend wirken, sich jetzt wieder ins Gebäude zu wagen. Ich wollte sagen: Kommt gern wieder, es ist safe. Angekommen ist bei ­manchen: Hier herrscht Krieg. Ach, wir lernen viel zurzeit. Auch von Ihnen. Wie machen Sie das mit dem "neuen Normal"? Schreiben Sie mir!

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott,
das "neue Normal" ist bei mir in vielerlei Hinsicht im Umgang mit meinen Mitmenschen das "alte Normal" geblieben. Auch vor den Verordnungen waren Mitbürgerinnen und Mitbürger für mich keine sich bewegenden Gefahrenherde und potenzielle Träger von Erregern. Besonnenheit, Nachdenklichkeit und Rücksichtnahme haben auch in der "Krise" eine hohe Bedeutung für meine Lebensführung.
Umso mehr erschrecken mich die mediale Dauerhysterie und Verunsicherung, die weite Teile der Bevölkerung ergriffen hat. Permanent erzeugter Alarmismus, auch durch politische Bekundungen, statt Aufklärung und unabhängige Information, verursachen eine zunehmende Schwächung, Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft.
Angst ist kein guter Ratgeber. Auch schon vor der "Krise" nicht. Angst schädigt auf Dauer unseren Geist, ebenso das körpereigene Immunsystem des Menschen. Auf ein solches gestärktes kommt es doch an, wenn wir in Zukunft wieder "normal" miteinander leben wollen.
Mit freundlichen Grüßen
Ulrich Müller

Hallo Chrismon-Team!
"Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer." (Zitat von Aristoteles, 385 v.Chr. - 322 v. Chr., griechischer Universalgelehrter)
Wir sind von Coronaviren umzingelt, sie lauern uns überall auf. Haben wir überhaupt eine Chance dieser Pandemie zu entkommen?
Jetzt hat es sogar den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump erwischt. Der Corona-Leugner Trump ist zum Coronavirus-Opfer geworden.
"Potz Blitz", lasst uns einfach ein paar Gänge runterschalten und voll durchschnaufen, um endlich mal wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Viren und Bakterien gibt es schon länger als uns Menschen; deshalb bleibt uns nur eine Chance, einfach wieder mit diesen "Gesellen" leben zu lernen. Wir müssen mit Viren und Bakterien auskommen, uns brauchen diese "Lebewesen" wohl eher nicht so dringlich.
Ihr Klaus P. Jaworek

Liebe Frau Ott,
Ihr Artikel hat mir gut getan. Ich erlebe zur Zeit einige Kritik, vor allem von Frauen, die meine relative Sorglosigkeit im Umgang mit Corona irritiert.
Von Anfang an habe ich mich an bestehende Vorschriften gehalten, auch wenn sie mich nicht immer überzeugten. Aber die Vergleichszahlen mit anderen Ländern zeigten deutlich ihren Nutzen. Für mich als alleinlebende Frau der Anfangs als Risikogruppe eingestuften Menschen gab es zwei Alternativen: Ich vergrabe mich in ständiger Angst oder ich führe mein altersbedingt ohnehin eingeschränktes Leben so weit wie erlaubt weiter. Mit dieser positiven Grundeinstellung überstand ich die Frühlings – und Sommermonate gut.
Nun nehme ich die wieder erlaubten Möglichkeiten wahr, das sehr vermisste Singen im Chor, Kinobesuche und Teilnahme an anderen kulturellen Veranstaltungen, unbeschwerte Lokalbesuche und Ausflüge mit meinen Freunden. Aber immer wieder erlebe ich, dass mir nicht so nahestehende Menschen das vorwerfen. Sie erwarten von mir, überspitzt ausgedrückt, dass ich mit ihnen das durch Corona drohende Weltende zitternd erwarte. Die bis jetzt einzig überzeugende Aussage, dass noch keine eindeutigen Prognosen über den weiteren Verlauf der Pandemie möglich sind, akzeptieren sie nicht und versuchen, mir ihre Hiobsbotschaften als wissenschaftlich erwiesene Wahrheiten aufzudrängen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es Situationen gibt, in denen man so sehr von Angst besessen ist, dass man Zweifel an ihr nicht erträgt. Nach Tschernobyl erlebte ich, dass Frauen sich durch gemeinsame Ängste gern gegen die männliche Coolness solidarisieren. Aber damals wie auch heute spüre ich, dass eine schwer greifbare Bedrohung auch als Vehikel für verdrängte Probleme dienen kann.
Ich freue mich über ihre Aufforderung cool zu bleiben! Das fördert die seelische und körperliche Gesundheit und damit auch die Abwehrkräfte.
Mit freundlichen Grüßen
Ilse Wagenknecht

Sehr geehrte Frau Ott,
obwohl ich passionierter (Tages-)Zeitungsleser bin, gehört das Verfassen von Leserbriefen nicht zu meinen besonderen Neigungen. Die letzte Ausgabe von CHRISMON, als Beilage zur F.A.Z., hat nun in gewisser Weise zu einer Kehrwende geführt.
Ich möchte mich nicht elegisch verbreiten, sondern Ihnen und der Redaktion für diese Ausgabe danken.
Dem Inhalt Ihrer Ansage kann ich nur zustimmen: wir können nicht jeden Tag Notfall spielen. Aus dem Umfeld der "Profis" und Ehrenamtlichen im Diakonischen Werk in meiner Heimatstadt Osnabrück meine ich zu wissen, wovon Sie sprechen.

Der Beitrag von Annette Kurschuss (Lieblingsorte) sprach mir buchstäblich aus dem Herzen, auch und wegen eigener Erfahrungen. Ein Schreiben in ähnlicher Sache an "meinen" Superintendenten vor einiger Zeit blieb leider unbeantwortet.

Und was Erik Schilling (Authenzität) schreibt, gehört in dieser Dichte zum besten, was zum Thema je gelesen habe.
Erschütternd, aber dringend notwendig: die Reportage Aufgeblüht.
So, das war´s.
Ich grüße Sie herzlich
Dr. Ullrich Schneider

Liebe Frau Ott,
Ihr Artikel spricht mir aus dem Herzen. Auch ich nehme es so wahr, dass es gerade in dem Bereich, in dem Menschen freiwillig z.B. Kultur genießen wollen, es darauf ankommt, die Coronaregeln "mit einem Augenzwinkern" rüberzubringen und sie nicht zum Hauptthema der Veranstaltung zu machen. Ich arbeite beruflich als Lehrerin in einem großen Gymnasium und da gibt es genug, was coronatechnisch nun mal vermittelt werden muss (natürlich auch da möglichst freundlich). Aber in meiner Freizeit möchte ich wirklich mal wieder Musik hören, einen Film sehen, einen Gottesdienst besuchen ohne mehr als irgend nötig mit dem Thema konfrontiert zu werden. Ich kenne ja die Regeln: Maske, Hände desinfizieren, sich registrieren lassen. Klar, mache ich.
Gestern bin ich also mal wieder in den Gottesdienst meiner Ortsgemeinde gegangen (vorher habe ich überlegt: lieber zu Hause bleiben, Musik hören, was für mein Französisch tun?). Doch, es war mir aber wichtig, ich betrat in letzter Minute die Kirche, Hände desinfizieren, auf den nächsten Einzelplatz setzen, Registrierkarte ausfüllen, zur Ruhe kommen, auf das Einsetzen der Orgel warten. Da trat eine Presbyterin auf mich zu "Würden Sie bitte das nächste Mal warten, bis das Serviceteam Sie auffordert, sich zu setzen?" Ich fühlte mich gestört, aus dem Konzept gebracht, konnte in der Situation ja auch nicht mit ihr diskutieren und bin dann einfach ohne ein Wort wieder gegangen. Habe zu Hause Musik gehört und was für mein Französisch getan.
Ich sage nicht, dass das eine souveräne Glanzleistung von mir war oder besonders christlich. Es ist nur genau das, was Sie über die Kinos oder Hotelfrühstücks schreiben, dass Sie dann im Zweifelsfall lieber Netflix mit Müsli zu Hause gucken und 100 Euro an die Filmförderung oder die Dehoga spenden. Ich würde für mich modifizieren: Ich könnte mir für nächsten Sonntag gleich den Radiogottesdienst raussuchen und 100 Euro an Brot für die Welt spenden.
Herzliche Grüße von Sabine Koehn