Ursula Ott über Plätze teilen während Corona

Öfter mal Platz machen – Heidewitzka, geht doch!
Musikschule im Saunagarten, Kinderlesung auf dem Parkplatz - coole Ideen, sich nah zu sein trotz social distancing.

 Ich wachte dieser Tage von einem lauten Hämmern unter meinem Schlafzimmerfenster auf, unter dem Schild "Anwohnerparken" schraubten junge Leute an Holzpaletten. Blick aus dem Fenster, in drei neugierige Gesichter gegenüber. Was machen die da? Hilfe, noch zwei Parkplätze weniger? Fragen hilft. Siehe da: Die WG von gegenüber hat bis Oktober eine Ausnahmegenehmigung bekommen, kleine "Parklets" zu bauen. Eine provisorische Bühne für uns Nachbarn und Nachbarinnen, mit einem Tauschregal für Kinderbücher, einer Fahrradpumpe für alle, einem Hochbeet. "Und gerade kam ein Flamencogitarrist vorbei", freuen sich Katrin und Laura, "der will hier abends spielen, er hat eh fast keine Auftritte diesen Sommer."

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Wie schön. Anwohner-Flamenco statt Anwohnerparken. Das ist für mich der größte Corona-Gewinn: dass sich seit März so viele Menschen Plätze teilen. Die Musiklehrerin, die wegen der Virengefahr in geschlossenen Räumen keine Workshops mehr ab­halten durfte, übt jetzt Kontrabass und Ukulele im Saunagarten meines städtischen Freibads. Die "Senatoren" der Karnevalsgesellschaft "Kölnische KG" hielten ihre Mitgliederversammlung in Tret- und Ruderbooten auf dem Deck­steiner Weiher ab – und durften sogar laut "Heidewitzka" singen. Und die evangelische Gemeinde Husum-Schobüll, die wegen Bauarbeiten plus Corona keine Herberge hat, feierte im Juli an der Star-Tankstelle Gottesdienst. "Wenn es regnet", versprach der Tankwart, "öffnen wir die Kfz-Servicehalle."

Durchlüften im Hirn ist ­sowieso gut

Klare Win-win-Situation. Für die Gastgeber viel PR, für die Gäste neue Räume. Aber klar – bisschen um­stellen muss man sich schon. Wenn jetzt viele ­Firmen nach und nach ihre Leute aus dem Homeoffice zurückholen, wird man gucken: Wer sitzt wo? Wessen Einzel­büro ist gerade frei, wo kann man gut lüften, wer gibt seinen Stammplatz auf? Durchlüften im Hirn ist ja ­sowieso gut. Die französische Rabbinerin Delphine ­Horvielleur antwortete im Deutschlandfunk auf die Frage, warum sie Feministin sei: "Mir geht es um die Grundsatzfrage: Bin ich bereit, in meiner Welt anderen einen Platz einzuräumen, jenen, die ausgegrenzt wurden, die ihren Weg noch nicht gefunden haben?" Schöne Definition von Feminismus.

Freiwillig Platz machen fühlt sich besser an als Platzverbot. Ohne Verbote wird es dennoch nicht gehen, wenn wir das Klima retten wollen, sagen der Comedian ­Sebastian Pufpaff und Lou Töllner von "Fridays for ­Future". Platz da – frei­willig oder mit Zwang. Was meinen Sie?

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,
Ihre Vorworte habe ich schon manches mal gerne mehrfach gelesen. Obwohl es kein Vorwort ist- bescheiden / dezent platziert.
Es ist so nett zu lesen - manchmal gar so, als hätten Sie "laut gedacht".
In Ihrer letzten Ansage, hat mir ein Satz mega-guten gefallen. Darum ist er nun in meinem Zitate-Buch aufgenommen.
Alles Gute und herzliche Grüße aus Norddeutschland,
Sonja Schwientek