Kinderporträts aus Nicaragua

Die Kinder der Casa
Nahomi Espinoza

Pan Y Arte e.V.

Nahomi dichtet über die Blumen in ihrem Garten

Nahomi dichtet, Maria spielt Theater. Das Kulturzentrum "Casa de los Tres Mundos" im nicaraguanischen Granada besuchen jeden Nachmittag Hunderte von Kinder. Johannes Kranz, stellvertretender Direktor, stellt vier von ihnen vor.

Nahomi Espinoza (11)

Ich treffe Nahomi an einem heißen Nachmittag in ihrem Häuschen im Barrio Posintepe, wo sie sich gerade für die Schule fertig macht. Wie viele Kinder in Nicaragua geht sie nachmittags zum Unterricht, da die Schulen aus Platzmangel zwei Schichten machen müssen, Vormittags- und Nachmittagsunterricht.
Nahomi wohnt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen, sehr sauberen Wellblechhaus. Wir setzen uns in ein schattiges Plätzchen vorm Haus auf den Lehmboden und Nahomi fängt an, vom Poesiekurs zu erzählen. Für ihre elf Jahre wirkt sie sehr reif und ausgeglichen und deklamiert mir gleich ein eigenes Gedicht, ganz ohne Peinlichkeit und Angst:

Las Flores de mi Jardín 

Las rosas son rosas, los claveles azules, las margaritas amarillas,
todas son flores,
pero de distintos colores.
Tomé la rosa y la olí, tomé el clavel y lo olí, tomé la margarita y la olí –
Todas olían deliciosas,
pero mi favoritas eran la rosas,
todas hermosas.
En mi jardín hay muchas de ellas, pero yo quiero la rosa.
La tomé

y se la entregué
a mi madre. Mi madre la puso en un jarrón
y nunca se marchitó
y duró
para toda la eternidad.

(Übersetzung von Johannes Kranz:
Die Rosen sind rosa, die Nelken sind blau, die Margeriten sind gelb,
und alle sind Blumen,
besonders doch jede in ihrer Art.
So nahm ich die Rose und ihren Duft, die Nelke und ihren Duft, 
die Margerite und den ihren:
alle so wunderbar, alle bezaubernd,
jedoch meine Liebsten das waren die Rosen.
Ich brach sie und gab sie meiner Mutter.
Meine Mutter gab sie in einen Krug,
und sie verwelkten nicht
bis ans Ende aller Zeiten.

Anmerkung: In dieser ziemlich wörtlichen Übersetzung ist der Rhythmus
weitgehend erhalten, aber es gehen einige Reime verloren, wie flores – colores, rosas – hermosas, tomé – entregué.)

 Pan Y Arte e.V.

Fragen an Nahomi

Johannes Kranz: Wie bist du zum Poesiekurs gestoßen?

Nahomi: Eines Tages kam eine Gruppe von Kindern zu uns in die Schule und hat den Kurs vorgestellt, und da haben meine Freundin und ich und zwei andere Klassenkameraden uns gleich eingeschrieben. Der Kurs war von
Anfang an sehr… interessant.

Interessant inwiefern?

Also, zuerst haben wir uns gegenseitig Gedichte vorgelesen. Dann haben wir gelernt, uns genauer auszudrücken. Gedichte sind für mich etwas ganz Besonderes, man fühlt sich ganz anders, unglaublich… Ich kann darin besser Gefühle ausdrücken. Deshalb schreibe ich auch gern Gedichte. Und nicht nur für mich, auch für andere kann ich mich ganz anders ausdrücken. Das Gedicht zum Beispiel, das ich gerade vorgetragen habe, habe ich meiner Mutter immer wieder vorgesagt.

Siehst du durch die Poesie die Welt jetzt anders?

Klar, vorher kam mir alles, hm, langweiliger vor. Jetzt sind die Dinge interessanter, intensiver. Ich schreibe jetzt immer wieder Ideen auf, nicht jeden Tag, aber immer wieder.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ja, ich würde gerne weiterhin Gedichte schreiben. Ich helfe auch in meiner Kirche, und ich würde gerne etwas in der Kirche machen, als Beruf. Meine Freunde sagen manchmal, sie träumen von großen Dingen, ich nicht. Ich will predigen lernen und dann die Erlaubnis bekommen, selbst zu predigen, um mit anderen Leuten meine Erfahrungen zu teilen.

 

Eduardo Vado (10)

 Pan Y Arte e.V.
Eduardo ist erst seit diesem Jahr im Poesiekurs, doch er hat schon vorher immer wieder eigene Gedichte gemacht. Eines zum Beispiel hat er für seine Tante geschrieben, als sie im Krankenhaus war. Was die Gedichte für ihn bedeuten, frage ich ihn. Eduardo sagt, sie können anderen viel Freude bereiten, oder jemanden trösten: "Meine Tante zum Beispiel hat sich sehr über das Gedicht gefreut, obwohl sie dann doch noch mehr weinen musste, wahrscheinlich, weil es ihr so gut gefallen hat. Wenn Dichter etwas schreiben, schreiben sie über ihre Gefühle, und alles, was in ihrem Leben so passiert ist. Ich kann zum Beispiel ein Gedicht über diesen Baum machen!", sagt Eduardo selbstbewusst, setzt eine ernste Miene auf und beginnt:

Eduardos Gedicht

El cielo es azul. La naturaleza es hermosa,
dando todas sus fuerzas,
para que los arboles den frutos,
que retoñen y crecen grandes y fuertes.

(Übersetzung von Johannes Kranz:
Der Himmel ist blau. Die Natur ist wunderbar,
und sie gibt ihre ganze Kraft,
damit die Bäume Früchte tragen,
damit sie Blätter treiben und groß und stark werden.)

Und dann lacht Eduardo doch etwas unsicher und schaut zu seiner Tante.

 

Paola Gutiérrez (14)

 Pan Y Arte e.V.
"Eine Freundin aus der Nachbarschaft war damals im Theaterkurs, und die hat mich gefragt, ob ich nicht mitkommen will. Ich hab mir das einmal angeschaut, und es hat mir gleich gefallen, wie die Kurse ablaufen, total dynamisch. Wir haben ein Stück über Gewalt in der Familie gemacht, was in vielen Familien vorkommt, das ist ein wichtiges Thema. Bei der zweiten Aufführung habe ich dann plötzlich meinen Text vergessen, aber unser Lehrer hatte so kleine Zettel und hat mir einen zugesteckt, da wusste ich wieder weiter… hat niemand
gemerkt!
Die Kurse waren toll, auch der Lehrer ist super, das war nicht nur Theater, sondern auch Akrobatik, Spiele, Übungen, wie man die Angst verliert, und
so. Dann war ich auch eine Zeit lang im Poesiekurs, das war auch ziemlich cool, wir haben den Unterricht nicht in einem Klassenzimmer gemacht, sondern unter einem Baum. Gedichte vor den Klassenkameraden deklamieren macht Spaß, ich hatte auch meine eigenen Gedichte, aber meine kleine Schwester hat mein Heft verloren, die nimmt immer meine Sachen. Nach zwei Jahren konnte ich dann leider nicht mehr weitermachen, weil ich meiner Mutter bei der Arbeit helfen muss, sie ist Putzfrau."

 

Maria Mercedes Maltéz (15)

 Pan Y Arte e.V.
"Ich bin seit einem Jahr im Theaterkurs. Im letzten Stück war ich eine Straßenverkäuferin. Ich hatte am Anfang ziemlich Lampenfieber, aber wir haben uns in der Gruppe gegenseitig Mut gemacht. Wenn man sich nur aufs Stück konzentriert, dann vergisst man die Angst. Was ich gelernt habe…? Dass man anderen nichts vormachen soll, sondern Vertrauen in sich selbst haben muss.
In der Theatergruppe gibt´s immer was zum Lachen, und manchmal sind wir auch laut. Der Lehrer ist sehr streng, aber das ist okay, das ist sein Job. Es ist unfair gegen ihn, wenn wir manchmal zu chaotisch sind. Ich möchte weiter in die Schule gehen und dann studieren. Mein Traum ist es, Ärztin zu werden."

Infobox

Die Casa de los Tres Mundos ist ein Kinderkulturzentrum in Granada/Nicaragua. Wir stellen es ausführlich vor.

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