Ist das Kind richtig so?

Monster, die mit Möhren werfen
Monster, die mit Möhren werfen

Matilda Delves/Getty Images

Baby boy (1 year old)in a garden walking towards his father

Kleinkinder verhalten sich oft ziemlich bizarr. Sind die gaga, oder hat das einen Sinn? Christine Holch versucht, ihren Enkel zu verstehen – mit Hilfe der Wissenschaft.

Ich hab jetzt einen angeheirateten Enkel, bin ­also ­eine Ersatz-Oma. Und als solche eigentlich ganz nett. Man kann mit mir zum Beispiel prima Schuhe werfen. Auch wenn ich oft den Kopf schüttle über das jüngste Familienmitglied. Sind schon unheimlich, die Babys: Oben läuft die Nase, unten der Durchfall, und wenn sie lilarot anlaufen und ­schreien, sieht man tief im Schlund das Zäpfchen beben. Man würde sie liegen lassen und die Flucht er­greifen, hätten sie nicht zugleich solch ein Charisma. Man möchte mit ihnen befreundet sein.

"Mama", sagt der einjährige Enkel vom Boden hoch zu mir. "Mama!" Zu mir! Okay, er sagte es nur einmal zu mir – ich sollte ihm die Tür öffnen. Und er sagte es auch zu ­seinem Papa – der sollte ihn hochnehmen. Trotzdem bin ich gerührt. Und irritiert. Nicht nötig, sagt die ­Wissenschaft, Wortüberdehnung heißt das, wenn Kinder die ­wenigen ihnen bisher bekannten Wörter für alles Mögliche benutzen. Alle nützlichen Gestalten sind Mamas, und ein "Mama!" heißt dann eben auch mal: "Hilf mir!" Darauf reagieren auch Nicht-Mamas sofort.

Überhaupt stimmt Wissen mild. Das Runterschmeißen von Dingen nervt fast gar nicht mehr, sobald man weiß, dass es für Kinder anfangs schwierig ist, die Finger­muskeln willentlich zu lockern, um etwas gesittet loszulassen. Da hilft nur heftiges Armschleudern. Und all das spätere Runterwerfen? Das sollen wissenschaftliche Experimente sein: Aha, das gekochte Möhrenstück bleibt nach einem Hops am Boden kleben, das rohe Möhrenstück kollert bis zur Tür; so war es gestern, aber ist es heute auch noch so? Materialforschung und Physik in einem.

Nur: Unser Enkel schmeißt nichts runter. Ist er etwa kein Forscher?

Andere sprechen mit nicht mal einem Jahr!

Jedenfalls ist er langsam. "Er macht alles so lang", seufzt seine Mutter. Bis er sich endlich vom Rücken auf den Bauch gedreht hat! Und dann lag er monatelang auf dem Bauch, ohne jedes Interesse, vorwärts zu krauchen. Schließlich nahm ihm die Mutter ihr Lieblingsutensil, das deswegen auch sein Lieblingsspielzeug ist, weg: ihr Handy. Dessen ­Lederetui hatte er bislang jeden Tag gründlich einge­speichelt und also porentief gereinigt. Sie legte das Handy weit entfernt von ihm auf seine Decke. Da ist er hingerobbt.

Aber dann ist er ein langes halbes Jahr gerobbt, bäuchlings, wie die Soldaten im Schlamm. Endlich, mit gut einem Jahr, krabbelte er auf allen vieren. "Und jetzt­ ­krabbelt er auch schon wieder seit einem halben Jahr", sagt seine Mutter. "Andere reden und laufen mit nicht mal einem Jahr."

In der App der Mama heißt es: Dann und dann kann dein Kind das und das. Doch stimmen diese Kalender überhaupt? Heinz Krombholz vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in Bayern hat das überprüft. Viele Kalender, sagt er, beziehen sich auf eine einzige Studie mit ­wenigen Kindern aus den 30er Jahren in den USA. Krombholz hat mittlerweile eigene Daten von rund 600 Kindern in ­seinem Projekt "Meilensteine" gesammelt.

Und siehe da: Die alten Kalender stimmen zwar so ­ungefähr, aber die zeitliche Bandbreite ist viel größer. Manche Kinder laufen mit zehn Monaten, andere erst ­mit 20. Man könne das Laufenlernen auch nicht be­schleunigen durch irgendwelche "Förderung", sagt Krombholz, der aufrechte Gang ist genetisch vorgesehen.

Manche Kinder krabbeln nie

Unser Nachbarkind ist nie gekrabbelt, sondern aufrecht auf den Knien gerutscht, ein Neffe ist sitzend auf dem ­Hosenboden vorwärts gehoppelt. Na und? Später wird kein Arbeitgeber fragen: Und ab wann sind Sie gelaufen?

Alles sei in Ordnung, sagt Forscher Krombholz, solange sich das Kind für Dinge interessiere und dorthin zu ge­langen versuche, egal wie.

Oh ja, unser Enkel interessiert sich! Und zwar für die Verschlüsse von Behältnissen, seit neun Monaten schon. Ob Frischhaltedosen oder Schränke, er muss sie auf- und zumachen. Auch Zimmertüren. Logisch, Türen sind die Deckel von Zimmern. Ist das Vertiefungsinteresse oder Stillstand? Der Opa bestreitet, dass sein Enkel überhaupt spät dran ist. "Er findet Dinge einfach länger interessant als andere. Und mit den Möglichkeiten des Klappens und Schließens ist er noch lang nicht fertig."

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Womöglich machen ihn Gefäße eben einfach glücklich? Gerade sitzt er auf dem Boden, hat Marmeladengläser vor sich – eidida, ein Glas passt ins andere! Wahnsinn, sie passen jedes Mal. Aber dann macht der Enkel ein Geräusch, irgendwas zwischen schreiendem Löwenbaby und anfahrendem Lkw. "Es regt ihn halt alles so auf", sagt seine Mutter, "was er nicht kann, aber auch was er kann." Sie nimmt ihn hoch und setzt ihn aufs Küchensofa, da steht sein Kinder-MP3-Player. Eine Runde "Abendsti-hi-lle ü-hüber-all".

Da hockt er nun, mit einem abweisenden Buckel zur Familie. Mit den wenigen Flaumhaaren sieht er aus wie ein alter Mann, der sagt: Ich mach jetzt mein Kreuzworträtsel und wehe, jemand stört mich! Er duldet gerade noch, dass die Mama ihm von der Seite Bananenstückchen in den Mund schiebt. So ein Kinderhirn verbraucht etwa die Hälfte des gesamten Kalorienbedarfs, bei Erwachsenen ist es nur ein Fünftel.

Meditation für Babys

Er hat ein Ritual zur Selbstberuhigung entdeckt: Kochbuch blättern. Jeden Tag eine halbstündige Meditationseinheit. Da sitzt er dann (mit dem Rücken zur Familie . . .), das Kochbuch aufgeklappt auf den Oberschenkeln. Die Fingerchen der linken Hand fächern den Stapel durch, um ein Blatt zu vereinzeln, durch Reiben zwischen Zeige­finger und Daumen wird überprüft, ob es wirklich nur ein Blatt ist, das wird dann nach rechts umgelegt, wo es die rechte Hand festklemmt. Filigran. Ich bin beeindruckt. Ich brauche Riesling und sinnloses Internetsurfen, um runterzukommen, das Kind braucht nur ein Kochbuch.

Dann könnten wir jetzt ja den Spiegeltest mit ihm ­machen! Erkennt sich der Anderthalbjährige im ­Spiegel? Mit anderthalb, spätestens mit zwei Jahren bestehen ­Kinder den sogenannten Rouge-Test. Der heißt so, weil man dem Kind heimlich einen roten Punkt auf die Stirn malt, in unserem Fall mit Lippenstift. Dann setzt man es vor einen Spiegel. Fasst sich das Kind an den eigenen Kopf (und nicht dem Kind im Spiegel), um den Punkt wegzu­wischen, hat es sich erkannt.

Es hat Vorteile, sich selbst als eigenständige ­Person wahrzunehmen. Sonst lässt man sich von den Gefühlen anderer dauernd anstecken. So wie unser Enkel. Als seine Mutter erstmals wieder arbeiten ging und es ihr beim Abschied fast das Herz zerriss, obwohl das Kind auf Papas Arm bestens aufgehoben war, weinte das Kind herzzerreißend. Bereits eine Viertelstunde später amüsierte es sich mit dem Papa. Die nächsten Tage verließ die Mutter mit einem guten Gefühl das Haus, und das Kind winkte ihr fröhlich hinterher. Reine Ansteckung.

Sobald ein Kind dagegen weiß, dass die Mama eine andere Person ist, lässt es sich nicht einfach von ihren Ge­fühlen anstecken, sondern bietet ihr – sollte sie ­traurig sein – ein Spielzeug an oder umarmt sie. Solch mit­fühlende Handlungen festigen die Gruppe und tragen also zum Überleben des Rudels bei. Das ist jetzt die absolute Kürzestfassung der Erklärung, die die Anthropologie gibt.

Selbst Ameisen erkennen sich im Spiegel!

Viele Orang-Utans schaffen den Spiegeltest. Auch ­manche Elefanten erkennen sich, einzelne Delfine, ­Papageien, Raben, sagt David Buttelmann, Entwicklungs­psychologe an der Uni Bern. Selbst Ameisen! Stehen sie einer echten Artgenossin gegenüber, füttern sie die; ihr Spiegelbild füttern sie nicht, so dumm sind Ameisen nicht. Andere Tierarten spielen zwar mit dem Spiegel-Gegenüber, aber erkennen sich nicht selbst – etwa Schweine, Hunde, Katzen und Mantarochen.

Und unser Enkel? Nun ja, er ist noch auf der Ebene der Mantarochen: Er krabbelt um den Spiegel herum, um zu gucken, ob da der andere ist.
Das mit dem Spiegel ist ja auch komplex. Aber dass der Enkel eckige Dötzchen in die runden Öffnungen seines Formenbretts zu stecken versucht . . . Mann, das sieht man doch, dass das nicht passt! Nein, lerne ich später, das Erkennen von Formen entwickelt sich jetzt erst langsam. Immerhin die Hälfte der Kinder schafft das schon mit anderthalb.

Hat das was mit Intelligenz zu tun? Nein, sagen Jessica Bonhoeffer und Oskar Jenni vom Universitäts-Kinder­spital in Zürich. Die "Denkleistung", die man beim Spielverhalten von gesunden Ein- bis Zweijährigen misst, sage nichts Verlässliches aus über den späteren Schulerfolg.

Dafür können Babys unglaubliche Dinge, für die es in der Schule keine Fächer und keine Noten gibt. Zum Beispiel die haarigen Gesichter von Makaken-Affen auseinanderhalten. Für Erwachsene ist Affe gleich Affe. Babys dagegen sind bei der Geburt auf ein breites Spektrum an Gesichtern eingestellt, so finden sie sich in der Gesichterwelt jeder Ethnie zurecht.

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Kinder sind also keine unfertigen Erwachsenen, sondern zu 100 Prozent fertige Säuglinge und zu 100 Prozent perfekte Kleinkinder, sagt Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Buch "Kinder verstehen". So vieles muss man ihnen nicht beibringen, sie finden es selbst heraus. Kinder bilden sich selbst. Oder hat man schon mal Eltern gesehen, die ihrem Säugling das Ablutschen von Gegenständen ­vorführen mussten?

Inzwischen kann der Enkel die Gesichter von Makaken-Affen wohl nicht mehr unterscheiden, diese Fähigkeit verliert sich mit spätestens neun Monaten. Heute ist er so beschränkt wie seine Ersatz-Oma, die nicht mal Gesichter von Leuten etwa aus Asien sicher wiedererkennt.

"Dodo", haucht das Kind entzückt. Auto!

Kann er nun viel oder wenig? Er läuft immer noch nicht, aber er hat seine Fingerfertigkeit so beharrlich ­trainiert, dass er die Kindersicherung am Backofen auf­fieseln kann. Der Opa schafft das nicht, auch wenn man es ihm vormacht.
Und was ist mit Sprechen? Das Kind sagt nicht viel. "Mama" und "Papa", klar. Aber dann auf einmal: "Dodo!" Er haucht das mit zärtlicher Stimme – Auto! Und das uns! Opa und Ersatz-Oma sind überwiegend mit dem Rad ­unterwegs, die Eltern mit Rad und U-Bahn. Einmal schiebt der Opa den Kinderwagen durch die Stadt, das Kind erwacht an einer großen Kreuzung, reißt die Augen auf: "Dodo! Dodo! Dodo!" Es muss sich wie im Schlaraffenland gefühlt haben. Nun schiebt er selbst den Besteckkorb der Spülmaschine mit Brummgeräuschen über den Boden.

Wir müssen ihn umprägen! Wir zeigen auf U-Bahnen, sagen entzückt: "U-Dodo!" Das Kind guckt neutral. Be­geis­tern sich denn alle Jungen sozusagen naturwüchsig für Autos, ist das genetisch? Oder werden sie beeinflusst? Es gibt dazu die sogenannten "Baby X"-Experimente, die seit den 70ern immer mit demselben Ergebnis wiederholt werden, jüngst fürs Fernsehen, etwa von BBC und WDR.

Das Experiment geht so: Man nehme ein paar Kleinkinder, stecke den Jungs eine Spange ins Haar oder ziehe ihnen ein rosa Jäckchen an, den Mädchen zum Beispiel ein kariertes Flanellhemd. Dann setzt man so ein Kind auf eine Decke und als Testperson dazu einen ahnungslosen Erwachsenen. Drumrum allerlei Spielsachen – Autos, ­Puppen, Bälle, Kreisel . . .

Junge? Mädchen? Da täuschen sich Erwachsene oft

Fast immer wählen die Erwachsenen Spielzeug nach Geschlechterklischees aus und bieten es den Kindern an. Ein liebevoller älterer Mann etwa rollert ein Auto auf das Kind im Holzfällerhemd zu, das nimmt das blaue Auto interessiert in die Hand, und der Mann flüstert dem Kind zu: "Später baust du mal selber ein Auto, ja?" Und dem vermeintlichen Mädchen legt eine Frau die pinke Puppe in den Arm und sagt hinterher: "Ich denke, die mochte sie am meisten."

Große Verblüffung, wenn die Testpersonen erfahren, dass das puppeninteressierte Kind ein Junge ist und das auto­interessierte Kind ein Mädchen. Eine Frau sagt: "Ich dachte, ich bin eine wirklich vorurteilsfreie Person!" Eine andere, regelrecht erschüttert, will künftig ihren Nichten und Neffen offen begegnen, "so dass sie sein können, wie sie sind".

Übrigens: Waren die Kinder geschlechtsneutral angezogen, reichten ihnen die Erwachsenen öfter "neutrales" Spielzeug, etwa einen Ball. Allerdings hielten die ­meisten Erwachsenen die Kinder dann doch für Jungen. Be­gründung: Die hätten so viel Kraft gehabt und so wenige Haare. Es waren alles Mädchen.

Die junge Familie schickt uns mal wieder ein ­Video, es ist ja Corona-Zeit: Vater und Sohn frühmorgens auf dem Teppich, das Kind gähnt, hängt ratlos über dem Bein seines ­Vaters. Da sagt der: "Wo ist dein Auto?" Kind krabbelt zum roten Bobbycar, setzt sich kurz drauf, sagt knapp "Dodo", krabbelt zum Vater zurück. Vielleicht sollte man hier nachtragen: Der Vater wünscht sich gerade selbst ganz dringend ein Auto . . .

Und dann spricht das Kind endlich doch! Es knibbelt an der Ohrmarke seines Stofflöwen und sagt ein wenig klagend: "Kud wod da! Harre-di-diditt!", und später ein besänftigendes "Guje di dou." Klingt doch wie Deutsch. Das wird!
Sprechenlernen ist ein robuster Vorgang. Lernt man wie Laufen ohne Anleitung und Erklärung, sagt die ­Professorin Petra Schulz, die an der Frankfurter Uni zum kindlichen Erstspracherwerb forscht. 93 Prozent der ­Kinder schaffen das spielend, nur bei etwa sieben Prozent der Vierjährigen sieht man dann eine "spezifische Sprach­entwicklungsstörung", was aber, sagt die Professorin, nie an den Eltern liege.

Wenigstens 200 Wörter sprechen

Zur groben Orientierung: Mit zwei Jahren sprechen Kinder etwa 200 Wörter, es ist dabei egal, wie ulkig sie die aussprechen. Manche brauchen ein wenig länger, ­diese Spätsprecher legen oft wenige Monate darauf einen Vokabelspurt hin. Spricht ein Kind aber mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter und keine Zweiwortsätze, wachse sich das oft nicht von alleine aus, sagt die Forscherin, man sollte eine Frühtherapie erwägen.

Falsch machen können Eltern wenig, sagt Petra Schulz. Außer: nicht mit dem Kind zu sprechen. Ach ja, noch was: Eltern sollten keine überzogenen Erwartungen ­haben. Manche verlangen, dass das Kind gefälligst deutlich spricht, dabei lassen die Eltern selbst lauter Endungen weg und Sätze unvollständig – was ganz normal ist.

 plainpicture/JanJasper Klein
Würde mich der Enkel überhaupt als Vorbild akzep­tieren? Oder hab ich es mir schon verspielt damit, dass ich mit ihm mal in Quatschsprache geredet hab? "Passne ­me-wi", hab ich fragend zum Kind gesagt und bedauernd hinzugefügt: "Tenne-wo topinawa." Da machte er aber große Augen! Hinterher kamen mir Zweifel: Darf man Kinder veralbern?

Ach was, da stellen Forscher wie der Entwicklungs­psychologe David Buttelmann noch ganz andere Sachen an. Er wollte zum Beispiel wissen: Bewerten 14 Monate alte Kinder erst einmal, ob eine erwachsene Person kompetent ist, bevor sie ihr was Neues nachmachen? Zunächst ließ der Forscher die Kleinkinder den Erwachsenen bei bekannten Tätigkeiten zugucken: Der eine aß den Pudding mit der Haarbürste, der andere mit dem Löffel; der eine zog den Schuh über den Fuß, der andere über die Hand.

Und dann sahen die Kinder was gänzlich Neues: ­etwa einen Kasten, der leuchtet, wenn man mit dem Kopf ­draufdrückt. Wem würden die Kinder das nachmachen? Buttelmann war gespannt: "Sagen die sich, ey, der ist ­komisch, das mach ich jetzt nicht nach?" So war es: Kinder ahmen eher Personen nach, die sie für kompetent halten. Dann dotzen sie auch mit dem Kopf gegen Lampen, damit die leuchten.

Wen ahmt ein Kind nach?

Hm, hält unser Enkel seine Mutter für inkompetent? Die berichtet, das Kind mache seinem Vater viel mehr ­Sachen nach als ihr. Egal, was der Vater veranstalte – den Kopf schütteln, pusten, ins Ohr flüstern, Kuss geben – das Kind probiere das sofort auch. Gemein, finde ich, wo doch die Mutter die Hauptverdienerin der Familie ist. Kurz ist sie ein klein bisschen eifersüchtig. Und dann nur noch erleichtert: dass der Sohn sich nun stark an den Papa hält, "nachdem er über ein Jahr auf mir gelebt hat".

Und bitte, er sammelt auch von seiner Mutter Wörter ein. Als er mühsam einen Filzstift in seine Kappe manövriert, sagt sie: "Stift." Das Kind sagt "Titt" und guckt dabei sehr zufrieden.

Grammatik muss man Sprechneulingen übrigens nicht beibringen, da kommen die Kinder mit der Zeit von selbst drauf. Sagt das Kind: "Du hast gelügt!", weil es gerade entdeckt hat, dass Vergangenes oft mit "t" endet wie "er hat gekocht, gespielt, gebadet", dann setzt man einfach das Gespräch fort und sagt beiläufig das Wort richtig. "Was, ich hab gelogen?!"

Schluss mit dem Gequatsche von Lernen und Leistung! Es muss jetzt ganz dringlich um das Gelächter der Babys gehen. Denn das ist höchst rätselhaft. Ich sag zum Kind: "Guck-guck" und halte mir die Hände vor’s Gesicht, nehme sie wieder weg und sag "dada!". Das Kind quiekst vor ­Begeisterung. Was bitte ist daran lustig?

Das Gelächter der Babys

Das hat auch den britischen Entwicklungspsychologen Caspar Addyman interessiert, als seine Schwester ein ­Baby bekam. Er selbst hat keine Kinder, aber blaue Haare. Er startete einen Online-Aufruf: Wann lacht euer Baby am meisten? Es antworteten ihm Familien aus der ganzen Welt. Ganz oben auf der Liste der Lachanlässe stand das Spiel "Guck-guck dada", auf Englisch "Peek-a-boo". Und dann ging Addyman "ins Labor", um Experimente zu ­machen.

Und dies sind seine Erkenntnisse: Babys leben in einer für sie unvorhersagbaren Welt. Sie suchen nach Mustern und Regeln. Sie lieben Neues, erschrecken aber auch ­davor. Guck-guck dada ist überraschend und zugleich regelhaft. Man versteckt sich, und sie ahnen die Rückkehr – ihre erste wissenschaftliche Hypothese über die Welt. Aber ganz sicher können sie sich nie sein. Zumal sich in den wenigen Sekunden zwischen Verstecken und Auftauchen ihr Gehirn wohl wieder mit was anderem füllt – daher oft dieser leere Gesichtsausdruck. (Sie haben nervlich ja in der Tat noch lange Leitungen.) Jeder Juchzer ist das Entzücken darüber, dass ihre Prognose stimmte.

Bei Säuglingen muss man sich noch nicht mal verstecken, man rückt einfach mit dem Gesicht weiter weg von den Kindern (sie können ja noch nicht in die Ferne sehen), schon quieksen sie beim Näherkommen. Was für eine schlichte Art der Konversation! Und doch voller Bedeutung. Denn warum spielen auch Zwei- und Dreijährige noch "Guck-guck dada", die doch längst wissen, dass Erwachsene nicht wirklich verschwinden hinter Vorhängen und Türen?

Lachen ist besser als Fellpflege

Weil die wahre Magie des Lachens darin liegt, dass Kleinkinder sich dadurch mit anderen Menschen ver­binden, sagt Forscher Addyman. Ihr Lachen ist zutiefst ­sozial gemeint. Sie würden nicht lachen, wenn sie von ­einer ­Maschine gekitzelt würden oder wenn ein Gegenstand vor ihnen verschwindet und wieder auftaucht. Sie lachen nur, wenn Menschen das für sie tun. Und gleich­zeitig belohnen sie mit ihrem ansteckenden Gegiggel all die Mühen der um sie sorgenden Erwachsenen.

 plainpicture/Kelly Davidson
Forscher Addyman checkte seine These natürlich per Experiment. Er setzte Kleinkinder vor einen Zeichentrickfilm. Alleine oder auch mal zu zweit. Sie lachten achtmal häufiger, wenn ein anderes Kind neben ihnen saß. Waren sie allein, drehten sie sich oft zum Forscher im Hintergrund um, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Lachen verbindet natürlich auch Erwachsene. Anthropologen vermuten, dass sich Lachen als praktischer er­wiesen hat als die umständliche gegenseitige Fellpflege, die man ja nur in kleinen Gruppen schafft. Menschengruppen waren aber früh größer als Affengruppen. Lachen ist glaubwürdig, weil genauso wenig vorzutäuschen wie Fellpflege. Oder kann sich jemand vorstellen, seinen Feind zu kraulen?

Kleinkinder im Flow

Unser Enkel ist glücklich. Muss man einfach so sagen. Ausdauernd schubst er seinen Ball quer durch die ­Wohnung und krabbelt hinterher, auch wenn sich der Ball zwischen zwölf Stuhl- und Tischbeinen verfangen hat. Man könnte sagen, er ist "im Flow", so hat der Psychologe Mihály ­Csíkszentmihályi dieses Aufgehen in einem Tun genannt.

Oder er sitzt auf dem Balkon, steckt von innen den ­Finger durch ein Maschenloch und sagt "Guck-guck", ­wieder und wieder. Er ist nicht auf der Suche nach Glück, er ist einfach glücklich.

Sieht er überhaupt keine Notwendigkeit, nun allmählich mal mit Laufen anzufangen? Die Mutter wird ein wenig ungeduldig: "Eigentlich ist er schon die ganze Zeit kurz vorm Laufen! Und mit Krabbeln kommt er doch nicht weit!"

Da hat sie sich aber getäuscht. Als sie ihn das erste Mal auf den Wiesenboden im Park setzt, schwingt er sich auf Knie und Hände und krabbel-rast über die Wiese in die Ferne, bald sieht man seinen wackelnden Popo nur noch als blauen Punkt. Nicht einmal dreht er sich nach ihr um. Das Kind hat die Freiheit geschnuppert.

Und dann geht er an seinem Rollator. Korrekt: am Lauflernwagen. Den schiebt der Anderthalbjährige aus­dauernd durch die Wohnung, dass selbst der Nachbar in der ­Wohnung drüber an den Rand eines Nervenzu­sammenbruchs gerät. Und eines Abends – läuft das Kind frei­händig. Stapft zum Sideboard, klatscht es ab, wackelt weiter zur Zimmer­ecke und grinst. Die Teppichkante scheint ihm zu verwegen fürs Erste, da geht er geordnet zu Boden: Er fällt nicht, sondern stützt sich auf die Hände.

17 Mal hinfallen pro Stunde

Der durchschnittliche Laufanfänger fällt 17 Mal in der Stunde hin, so wurde es wissenschaftlich gezählt. Da hat er noch was vor sich, der Arme. Aber unser Enkel fällt nicht hin. Wenn es ihm zu uneben wird, besorgt er sich eine helfende Hand.

Eigentlich hat er doch gar nicht lang gebraucht, findet der Opa, "er hat halt alles voll ausgekostet".

So wie er nun seine Autoleidenschaft voll auskostet. Von den 50 Wörtern, die er mittlerweile sprechen kann, sind bestimmt 35 Wörter fahrzeuggebunden. Immerhin ist nun auch der "Buff" (Bus) dabei. Es gibt also noch Hoffnung.

Vier Wochen später: Die Eltern haben ihm zwei Autos geschenkt, in jeder Hand hat er nun eins und also keine Hand frei, um sich bei Stürzen abzufangen – dafür Blutkrusten auf den Knien. Wo soll das enden? Ach was, sagt meine Freundin. Ihr Neffe wollte mit vier ausschließlich Lkw-Sachbücher vorgelesen bekommen, er konnte gar nicht genug hören von Achslasten und Sattelzugmaschinen. ­Heute ist er heftig im Klimaschutz engagiert.

Produktinfo

Tipp zum Weiterlesen: "Das Kinderverstehbuch" von Sandra Winkler, die fast alles über Schnullerwerferinnen, Gemüseverweigerer und Matratzenhüpfer herausgefunden hat. dtv 2020, 15 €

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Lesermeinungen

Liebe Frau Ott,
„Monster, die mit Möhren werfen“, ein grandioser Titel für einen sehr lesenswerten Beitrag. Ich habe zwei Enkelkinder, Karl 3 Jahre und Charlotte 1 Jahr alt (am 26.12.2019 geboren). Ich habe beide sofort wiedererkannt. (Leider sind beide immer noch ungetauft, aber das hatten wir ja schon mal). Der Beitrag trifft ganz genau und für mich als Opa auch sehr lehrreich. Gratulation der Autorin.
Ich möchte Ihnen auch einmal sagen, dass ich Chrismon regelmäßig lese. Mir gefällt der grundsätzlich positive Ton Ihres Magazins. Andere Zeitungen und Magazine gefallen sich in einer grundsätzlich negativen Berichterstattung. Ich kann es nicht mehr lesen, muss es aber lesen, denn schließlich ist für mich als 77jährigen die Stimmung in der Bevölkerung durchaus wichtig. Und wählen gehen muss ich ja auch. Ich kann vergleichen und ich ertappe mich natürlich öfter in der Ansicht „früher war alles besser“. Ich bin nach dem Krieg aufgewachsen und da war die Stimmung eindeutig besser und Wiederaufbau etc. standen im Vordergrund.
Mit freundlichen Grüßen
Gerd Heidbrink

Guten Tag,
Kompliment für den ausgezeichneten Kleinkinder-Artikel im neuen chrismon!
FRAGE: Gibt es noch andere Hinweise oder Präzisierungen der Autorin über hier zugrunde liegende entwicklungspsychologische Forschung und Literatur?
Mit Dank im Voraus und
freundlichen Grüße
Christoph Schmidt