Prostitution: In Schweden und Frankreich werden Freier bestraft

"Wir Männer sind doch keine Tiere!"
Rotlichtviertel in Frankfurt

Horacio Villalobos/Corbis/Getty Images

Das Bahnhofsviertel in Frankfurt gehört zu den größten Rotlichtbezirken weltweit

Ein Interview mit Per-Anders Sunesson, schwedischer Sonderbotschafter für die Bekämpfung des Menschenhandels.

chrismon: Vor ein paar Wochen wurde eine19-Jährige in Niedersachsen vermutlich von ihren Zuhältern ertränkt. Der Parlamentsarbeitskreis "Prostitution – wohin" beklagt, dass mehr als 80 Prostituierte seit 2000 in Deutschland ermordet wurden. Schweden geht seit 20 Jahren gegen Sexkauf vor. Schützt das die Frauen?

Per-Anders Sunesson: Absolut! Seitdem in Schweden der Sexkauf verboten wurde, ist keine einzige Prostituierte mehr umgebracht worden. Prostitution ist der gefährlichste Beruf für Frauen. Mit der Einführung des Gesetzes hat sich die Zahl der Frauen in der Prostitution mehr als halbiert. Heute sind es schätzungsweise noch 1000, die Straßenprostitution ist fast ganz verschwunden.

Sie sind weltweit der erste Sonderbotschafter gegen den Menschenhandel und kämpfen gegen Sexkauf. Wie war Ihr Start?

Schwer - und heute würde ich sagen, ich war naiv. Vor viereinhalb Jahren sprach ich auf meiner ersten internationalen Konferenz, es war in Wien. Ich habe eine halbe Stunde begeistert über unseren Weg gesprochen und stieß auf eisiges Schweigen. Keine Reaktion. Keiner wollte mit mir reden. Das hat sich inzwischen wirklich geändert.

Was ist passiert?

Der Durchbruch kam letztes Jahr auf einer hochrangig besetzten Konferenz in London. Ich war als Key-Speaker eingeladen und nutzte meine 30 Minuten, um drastisch über Prostitution zu reden. Danach dachte ich, ok, das war es jetzt mit meiner diplomatischen Karriere. Dann hob der Vertreter der deutschen Regierung seine Hand und sagte, er müsse zugeben, dass seine Regierung versagt hat, diese Frauen zu schützen. Dann meldete sich die Vertreterin des niederländischen Justizministeriums und gab auch zu, dass ihre Regierung versagt habe. Plötzlich war ich nicht mehr alleine.

Per-Anders Sunesson

Per-Anders Sunesson ist seit 2016 Schwedens Sonderbotschafter gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.
Stephanie Lecocq/dpa/picture alliance

Barbara Schmid

Barbara Schmid, geboren in Nürnberg, ist Journalistin. Zunächst arbeitete sie u.a. für den "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Kölnische Rundschau". 1991 ging sie als Hauptstadtkorrespondentin für die "BILD am Sonntag" nach Bonn, seit 1998 arbeitet sie für den "Spiegel". 2006 war sie Sprecherin für das Kulturprogramm der Fußball-WM 2006. Sie lebt in Düsseldorf und in Ligurien. Im April 2020 ist ihr Buch "Schneewittchen und der böse König" (mvg, 16,99 Euro) erschienen. Es erzählt die wahre Geschichte einer jungen Frau, die in die Zwangsprostitution abgerutscht ist.
Anja Meyer

Wie kam es zu der Reform in Schweden?

Bei uns hat das alles mit der Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren angefangen. Es gab eine Menge Gewalt gegen Prostituierte damals. Die Regierung hat in einer sehr groß angelegten Aktion die Frauen befragt, über ihre Sexarbeit, ob sie das freiwillig machen. Dabei kam heraus, dass es die selbstbewussten Sexunternehmerinnen gar nicht gab, von denen die Verbotsgegner immer sprachen. Sondern es waren junge Frauen, mit wenig Selbstvertrauen, eigentlich alle hatten eine Missbrauchsvergangenheit, kannten Vergewaltigung und sexuelle Gewalt. So war klar – es sind Opfer, keine Kriminellen, und unsere Gesellschaft muss ihnen helfen.

Wurden auch die Käufer befragt?

Sie sagten, sie hätten Bedürfnisse nach Sex, die Prostituierten seien da, um sie zu erfüllen. Das gab einen großen Aufschrei. Die schwedische Gesellschaft sagte damals: So wollen wir nicht leben, unsere Kinder sollen in einer anderen Gesellschaft aufwachsen. Das war der Punkt, an dem sich die Regierung entschlossen hat, Prostitution zu entkriminalisieren. Das haben wir am 1. Juli 1998 umgesetzt.

Die Befürworter des liberalen Prostitutionsgesetzes in Deutschland sagen, das schwedische Modell würde die Prostituierten in die Illegalität treiben, sie wären dann völlig schutzlos . . .

Das Gegenteil ist richtig. Wir hatten es mit den gleichen Argumenten in Schweden zu tun, damals in den 90er Jahren. Die Frauen sind nicht in die Illegalität gedrängt worden und sie haben heute mehr Schutz als früher. Die Sexkäufer in Schweden wissen sehr genau, wenn sie diesen Frauen etwas antun, dann greifen die zum Telefon und rufen die Polizei. Das Gesetz hat den Frauen die Macht dazu gegeben, die sie vorher nicht hatten.

"Es gibt keinen Beweis, dass Vergewaltigungen in Schweden zugenommen hätten"

Warum werben Sie jetzt in Deutschland für das schwedische Modell?

Wir wissen, dass wir Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung niemals stoppen können, solange Sexkauf noch legal ist in einigen Ländern, wie auch in Deutschland.

Wie hilft Schweden Frauen, die raus wollen aus der Prostitution?

Das ist ein superwichtiger Teil unserer Reform: entkriminalisieren und Ausstiegshilfen. Die Frauen bekommen hier, was sie brauchen. Das läuft meistens über die Kommunen, die staatliche finanzielle Hilfe wird über NGOs abgewickelt.

Die Befürworter des liberalen Gesetzes in Deutschland argumentieren: Männer haben sexuelle Bedürfnisse, jemand muss sie erfüllen und dazu braucht es weiter Prostitution. Sonst würde es zum Anstieg von Vergewaltigungen kommen . . .

Wir Männer sind doch keine Tiere! Das ist so dumm. Das reduziert Männer auf Wesen, die sich nicht kontrollieren können. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Vergewaltigungen in Schweden seither zugenommen hätten. Das ist purer Unsinn.

Seit gut 20 Jahren geht Schweden diesen Weg. Hat sich die Mentalität seither geändert?

Als das Gesetz umgesetzt wurde, stand es etwa 50 zu 50. Die Hälfte der Schweden war dafür, die andere Hälfte dagegen. Heute sind mehr als 80 Prozent dafür. Meine Frau und ich haben zwei Söhne, 20 und 28 Jahre alt. Sie kämen nie auf die Idee, Sex zu kaufen. Einige sagen, wenn meine Altersgruppe ausstirbt in Schweden, werden wir keinen käuflichen Sex mehr haben. Bei denen, die das heute noch bei uns tun, handelt es sich in der Regel um ältere Männer.

"Dass Frauen gerne ihren Körper verkaufen? Alles Fake, alles Lüge"

Wie kamen Sie zu Ihrer Aufgabe?

Unsere Regierung, darunter die damalige Außenministerin Margot Wallström, meinte, wir bräuchten einen Sonderbotschafter gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Der Grund war der Anstieg von Opferzahlen und das Riesengeschäft, das mit diesen Frauen gemacht wird. In der Sexindustrie werden viele Milliarden US-Dollar weltweit pro Jahr verdient. Außerdem wollten wir auch etwas gegen die Pro-Sexworker-Lobby unternehmen. Die argumentiert auch in Deutschland, dass es ein Job wie jeder andere ist, dass Frauen gerne ihren Körper verkaufen. Alles Fake, alles Lüge. Diese Lobby tut alles, um Länder davon abzuhalten, den Sexkauf zu verbieten. Dagegen setzen wir in Schweden mit einem Botschafter, der weltweit für unseren Weg wirbt.

Und war es richtig, einen Mann für diese Position zu nehmen?

Es gibt eine große Zahl von Frauen, die hier eine wichtige und großartige Arbeit leisten. Aber wir müssen hier die Männer erreichen. Von Mann zu Mann.

Wie erfolgreich ist Ihre Arbeit?

Norwegen, Island, Finnland, Irland, Israel, Frankreich sind unserem Beispiel gefolgt. Mit vielen anderen Ländern sind wir im Gespräch, Großbritannien, Spanien, Deutschland, Ukraine, Südafrika und die Mongolei. Ich war ganz zuversichtlich nach meinen Gesprächen mit der italienischen Regierung, dann hat leider die Regierung gewechselt . . .

Wie geht es weiter in Deutschland? Sie kommen Ende September nach Berlin und Düsseldorf, um hier Überzeugungsarbeit zu leisten.

Es gibt Bewegung in Deutschland und ich bin voller Hoffnung, dass Ihr Land unserem Weg folgen wird.

Produktinfo

Katharina M., Barbara Schmid:

"Schneewittchen und der böse König - Wie mich mein Reitlehrer manipulierte und zur Prostitution zwang und wie ich mich daraus befreite"

mvg
272 Seiten
16,99 Euro

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Elf Jahre lang war Katharina in der Gewalt eines Mannes, der erst ihr Reitlehrer war und dann ihr brutaler Zuhälter. Hier erzählen die Eltern, wie sie um das Mädchen kämpften

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Lesermeinungen

Ja, Prostitution gehört konsequent ohne wenn und aber verboten!
Aber auch die Prostitution von Arbeitskraft, für das wettbewerbsbedingte Unternehmertum, muss für wirklich-wahrhaftige Freiheit und zweifelsfrei-eindeutiges Verantwortungsbewusstsein abgeschafft werden.

Nur ein Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrecht zu KOSTENLOSER Nahrung, MIETFREIES Wohnen und KASSEN-/KLASSENLOSER Gesundheit, kann Mensch wirklich-wahrhaftig/gottgefällig machen - Zusammenleben OHNE Steuern zahlen, OHNE "Sozial"-Abgaben, OHNE manipulativ-schwankende "Werte", OHNE Zeit-/Leistungsdruck zu/in einer Karriere von Kindesbeinen, usw.!!!

Ein Ende des Kreislaufes in heuchlerisch-verlogener Schuld- und Sündenbocksuche.