Jean Ziegler über den Hunger in der Welt, Schuldgefühle und die Liebe zu seiner Frau

"Ich helfe denen, die keine Stimme haben"
Jean Ziegler

Dirk von Nayhauß

Jean Ziegler kämpft gegen den Hunger auf der Welt. Und gegen den Kapitalismus

Fragen an das Leben - Jean ZieglerŸ

Schon als Junge ärgerte ihn, wenn Kinder schlecht behandelt wurden. Jean Ziegler ist 86 und kämpft immer noch: Gegen den Hunger auf der Welt. Und gegen den Kapitalismus.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich morgens aufstehe, sehe ich den Mont Blanc, die Rhône, das Licht – und empfinde das Leben als reines Wunder.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich sage es mit Victor Hugo: "Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen, ich glaube an Gott." Aber auch der Zweifel ist immer da. Warum gibt es das Böse in der Welt? Warum einen Putin, einen Assad? Warum wird gefoltert? Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren – auf einem Planeten dieses Reichtums! Aber ich werfe Gott das nicht vor, das wage ich nicht, dieses Mysterium muss man akzeptieren. Zugleich hat er uns die Kraft gegeben, gegen diese absurde Weltordnung zu kämpfen. Und das tue ich. Ich bin hier, um denen zu helfen, die keine Stimme haben.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe meiner Frau. Erica ist meine totale, absolute Leidenschaft. Da ist ihre Schönheit, die Sexualität, die Zärtlichkeit. Dann ihre Intelligenz. Sie ist eine beinharte Trotzkistin und Professorin für mittelalterliche Kunst­geschichte. Ich brauche ihre Kritik, wenn es um meine ­Bücher geht, sie liest jeden Satz. Als ich Erica kennenlernte, war ich verheiratet. Ich habe mit meiner ersten Frau einen Sohn, der Kleine war mir so lieb. Die Vorstellung, ein anderer Mann könnte als Vater an meine Stelle treten, war schrecklich. Ich habe gelogen und sieben Jahre lang ein Doppelleben geführt.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Die soll man nicht pflegen, ich hasse Introspektion, eine Zeitverschwendung. Aber natürlich bin ich nicht frei von Schuldgefühlen, besonders gegenüber meinem Vater. Er war Gerichtspräsident, ein sehr liebevoller Mensch. Eines Tages sah ich auf dem Viehmarkt von Thun Verdingkinder. Die kamen als billige Arbeitskräfte von armen Familien zu reichen Bauern. Es war Winter, die Kinder froren, hatten Löcher in den Socken. Und im Gasthof feierten die Großbauern mit Sauerkraut und Würsten. Mein Vater sagte ­dazu als richtiger Calvinist: "Da kannst du nichts tun, Gott hat das so gewollt." Ich habe ihn beschimpft. Mein Leben erschien mir wie ein Betongefängnis: studieren, Notar in Thun werden, heiraten, sterben. Eine Horrorvorstellung. Mein Fehler war, dass ich den Kampf dagegen verwechselt habe mit der Person meines Vaters. Bis heute schäme ich mich, dass ich meinem Vater solche Schmerzen zugefügt habe. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Sohn zu mir gesagt hätte: "Ich will dich nicht mehr sehen, du lügst mich an, du bist ein schlechter Mensch!" Fürchterlich!

Jean Ziegler

Jean Ziegler, 1934 geboren, ist Schweizer Kapitalismuskritiker. Er war Soziologie­professor in Genf & und Paris, saß für die Sozialdemokraten im Nationalrat, war UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats. Mit Bestsellern wie "Die Schweiz wäscht weißer" setzt er sich kritisch mit seiner Heimat auseinander. In seinem jüngsten Buch: "Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten" brandmarkt er die europäische Flüchtlingspolitik (C. Bertelsmann, 15 Euro). Jean Ziegler ist verheiratet, hat einen Sohn und fünf Enkel und lebt in Russin bei Genf.

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Muss man den Tod fürchten?

Als ich 25 Jahre alt war, ist mein engster Freund, der Hans, im Thunersee ertrunken. Er wurde am Strand auf einen Tisch gelegt. Seitdem ist mir unsere Endlichkeit immer präsent. Ich fürchte den Tod, natürlich habe ich Angst vor Schmerzen, aber ich habe eine Gewissheit: Da wartet ­jemand auf mich – meine Eltern, enge Freunde oder der liebe Gott in Person. Und ich bin neugierig, was mir bevorsteht, das erscheint mir als ein unglaubliches Abenteuer. 

Wer oder was hilft in der Krise?

2006 empfahl ich als Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung eine sofortige Landreform in ­Guatemala – die Menschen dort, vor allem die Mayas, hungerten und starben. Die Amerikaner gingen zu ­Kofi Annan und sagten: "Das ist ein Kommunist, der muss weg!" Da war ich natürlich in einer Krise, ich wollte diesen Posten keinesfalls verlieren. Kofi war aber ein ganz feiner Mensch, er hat mich geschützt. In der Krise hilft nur die Solidarität und der Beistand treuer Freunde.

Können wir die Welt noch retten?

Die 500 größten Konzerne kontrollieren mehr als 50 ­Prozent des Weltbruttosozialprodukts. Eine unglaubliche Macht. Es gäbe genug Güter, um das materielle Glück aller  Menschen zu sichern. Noch mal: Jährlich verhungern weltweit etwa neun Millionen Menschen. Doch ich bin voller Hoffnung. Da sind diese Massenbewegungen wie "Fridays  for Future", Millionen Kinder gehen auf die Straße. Oder der Aufstand der Frauen gegen die jahrhundertealte ­Diskriminierung. Oder die vielen Helferinnen und Helfer auf dem Mittelmeer, sie setzen ihr Leben ein, um Menschen  zu retten.

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Lesermeinungen

Liebe Redaktion,
stets und seit langem hoch verehrter Herr Ziegler, die aufrüttelnden Anklagen verdienen jede Zustimmung. Einen kleinen Stich versetzt es dem geschichtlich bewussten Leser jedoch, wenn die Eigenschaft der Ehefrau als "beinharte Trotzkistin" als sozusagen liebenswertes Detail erwähnt wird. Wir wissen heute, dass die sogenannte Oktoberrevolution mit allen weiteren Exzessen in der Sowjetunion und anderswo ein verbrecherisches Unternehmen mit Millionen unschuldigen Opfern war. Trotzki mag sich mit Stalin überworfen haben, aber er war genauso wie Lenin oder Mao ein Fanatiker der Gewalt. Gut, heute den Trotzkismus oder den Maoismus zu pflegen, bleibt folgenlos, weil der Kommunismus jedenfalls in Europa spätestens seit 1945 nie und nirgends eine Massenbewegung war und auch nie mehr sein wird. Mir tut es nur leid, wenn Menschen mit dem so dringend notwendigen sozialen und ökologischen Gewissen ihre Kraft in den politischen Schützengräben der 1920er Jahre vergeuden.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Knipping

Lieber Herr Knipping, wozu sich gedanklich in alten Grabenkämpfen verlieren ? Sehen Sie doch das ganze von der menschlichen Seite!
Die weltweit fünf Dutzend trotzkistischer Gruppierungen sind hinsichtlich Mitglieder und Wähler keine Splitterparteien mehr,sondern lediglich Krümel. Es hat also sowohl etwas anrührend Liebevolles als auch etwas aufrichtig Menschliches an sich, wenn ein in der Wolle gefärbter Sozialist seine Frau mit Prädikaten belegt, welche Assoziationen von Kleinheit, Geringfügigkeit und Vernachlässigbarkeit hervorrufen....

Der "in der Wolle gefärbte(r) Sozialist" spricht in Bezug auf seine Frau von Schönheit, Sexualität, Zärtlichkeit und Intelligenz. Bei Ihnen, verehrter nichtsozialistischer Herr querdenker, weckt das die Assoziation von "Kleinheit, Geringfügigkeit und Vernachlässigbarkeit". Haben Sie Dank für diese unerwartete Offenheit!

Fritz Kurz

Werter Herr Kurz, von Trotzky ist u.a. folgender Ausspruch verbürgt:"Ein Revolutionär darf keine moralischen Hindernisse finden bei der unbeschränkten und erbarmungslosen Anwendung der Gewalt "(zit. nach Isaac Deutscher,Trotzky,der bewaffnete Prophet)
Jemand der also bereits die eigene Ehefrau in "beinharter" Weise mit einer derartigen Maxime assoziiert,um wieviel mehr mag dieser mit wirklich erbarmungsloser Gewalt sympathisieren ? Bei Herrn Ziegler genügt es, sein Verhältnis zum palästinensischen Terrorismus zu betrachten....

Dass Herr Trotzki kein anständiger Bürger war, ist bekannt. Er sympathisierte eben nicht erbarmungslos mit der jeweils herrschenden Gewalt. Weder mit der zaristischen, noch später mit der stalinistischen. Er organisierte die revolutionäre Gegengewalt. Deswegen würde Trotzki auch nie ein wohlwollendes Interview in chrismon bekommen.

Herr Ziegler hingegen war beamteter Professor, Schweizer Nationalrat und Funktionsträger in UN-Organisationen. Er organisierte auch keine Kampfverbände der Roten Garden Schweiz. Deswegen darf er moralische Einwände gegen den Kapitalismus vortragen und wird trotzdem wohlwollend interviewt.

Dass Herr Ziegler aus Sicht des anständigen Bürgers die falsche Frau hat, entzieht ihm noch nicht die passive Interviewfähigkeit. Aber was nicht ist, kann noch werden.

Fritz Kurz

Sehr geehrte Frau Ott,
seltsam, dass ein Blatt der Evangelischen Kirche unkritisch immer wieder Kirchenfeinde zu Wort kommen lässt. Das Interview mit Jean Ziegler (chrismon 5/2020) markiert den Gipfel dieser irritierenden Tendenz. Unter Berufung auf ein Wort Victor Hugos bekennt Ziegler: „Ich hasse alle Kirchen!“ Der Fragesteller Dirk van Nayhauß, ständiger Mitarbeiter von chrismon, setzt dieser Aussage nichts entgegen; offenbar hält er sie für unproblematisch.

Da es sich bei den Kirchen nicht um abstrakte Gebilde handelt, richtet sich Zieglers Hasspredigt zumindest indirekt gegen die Mitglieder und Amtsträger jener Kirchen, also auch gegen die chrismon-Herausgeber. Merkt man das nicht? Oder will man es nicht merken? Beides wäre gleichermaßen schlimm. Jedenfalls wird der Eindruck erweckt, dass die Evangelische Kirche eine Zeitschrift unterhält, in der sie ihre eigene Existenz madig machen lässt. Masochismus? Oder propagandistischer Einstieg in die Selbstauflösung?
Mit freundlichen Grüßen
Harald Neubauer

Der Herr Nayhauß soll also einen schweren Fehler begangen haben, weil er dem Interviewten nicht die Leviten gelesen hat, als dieser sich wenig schmeichelhaft zu den Kirchen äußerte. Sind Sie sich sicher, geehrter Herr Neubauer, dass Sie den Unterschied zwischen einem Interview und einem Beichtgespräch präsent haben?

Traugott Schweiger

Leider werden die Verdienste dieses Jubilars im Artikel nur unvollständig gewürdigt. Vor allem sollte nicht unerwähnt bleiben, daß Herrn Ziegler im Jahre 2002 - zusammen mit dem rechtskräftig wegen Leugnung des Holocaustes verurteilten Intellektuellen Roger Garaudy - der mit 250 000 US $ dotierte "Internationale Gaddafi-Preis für Menschenrechte" - verliehen wurde.
Wenn man dazu noch die zahlreichen Verurteilungen dieses Herrn wegen Verleumdung ,übler Nachrede etc. betrachtet, entsteht ein abgerundetes Bild seiner Persönlichkeit.
Dann erst wird verständlich,warum er in einem evangelischen Medium besonders gewürdigt wird.
Nebenbei, ein weiterer Laureat dieses makabren Preises war kein Geringerer als Herr Erdogan.
Eine wirklich illustre Gesellschaft ....

chrismon soll also schwer gepatzt haben, weil es ein wohlwollendes Interview mit Herrn Jean Ziegler geführt hat. Wo doch auf "...Verurteilungen dieses Herrn wegen Verleumdung ,übler Nachrede..." hinzuweisen wäre.

Also hole ich das Versäumnis jetzt nach. Der feinsinnige chilenische Diktator und Folterbefehlshaber Pinochet verklagte Ziegler erfolgreich wegen übler Nachrede vor einem Genfer Gericht und erstritt sich 2000 Schweizer Franken, weil Ziegler von einer faschistischen Junta gesprochen hatte. Nachzulesen unter https://amerika21.de/2015/09/130405/chile-jean-ziegler und Spiegel 4/2002 S.61.

Jetzt wird hoffentlich verständlicher, warum sich Herr Querdenker so empört.

Fritz Kurz