Bezahlbarer Wohnraum fehlt - auch in der österreichischen Alpenydille

"Ein Dorf lebt ja nicht vom Baustil allein"
Wohnlage Alpenydille

Dorothea Heintze

Traumhaft schön: Das Dorf Alpbach in Tirol - doch bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware

Wohnlage Alpenydille

Seit Jahren reise ich nach Tirol, ins kleine Dorf Alpbach. Auch dort, inmitten herrlicher Natur, fehlt es an bezahlbarem Wohnraum

Es ist schon erstaunlich, wo ich überall auf das Problem „zu wenig bezahlbarer Wohnraum“ stoße. Zum Beispiel in Tirol, konkret im Dorf Alpbach, auch bekannt wegen des alljährlich dort stattfindenden Europäischen Forums.

Wir kommen im Sommer zum Wandern, im Winter zum Skifahren. Immer häufiger auch zum Arbeiten aus dem Home-Office. Die Natur, die Berge, die Ruhe. Fantastisch. Wir kennen unsere Nachbarn, haben Freundschaften geschlossen und fühlen uns schon fast ein bisschen heimisch im Tal

Neubauten soll es nicht mehr so viele geben

Lange Zeit bemerkten wir bei der Anreise: Ob am Rand des Dorfes oder mittendrin, überall entstanden neue Häuser, alle im typischen Alpbacher Baustil mit wunderschön geschnitzten Balkonen und Dachgiebeln.  

Dann hörte das auf. Kaum noch Kräne mehr an den Hängen. Wir fragten nach. Neubauten, auch Umwidmungen oder Erweiterungen, würden kaum noch bewilligt. Die Natur im schönen Tal solle stärker geschützt werden.

Gut für uns als Touristen; schlecht für die Einheimischen hören wir. Wo sollen die erwachsenen Kinder wohnen, wenn kaum noch gebaut werden darf? In den oft uralten Höfen (die häufig noch mit Kühen und Almen bewirtschaftet werden) wohnen Onkel und Tanten, Groß- oder gar Urgroßeltern. Ohne Neu- oder Anbauten gibt es keinen Platz für junge Familien.

Immerhin wurde vor zwei Jahren ein Neubau mit 15 geförderten Wohnungen eingeweiht. Im traditionell geprägten Bergdorf eine kleine Revolution.

Doch wenn ich so herumfrage, höre ich immer wieder: Viel zu wenig. Die Gästewohnungen im Tal sind nur für Touristen bezahlbar. Und wenn mal eine freie Eigentumswohnung zum Verkauf steht, dann sind die Preise exorbitant hoch: "Das können sich nur die Ausländer leisten", schimpft einer unserer Freunde.

Überhaupt, "die Ausländer".  Klar, sie bringen viel Geld ins Tal. Der Tourismus ist in Alpbach, wie überall in Tirol, eine der wichtigsten Geldquellen. Kitzbühel und das Zillertal liegen um die Ecke, die Region ist schwer beliebt.

Ein sogenanntes "Tiroler Raumordnungsgesetz" soll den Ausverkauf an Fremde verhindern. Dazu gehört auch die neu eingeführte „Freizweitwohnsitzabgabe“. Wer in den eigenen vier Wänden nur urlaubt, soll zumindest mehr zahlen. In der Theorie liest sich das gut, praktisch gibt es Probleme. Im Dorf ärgert man sich über Menschen, die, auch wenn sie nur zum Urlaub kommen, hier ihren ersten Wohnsitz angeben und damit die neue Steuer umgehen. Kontrollen sind schwierig bis unmöglich. Viele Häuser, erzählt man mir, stünden fast das ganze Jahr leer, kostbarer Wohnraum, der kaum genutzt werde.

Gästewohnungen statt Dorfladen

Vor wenigen Jahren gab es im Dorf noch eine Post, einen Elektrohändler, einen Spar - und Gemischtwarenladen. Heute finden sich dort Ferienwohnungen und ein weiterer Ski- und Elektroradverleih. Die Bäckerei steht seit Jahren leer, der Spar ist unten an den Dorfeingang gezogen. Das kleine Hallenbad, in dem die Schulkinder jahrzehntelang schwimmen lernten, wurde abgerissen. Dafür haben neue Hotels schicke Wellnessanlagen; eines sogar ein Schwimmbad im offenen Obergeschoss. Wer unten vorbei geht, hört oben die Kinder plantschen und toben.

Ich kann verstehen, dass viele Einheimische sauer sind. "Für die Touristen verhindert man nix und für die jungen Leute tut man nix", ärgert sich einer unserer Freunde.

 Beengt, aber noch gibt es Platz für jeden, der hier beerdigt werden will. Der Kirchfriedhof im DorfzentrumDorothea Heintze

Und dann gibt es da noch den Kirchfriedhof.

Schon seit Jahren wundere ich mich, wie hier, auf der begrenzten Fläche anscheinend alle, die wollen, ihre Todesruhe finden. Wieder frage ich rum und höre: Niemand liege hier für immer. Maximal 20 Jahre herrscht Totenruhe, dann wird das Grab ausgehoben und so Platz geschaffen. Ein rollierendes System, dass, so versichern es mir einige, seit Ewigkeiten funktioniere,  oder wie man hier sagt: "Es hat sich noch immer gut ausgegangen."

Doch was, wenn z.B. der Ehemann neben seiner Frau beerdigt werden möchte? Darauf gibt es keine Garantie. Und natürlich ändern sich auch hier Sitten und Gebräuche. Immer häufiger wollen die Menschen in Urnen oder sogar anonym beerdigt werden.

Ich finde den Ansatz trotzdem großartig. Flexibilität und befristete Überlassung statt Dauerbesitz. Von der Idee her übertragbar auf die Wohnsituation?

Wie wäre es zum Beispiel mit einer dörflichen Tauschbörse? Haus gegen kleinere Wohnung? Vielleicht sogar verbunden mit einem Bonus-System, wie es eine große kommunale Baugenossenschaft in Potsdam praktiziert?

Es ist schon lange her, dass Alpbach zum schönsten Dorf Österreichs gekürt wurde. Der immer noch einheitlich eingeforderte Baustil ist fantastisch. Doch wie sagte es einer meiner Gesprächspartner:  "Ein Dorf lebt ja nicht vom Baustil allein."

 

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Über diesen Blog

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Dorothea Heintze
Eine Landkommune war der Jugendtraum von Dorothea Heintze, geworden ist es eine glückliche Kleinfamilie in der Großstadt. Aktuelle Weiterentwicklung: Eine Baugemeinschaft. Wie findet man das eigene Wohnglück? Wer und was hilft? Wieso gibt es so wenig kreative Ideen in der Politik. Und warum gibt es so wenig Gemeinwohl im Wohnungsbau? Über all das geht es in diesem Blog. Sie haben eigene Ideen? Fragen? Schreiben Sie der Autorin.

Blogs auf chrismon.de

Hier finden Sie eine Übersicht aller Blogs auf chrismon.de
Und hier können Sie alle Blogs direkt abonnieren

Blogs

Text:
Susanne Breit-Keßler
194 Beiträge

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Text:
16 Beiträge

Als ehemalige Klinikseelsorgerin und Krebspatientin kennt die Pfarrerin Karin Lackus den medizinischen Alltag aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Blog "Krankenstand" schreibt sie über das Gesundheitswesen, die Sterbehilfedebatte, Patientenrechte, Patente, Heilungsgeschichten, Impfgerechtigkeit und vieles mehr.

Text:
Franz Alt
238 Beiträge

„Lust auf Zukunft“ will unser Kolumnist Franz Alt vermitteln. Ob Energie, Politik, Gesellschaft, Familie oder Umwelt - überall ist der Wandel möglich und durch den Wandel eine bessere Welt für uns alle

Text:
26 Beiträge

Die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini hat in Berlin Zuflucht gefunden. Oft ist sie mit ihren Gedanken in ihrer Heimat, bei ihrer Familie, bei den hochragenden Bergen um Kabul. In ihrem Blog nimmt sie uns mit.

Text:
62 Beiträge

Dorothea Heintze lebt in einer Baugemeinschaft in Hamburg und weiß aus eigener Erfahrung: Das eigene Wohnglück finden ist gar nicht so einfach. Dabei gibt es tolle, neue Modelle. Aber viele kennen die nicht. Und die Politik hinkt der Entwicklung sowieso hinterher. Über all das schreibt sie hier.

Text:
Johann Hinrich Claussen
265 Beiträge

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur