Blog: Veggie Days in den 1960er Jahren

Nachkriegsbuffet
Rezeptzettel handgeschrieben von der Mutter

Susanne Breit-Keßler

Immer dabei: Zweierlei Reissalat.... und Fliegenpilze

Rezeptzettel handgeschrieben von der Mutter

Veggie-Tage gab es auch schon früher. Sie hießen nur anders und die Speisen sahen anders aus. Doch die Gäste meiner Mutter waren glücklich.

Ich habe es immer noch. Das Kochbuch aus meinem Geburtsjahr, das meine Mutter sich 1954 gekauft hat. Es gehört zu meinen Lieblingskochbüchern, obwohl es kaum Bilder hat und wenn, dann nur schwarz-weiß. Es ist praktisch aufgebaut und an den einfachen Verhältnissen orientiert, in denen wir und viele andere gelebt haben. Einfache Verhältnisse heißt nicht mangelnde Lebensfreude. Meine Eltern hatten gerne Gäste und meine Mutter legte sich dabei richtig ins Zeug. Das habe ich offenbar von ihr geerbt - die Freude daran, ordentlich aufzutischen.

In ihrem Kochbuch liegen viele Zettel, auf denen sie sich Notizen gemacht hat. Kürzlich habe beim Suchen nach einem Rezept wieder einen entdeckt. Da hat sie offenbar den Plan eines Kalten Buffets entworfen. Auf vielfältige Weise sollte der Appetit der Freunde gestillt werden. Meine Mutter hat immer verschiedene Salate angeboten: Zweierlei Reissalat, den einen mit gekochtem Schinken, den anderen mit Gemüse. Dazu Bohnen- und Sauerkrautsalat. Die Bohnen kamen aus dem Garten vor der Wohnung. Das Sauerkraut war von ihr selbst fermentiert.

Sauerkraut war von ihr selbst fermentiert.

Natürlich mussten die traditionellen, mit Frischkäse gefüllten Eier präsentiert werden. Und Tomaten, die wie Fliegenpilze aussahen: Innen ein von Muttern gefertigter Fleischsalat, oben auf dem roten Hut weiße Mayonnaise-Tupfen. Eine ulkige Idee - den hochgiftigen Fliegenpilz als Vorbild für einen Partygag zu nehmen. Aber gut, das war damals so und heute findet man die Rezepte dafür wieder im Internet. Hübsch aussehen tut es ja. Es gab noch Quarkbällchen, die beliebten Käsehäppchen mit Nüssen und eine Platte mit rohem Schinken.

Für das alles braucht man eine Unterlage. Die benötigten Brotfladen und Semmeln wurden natürlich nicht gekauft, sondern selber gebacken. Ich erinnere mich, dass diese Liste Mutters Standardprogramm war. Es wurde entweder in dieser reichlichen Form oder gekürzt präsentiert - je nachdem, was der Anlass war und wieviel Personen erwartet wurden. Alles war darauf angelegt, nicht viele Kosten zu verursachen und entweder aufgegessen zu werden oder haltbar zu sein. Die Tage nach einer solchen Einladung bedeuteten für meinen Vater und mich immer fröhliches Reste-Essen.

Was früher selbstverständlich war, ist heute hip

Warum ich das erzähle? Weil es manchmal gut tut, an alte Zeiten zu erinnern. Ich staune, wenn jemand über Politiker und Politikerinnen herfällt, die einen Veggie-Tag vorschlagen. Es war früher selbstverständlich, sich nicht jeden Tag den Bauch mit Fleisch und Wurst vollzuhauen - und wenn man im besten Sinne konservativ sein möchte, wäre diese Praxis eine, die es zu konservieren, zu bewahren lohnt. Fermentieren ist gerade groß in Mode - auch das haben unsere Mütter und Großmütter längst praktiziert. Mal abgesehen vom Sparen, das sie nicht lauthals bejammert, sondern einfach gemacht haben.

Früher war nicht alles besser. Aber ich bin dankbar für das, was ich von meiner Mutter und ihrem Lebensstil gelernt habe. Nur Bohnen- und Sauerkrautsalat - das würde ich nicht gleichzeitig servieren ….

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Über diesen Blog

Essen und Trinken hält Leib und ­Seele zusammen. Und darüber Neues zu lesen, macht den Geist fit. Susanne Breit-Keßler wünscht Guten Appetit!

Susanne Breit-Keßler
Susanne Breit-Keßler schrieb viele Jahre die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Bis 2019 war sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt".

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