Johann Hinrich Claussen über Schleiermacher

Johann Hinrich Claussen über Schleiermacher
Zwölf gute Gründe für eine Briefmarke
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Foto: privat

Was Schleiermacher heute noch zu sagen hat, besonders den Protestanten, aber nicht nur ihnen – in zwölf Punkten:

1. Religion ist kein metaphysisches Wissen oder Fürwahrhalten kirchlicher Lehren. Religion ist aber auch kein moralisches Tun oder treues Befolgen kirchlicher Gebote. Religion ist etwas seelisch Eigenes, nämlich eine Empfindung, die an der Grenze des Diesseitigen entsteht: das Gefühl einer absoluten Abhängigkeit, in dem sich Ehrfurcht, Vertrauen und Dankbarkeit verbinden. In diesem qualifizierten Sinn ist Religion „Spiritualität“.

2. Die Kirche ist keine Anstalt des Heils, sie kann keine besondere Würde oder absolute Autorität für sich beanspruchen. Sie ist eine Funktion und rechtfertigt sich durch den Nutzen, den sie bringt. Sie ist derjenige institutionelle Rahmen, innerhalb dessen Christen für sich und gemeinsam ihren Glauben feiern und bilden. Diese Rahmen sollte weit und flexibel sein. Ernst Troeltsch hat dafür das Wort von der „elastisch gemachten Volkskirche“ geprägt.

3. Die Vertreter der Kirche, die amtlich Berufenen, sind keine „Geistlichen“ mit höherer religiöser Weihe, sondern nur hoffentlich besonders qualifizierte Diener ihrer Gemeinde. Ihre Rolle ist nicht die des priesterlichen Mittlers, sondern des Lehrers und Begleiters. Manche – so wäre zu wünschen – sollten aber auch „Virtuosen des Religiösen“ sein, die andere in ihrer je eigenen Frömmigkeitsentwicklung inspirieren.

4. Der Gottesdienst ist keine magische Unternehmung, die Zauberwirkungen entfalten könnte. Er ist auch kein Ritual, an dem man pflichtmäßig teilnehmen müsste. Er ist schließlich keine moralische Besserungsanstalt, in der man ethisch erzogen würde. Der Gottesdienst ist ein Fest, ein erhebender und erfreulicher Selbstzweck.

5. Die Predigt ist Darstellung und Mitteilung des Glaubens. Sie ist religiöse Rede, also konzentriert auf das, was den Gläubigen unbedingt angeht. Deshalb sollte sie nicht versuchen, sich eine Plausibilität von woanders her zu borgen. Sie stellt eine christliche Deutung des Lebens vor. Dabei vertraut sie darauf, dass bei den Hörern schon viel christliche Sinnerfahrung da ist. Sie ist deshalb nicht die Verkündigung von etwas bisher ganz Unbekannte.

6. Die Kirche ist eine Bildungsanstalt. Mit ihrem Unterricht zielt sie auf religiöse Aufklärung und Mündigkeit. Sie will nicht den Gehorsam der ihr Anvertrauten, nicht deren Einfügung in ein sozial-ideologisches System, sondern deren Selbständigkeit. Im besten Fall ist sie am Ende ihrer Bemühung überflüssig geworden.

7. Auch die Seelsorge ist kein autoritäres Geschehen, kein paternalistischer Gnadenakt oder gar ein klerikaler Übergriff. Sondern sie entfaltet sich in einem Gespräch, an dessen Ende man nicht mehr genau zu sagen vermag, wer denn hier wem geholfen hat. Der Trost kommt nicht einfach von oben oder außen, sondern ist gemeinsam auf dem Lebensgebiet des Trostsuchenden zu finden.

8. Kirche und Staat müssen präzise voneinander unterschieden werden, damit man sie sinnvoll aufeinander beziehen kann. Die Trennung vom Staat ist zunächst und vor allem eine Befreiung der Kirche von politischer Vereinnahmung und sozialer Funktionalisierung. Sie ist zudem ein Schutz vor der Versuchung, als religiöse Gemeinschaft Macht zu erwerben und auszuüben.

9. Die Kirche ist nicht alles. Es gibt auch ein Christentum außerhalb der Kirche. Die Institutionalisierung des Christlichen hat ihr großes, wenn auch begrenztes Recht, darf also nicht verabsolutiert werden. Vielmehr ist die Kirche gut beraten, in einen offenen Austausch mit christlichen Lebensäußerungen außerhalb ihres Bereichs einzutreten.

10. Christentum und Kultur sind nicht ohne oder gar gegeneinander zu denken. Wesentliche christliche Impulse lassen sich in der Kultur der Gegenwart entdecken: in der Musik, der bildenden Kunst, der Literatur, im Theater. Die Kirche darf dies nicht abwerten oder vereinnahmen, sondern sollte in einen neugierigen, ernsthaften Dialog mit der Kunst ihrer Zeit führen. Denn die Kunst ist frei und dadurch in der Lage auf ihre ganz eigene Weise das darzustellen, was uns unbedingt angeht.

11. Es gilt, in der christlichen Gemeinde eine Freundschaft zwischen den Geschlechtern zu pflegen und das Zusammenleben und -arbeiten so zu gestalten, dass keine wesentlichen Unterschiede, Trennungen oder Abgrenzungen wirksam sind. Die patriarchalische Fixierung auf maskuline Macht ist zu durchbrechen. Das beinhaltet, dass die Herabwürdigung der von der behaupteten Mehrheit abweichenden Geschlechtsauffassungen bekämpft werden muss. (Natürlich hat sich Schleiermacher – zeitbedingt – noch nicht für die Ordination von Frauen oder die Gleichstellung von Homosexuellen eingesetzt. Aber die heutige Praxis in den meisten evangelischen Kirchen in Deutschland liegt in der Fluchtlinie seines Denkens und Lebens.)

12. Keine christliche Gemeinschaft kann für sich allein das Ganze des Christentums und gar der Religion darstellen. Deshalb ist jede von ihnen auf die anderen angewiesen. Jede christliche Gemeinschaft muss ökumenisch interessiert sein, das Gute in anderen anerkennen, sich von den Charismen der anderen inspirieren lassen, aber auch in der Lage sein, in einen offenen und kritischen Dialog einzutreten. Es geht nicht darum, durch das Abschleifen von Unterschieden eine vermeintliche Einheit oder Gleichheit herzustellen. Auch die Wahrnehmung von bleibenden Unterschieden ist wertvoll. Denn sie nötigt dazu, sich selbst ein Urteil zu bilden und die eigene religiöse Lebensposition im Gegenüber zu seinen Alternativen zu begründen. Dazu muss man seine Kriterien und Argumente offenlegen, damit andere ihnen widersprechen oder zustimmen können.

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Lesermeinungen

Die liberale Theologie ist bankrott. Und hat die kirchlichen Strukturen in den Untergang gerissen.
Klar kann man als Populist putzige Thesen gegen jede Evidenz - KMUV, Kirchengemeindebarometer, PEW, Shell-Jugendstudie, YouGov etc. aufstellen. Dann rangiert man etwa auf Augenhöhe mit dem Kaufhaus-Weihnachtsmann.
Für die Gesellschaft ist Religion dysfunktional (Niklas Luhmann), außer mann ist Erdogan- oder Trump-Anhänger. Und von Kirchen dominierte Kultur (These 10) Geradezu grotesk.
Würden Christen, die in kirchlichen Intsitutionen und Machtstrukuren ihr Geld verdienen, sich mehr an den 10 Geboten und der Jesus-Kultur orientieren, statt Kinder und Schutzbefohlene zu missbrauchen, wie der evangelische "Heilige" Gerold Becker, hätten sie noch eine Minimal-Relevanz. Mit Schleiermacher und seinen liberalen Ur-Enkeln aber nicht.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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Fußball ist ihr Leben - sagt Regionalbischöfin und Schiedsrichtertochter Susanne Breit-Keßler. Und da der Ball rund ist und das zugehörige Spiel mindestens die wichtigste Nebensache der Welt, schreibt sie - wie bereits bei der EM 2016 - auf, was sie während der WM in Russland bewegt