Johann Hinrich Claussen über schlechte Musik

Johann Hinrich Claussen über schlechte Musik
Echo, verhallt
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Foto: privat

Neulich habe ich mich lange mit einem alten Freund unterhalten. Viele Weltprobleme haben wir verhandelt, unter anderem die deutsche Popmusik. In meiner menschenfreundlichen Art wollte ich seine strenge Kritik am aktuellen Musikschaffen hierzulande mit der Bemerkung mildern: „Geduld, Deutschland ist in Sachen Popmusik ein Entwicklungsland!“ Barsch wies er mich zurecht: „Nein, Deutschland ist in Sachen Popmusik ein gescheiterter Staat!“ Da war es nur noch ein kleiner Schritt zur diesjährigen „Echo“-Verleihung.

Der „Echo“ ist ein Wirtschaftspreis. Er wird nicht nach Qualität verliehen, sondern nach Verkaufszahlen. Bei der „Echo“-Verleihung zeigen also die dicksten Bauern ihre dümmsten Kartoffeln (oder umgekehrt). Es kommt folgerichtig nur Schlagermusik zur Aufführung: Schlager-Schlager (H. Fischer), Sparten-Schlager (S. Antiano), Gröl-Schlager (T. Hosen). Eine Ausnahme bildete in diesem Jahr jedoch eine Hervorbringung aus dem Genre „Musikalischer Rülpswettbewerb“ (Battle-Rap).

Darüber ist in den vergangenen Tag viel Kritisches geschrieben worden. Zu Recht, denn diese „Preis“-Träger waren in diesem Jahr wirklich unwürdig. Hätte man sie ausschließen sollen? Oder hätte man sie dadurch zu „Meinungsmärtyrern“ gemacht? (Das ist eine schöne Begriffserfindung der „Bild“-Zeitung für eine Menschengruppe, dies sich zurzeit erstaunlich breit macht.) – (Allerdings kann man auch seltsame Gefühle bekommen, wenn ausgerechnet die „Bild“-Zeitung, das Zentralorgan für Völkerverständigung und Antirassismus, zum großen Halali bläst. Aber das wäre ein anderes Thema).

Doch wie fast alles Schlechte gelegentlich auch zu etwas Guten führen kann, soll es nun besser werden: Über den „Echo“ wird grundsätzlich neu nachgedacht. In Zukunft, so wird überlegt, soll es auch um Qualität gehen. Dafür bräuchte es allerdings eine Jury, die etwas von Pop-Kunst versteht, nach ästhetischen Kriterien urteilt und auch um die Verantwortung von Unterhaltungshelden weiß. Das wäre ein großer Fortschritt. Es gibt eben zwei Arten von Preisen: der Preis, der aufgrund von Würdigkeit verliehen wird, und der Preis, der für ein Ding bezahlt wird – und manchmal ohne Würde ist.

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Lesermeinungen

Es war noch keine Woche her, dass wir der Ermordung Dietrich Bonhoeffers gedachten, da verabschiedete sich der Ethikrat des Echos von der Haltung, die er uns mitgab: dem Rad in die Speichen zu fallen, wenn es um Menschenverachtung geht, besonders der Vernichtungsmaschinerie des Holocausts.
Ihr Büro, Herr Claussen, hatte in Vertretung der evangelischen Christen dieses Landes eine Stimme in diesem Gremium.
Wie wir jetzt wissen, dass der evangelische Beirat nicht für die Juden geschrien hat, sich nicht einmal enthalten, sondern dafür gestimmt, dass am Holocaust-Gedenktag die Verspötter von Holocaustopfern einen Preis und eine Bühne bekamen. Das Abstimmungsergebnis war laut FAZ 6:1, die Gegenstimme war die einzige Frau im Gremium, die Vertreterin der katholischen Kirche.
Das "Internationale Auschwitzkomitee" hatte vorher auf die Entehrung der Shoah-Opfer durch die Entscheidung hingewiesen. Die Frauenverachtung und rechten Verschwörungstheorien dieser "Künstler" mal ganz außen vorgelassen.
Der einzige, der im Sinne Dietrich Bonhoeffers, dem Rad in die Speichen fiel, war die Ikone der letzten provokativen Gegenkultur, der Punkmusiker Campino, dem das Reformationsjubiläum "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" wohl besser in Erinnerung war, als dem Kirchenmann im Ethikrat.
Seitdem haben viele Verantwortung übernommen: Musikverlage, Künstler, Ethikrat-Mitglieder, Veranstalter, Journalisten - vom konservativen FAZ-Urgestein Jasper von Altenbokkum bis zu ernsthaft linken Musikbloggs.
Sie nicht.
Sie stehen nicht zu Ihrer Verantwortung. Sie erklären nicht, welche theologischen -oder sonstigen- Gründe Ihr Mitarbeiter hatte, sich von der Kultur Dietrich Bonhoeffers in der Evangelischen Kirche zu verabschieden.
Als engagierte reformierte Christin entsetzt mich das.

Sehr geehrte Frau C.,

der Ethikbeirat war eine der ersten öffentlichen Stimmen, die die CD des Duos scharf kritisiert und damit eine Debatte angestoßen hat. Die Entscheidung, sie nicht auszuschließen, kann man natürlich als Fehler ansehen. Man muss sich aber fragen, ob man mit einem Ausschluss das eigentliche Problem aus der Welt geschafft hätte. Man muss sich in solchen Fällen immer auch fragen, ob man solche Provokationen nicht noch befördert. Das ist doch das zynische Kalkül von solchen Entgleisungen. Es ist eine Frage der Abwägung. Die Entscheidung kann man falsch finden. Aber der Beirat ist mehrheitlich zu dem Schluss gekommen, sich auf eine scharfe inhaltliche Auseinandersetzung zu konzentrieren. Zu berücksichtigen ist bitte auch, dass dieser Beirat keine Jury war, die einen Preis verliehen hat.

In der Beurteilung des Albums hat es übrigens im Beirat keine Unterschiede gegeben habe. Der „Echo“ muss insgesamt neu bedacht werden. Es muss nach „echten Qualitätskriterien“ entschieden werden und nicht nach Verkaufszahlen.

Ich befürworte, dass der Bundesverband der deutschen Musikindustrie Neuerungen bei der Vergabe des „Echos“ angekündigt hat. Die Forderung der evangelischen und der katholischen Kirche nach einer Neuformatierung des Preises hat offenkundig Gehör gefunden. Demnach wird es einen Ethikbeirat in Zukunft nicht brauchen, wie wir ebenfalls gefordert haben. Der bisherige Ethikbeirat ist im Begriff, sich aufzulösen.

Herzliche Grüße
Dr. Johann Hinrich Claussen
Kulturbeauftrager des Rates der EKD

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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