Johann Hinrich Claussen über Osterbilder

Die Auferstehung sehen?

© Bayerisches Nationalmuseum München

Lange, sehr lange wussten die frühen Christen nicht, wie sie den Kern ihres Glaubens bildlich darstellen sollten. Bilder der Kreuzigung oder der Auferstehung finden sich erst vergleichsweise spät. Für die ersten zwei, drei Jahrhunderte hat die Archäologie erstaunlich wenig zutage geführt, trotz intensiven Suchens. Umso kostbarer sind die ersten Osterdarstellungen. Man sieht ihnen das Suchen und Tasten noch an.

Zum Beispiel dieses Elfenbein-Relief. Es stammt, wahrscheinlich, aus dem Rom des frühen fünften Jahrhunderts. Heute befindet es sich im Bayerischen Nationalmuseum München (vielen Dank an das Museum für die kostenfreie Nutzung des Fotos!). Die „Reidersche Tafel“ zeigt auf der linken Seite das Heilige Grab – gestaltet wie ein imperiales Mausoleum. Hinter ihm steht ein paradiesischer Olivenbaum, Vögel sitzen in den Ästen und essen seine Früchte. Beschützt wird es von zwei Soldaten, von denen einer aber schläft. Es nähern sich drei Frauen – trauernd, vorsichtig. Ein Mann – ein Engel ohne Flügel – sitzt vor dem Grab und begrüßt sie. Doch das eigentliche Wunder ereignet sich rechts oben im Bild. Dort ist Christus zu sehen, wie er einen Berggipfel erklimmt. Zu seinen Füßen kauern zwei Jünger, staunend und erschüttert. Denn aus einer Wolke kommt eine Hand Gottes, die die rechte Hand Christus ergreift und ihn zu sich zieht. Ostern und Himmelfahrt sind hier ein einziges Ereignis.

Welche der Gestalten ist uns am nächsten: die schlafende, die trauernde, die staunende, die erschütterte oder die vorsichtige?

Wenn ich wieder einmal nach München reisen kann, werde ich das Bayerische Nationalmuseum unbedingt besuchen und die Reidersche Tafel unmittelbar in Augenschein nehmen.

P.S.: Nun habe ich auch einen Gottesdienst zum Streamen gefeiert – mit befreundeten Musikern, die Haydns „Sieben letzte Worte Jesu am Kreuz“ gespielt haben, und mit einem zeitgenössischen Gedichtzyklus von Mark Strand. Wem in der häuslichen Eingeschlossenheit danach ist, klicke hier.

P.P.S.: Und da es an diesem Osterfest viel freie Zeit gibt, empfehle ich die Jubiläumsausgabe eines sehr schönen Lyrik-Podcasts, bei dem ich zu Gast sein durfte. Er trägt den treffenden Namen „Seelenfutter“.

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Johann Hinrich Claussen
Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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