Johann Hinrich Claussen über den „Zeitgeist“

Johann Hinrich Claussen über den „Zeitgeist“
Abschied von einem Pappkameraden
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privat

Nachdem fünf Landtagsfraktionen der AfD ein kirchenkritisches Papier veröffentlicht hatten, in dem ich die Ehre hatte, als Hassprediger entlarvt zu werden, fragte mich die Nachrichtenagentur „idea“, was ich von dem Vorwurf hielte, dass die evangelische Kirche mit dem „rot-grünen Zeitgeist“ paktiere. Dies ist meine Antwort (hier noch einmal für die, die nicht regelmäßig „idea“ lesen).

Der Begriff „Zeitgeist“ besitzt eigentlich eine reiche Tradition. Große deutsche Denker von Herder bis Hegel haben versucht, mit ihm der eigenen Gegenwart auf den Grund zu gehen. Doch wie soll man den Geist der Zeit deuten, deren Teil man ist? Kein Mensch existiert ja jenseits von Raum und Zeit. Noch schwieriger wird es, wenn die Gegenwart unübersichtlicher wird und es nicht mehr nur einen, sondern viele, sehr unterschiedliche Zeit-Geister gibt. Da ist ernstes, differenziertes Nachdenken gefragt. Doch das scheint heute vielen zu anstrengend zu sein. So ist bei uns inzwischen dieser einstmals ehrwürdige, aber nicht unproblematische Begriff zu einem tief gesunkenen Kulturgut geworden, ein Zeichen des allgemeinen Bildungsverfalls. Heute existiert er nur noch als polemische Plattitüde erregter Meinungshändler. Sie nutzen ihn als Verleumdungsfloskel, mit der sie ihr Empörungsgeschäft am Laufen halten: „Zeitgeist“ – das sind immer nur die anderen, die Verworfenen, von denen man sich als vermeintlich politisch-moralisch-religiös Höherstehender abhebt. Man selbst ist ja wundersamer Weise von den Geister seiner Zeit gänzlich unberührt. Dieser rein aggressive Gebrauch des Begriffs mag der eigenen Ego-Stabilisierung dienen, eröffnet aber kein Verständnis der Gegenwart, leitet zu keiner ehrlichen Selbsteinsicht an, ermöglicht keine Verständigung mit anderen. Deshalb empfehle ich (auch der Redaktion von idea), sich von diesem semantischen Pappkameraden zu verabschieden. Besser ist es, wenn man sich an dieses Paulus-Wort hält: „Prüft alles und das Gute behaltet.“

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