Blog: Was haben die Bilderstürme mit den Klima-Protesten zu tun?

Angriffe auf Bilder – damals und heute
ikonoklasmus

jhc

Es wird wieder viel über „Ikonoklasmus“, zu Deutsch „Bildersturm“, geredet. Die wenigsten wissen, was damit gemeint ist und was daran genau das Problem ist. Dabei gibt es hier einiges zu entdecken und neu zu verstehen.

Oben ist ein Propaganda-Bild aus dem Byzanz des 9. Jahrhunderts zu sehen. Es ist eine Seite aus dem sogenannten Khludov-Psalter. Es zeigt zuerst, wie zwei Männer den Gekreuzigten quälen – der eine mit einer Lanze, der andere mit einem Schwamm Essig auf einem Stab. In der Bibel heißt es, dies wären römische Soldaten gewesen. Hier sind sie als Juden gekennzeichnet.

Darunter sieht man, wie ein Mann mit einem langen Pinsel eine Christus-Ikone übertüncht. Auffällig ist, dass sein Farbtopf dieselbe Form hat wie der Essigtopf darüber. Die polemische, antijüdisch gefärbte Pointe: Die Kritik am Ikonenkult ist ein Angriff auf Christus selbst.

Dieses Bild wollte den Schlussstrich unter einen Streit ziehen, der das oströmische Reich im 8. und 9. Jahrhundert prägte. Einige Kaiser hatten versucht, den neuen Bilderkult zurückzudrängen. In der älteren Literatur liest man von einer radikalen Kulturrevolution von oben, die das Reich in einen Bürgerkrieg gestürzt habe. Neuere Forschungen haben dies widerlegt. Die bildkritischen Kaiser gingen sehr vorsichtig und maßvoll vor, lösten aber gleichwohl eine massive und am Ende erfolgreiche Reaktion der Bildliebhaber aus. Sie führte dazu, dass für die orthodoxen Kirchen bis heute die Verehrung von Ikonen ein Identitätsmerkmal ist.

Ikonoklasmus ist, bei Lichte betrachtet, etwas Modernes. Selbst für die Reformationszeit passt der Begriff nicht wirklich. So richtig ging es mit erst in der Französischen Revolution los. Weitere Beispiele sind die frühe Sowjetunion, der spanische Bürgerkrieg und die afghanischen Taliban. In religiös-antireligiösem Eifer wurden hier heilige Bilder vernichtet.

Mit den Aktionen von Klimaaktivisten heute hat das nichts zu tun. Diese wollen berühmte, säkulare Gemälde nicht zerstören (nehmen eine Beschädigung jedoch in Kauf), sondern für ihre Propagandazwecke nutzen. Einen Selbstwiderspruch sehe ich darin, dass sie perfekt die Mechanismen der spätkapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie bedienen, also gar nicht systemkritisch, sondern ziemlich systemkonform agieren. Zugleich lenken sie vom eigentlichen Thema ab, um das es ihnen doch angeblich geht. Jetzt reden alle über die Aktionen dieses Grüppchens, streiten über deren Pro und Contra, so dass für die eigentlichen politischen Fragen kein Atem und keine Zeit mehr bleibt. Ikonoklasmus ist das nicht, nur blödsinnig und schädlich.

P.S.: Wer erfahren will, was für eine ungeheure Wirkung von Ikonen ausgeht, sollte nach Recklinghausen fahren. Dort gibt es ein fantastisches Ikonen-Museum. In der vergangenen Woche konnte ich es zum ersten Mal besuchen und bin immer noch beglückt.

P.P.S.: Diese Radio-Sendung ist mir wichtig. Sie ist meines Wissens einer der ersten Versuche, über „Branchen“-Grenzen hinweg über Macht und (sexualisierten) Machtmissbrauch zu sprechen. Als evangelischer Theologe habe ich mit Gesprächspartnerinnen aus der Kultur über dieses belastende, aber wichtige Thema diskutiert. Man kann es jetzt bei Deutschlandfunk Kultur nachhören.

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Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur

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Johann Hinrich Claussen ist Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt, er kümmert sich um das Gespräch zwischen Kirche und Kultur.

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