Hanna Lucassen meldet sich an - als Pflege-Reservistin in Corona-Zeiten

Soll ich wieder in einen Kittel steigen?

Als ich heute früh durch den Garten lief, um die Hühner zu füttern, dachte ich: Was für kostbare ruhige Tage... Als freiberufliche Journalistin kann ich gut zuhause arbeiten, die halbwüchsigen Kinder sind recht gut gelaunt, wir kochen jeden Abend und ich komme endlich mal zum Aufräumen und Ausmisten. Eigentlich könnte es länger so weiter gehen. Wird es aber wohl nicht. Ich habe mich als „Pflege-Reservistin“ registriert.

Wir sollen die Lücken füllen

Ich bin Krankenschwester. Nein, ich war es. Mein Examen liegt, oh je, ich muss rechnen, 25 Jahre zurück. Danach habe ich nur ein paar Jahre in der Pflege gearbeitet. Ich liebte die Nähe zu den Menschen, aber die Arbeitsbedingungen waren ein Graus. Ich habe mich „neu orientiert“ wie so viele meiner Kollegen. Uns fehlen viele Jahre Erfahrung. Das aber spielt jetzt keine Rolle, wir sind offenbar trotzdem gefragt. Um Lücken zu füllen, die in der Coronakrise entstehen – weil Pflegekräfte selbst krank werden und ausfallen, die Patientenzahlen steigen, schwere Fälle eingeliefert werden.

Pflicht und Chance

Soll ich wieder in einen Kittel steigen? Ich fühle mich irgendwie in der Pflicht. Und vielleicht ist es auch eine Chance, wenn es als Freiberuflerin jetzt eng wird? Der vorübergehende Einsatz soll nicht ehrenamtlich sein, aber wer das wie bezahlt, ist nicht immer klar.

Das Internetportal Pflegereserve.de ist kaum zwei Wochen alt. Mittlerweile haben sich 900 Pflegekräfte dort registriert, sagt mir Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung, die das Ganze ins Leben rief. Ab dieser Wochen sollen Krankenhäuser und Pflegeheime darauf zugreifen können. Und sich an passende Kandidaten wenden. Er lacht, als er meine wachsende Aufregung spürt: „Na, mal sehen, wie lange es dauert, bis Sie eine Anfrage bekommen.“

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Lesermeinungen

Ein solcher Einsatz erfordert viel Mut! Bis heute stehen in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern nicht ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung. Das Risiko, sich als Pflegepersonal selbst anzustecken, ist deshalb groß. Um so beeindruckender finde ich Ihre Entscheidung. Doch selbst wenn es nicht zu einem Einsatz kommen sollte, finde ich es sehr wichtig, aus journalistischer Sicht über die Arbeitsbedingungen vor Ort zu berichten und genau hinzuschauen, wie die Umsetzung der Solidaritätsbekundungen tatsächlich erfolgt.
Eine Einmal-Zahlung von 500 € - wie in Bayern angekündigt – ist m.E. nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um dauerhaft die Gehälter und Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern. Interessant wäre für mich als Gewerkschafterin zu erfahren, welche Forderungen konkret diesbezüglich von den Beschäftigten und aus der Politik kommen. Wichtig finde ich auch die Frage, wie Pflegekräfte organisiert sind. Denn ohne eine gemeinsame Interessensvertretung werden tarifliche Forderungen nach einer dauerhaften Gehaltserhöhung vermutlich nach der Krise schwieriger durchzusetzen sein.

Diese Fragen werden mich hier auf jeden Fall noch beschäftigen! Es ist eine historische Chance für die Pflege, endlich ihre Forderungen nach höherer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Sie gehen schon lange immer wieder dafür auf die Straße. Und es ist wenig passiert. Ob die Pflege die Chance nutzen kann - oder ob nach dem Hype um die Corona-Helden alles wird wie vorher?  Manch einer traut dem jetzigen Applaus auch nicht so wirklich (siehe Blogeintrag 2). Herzliche Grüße, Hanna Lucassen 

Super, Ihr Einsatz! Und sehr aufregend, das kann ich gut verstehen. Nach 25 Jahren! Hut ab! Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.
Der Einsatz eines Freundes, der sich hier in der Klinik gemeldet hat, um in der Essensausgabe auf Station zu helfen- auch dringend gesucht!- scheitert bis dato an der "Belehrung zum Infektionsschutzgesetz" durch das örtliche Gesundheitsamt...die Belehrungen werden im Moment nicht angeboten, da keine Schulungen stattfinden. Alle Welt stellt im Schnellverfahren auf Digitalisierung um, hier sollte ganz schnell reagiert werden. Diese Schulungen sind reine Vorträge, ganz abgesehen davon, dass die hygienischen Standards bei der Einarbeitung arbeitsplatzbezogen gelehrt werden müssen...so hoffe ich zumindest.
Ich hoffe, Ihr Engagement scheitert nicht an solchen Hürden. Sonst kommt zum Frust über Personalknappheit und der Frust derjenigen, die unterstützen wollen, auch noch der Vertrauensverlust in das System, dass eben doch nicht alles getan wird, um zu unterstützen. Ich freue mich auf die Fortsetzung!

Über diesen Blog

Schwester, Schwester! Hanna Lucassen erzählt von Streiks, Spritzen und Sonntagsdiensten.

Hanna Lucassen
Hanna Lucassen ist heute Journalistin - aber sie hat auch einen ordentlichen Beruf erlernt: 1994 machte die Frankfurterin ihr Diplom als Krankenschwester. Nach ein paar Jahren hängte sie den Kittel in den Schrank. Seit Beginn der Corona-Pandemie gehört sie aber zur "stillen Reserve" - und würde einspringen, wenn man sie braucht.

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