Stimmt so!

Monika Höfler

Ich bin zum Essen in einem Restaurant eingeladen. Der Service ist überaus freundlich, das Essen sehr gut. Mein Gastgeber rundet die Rechnung „großzügig“ auf – um 80 Cent. Mir ist das peinlich. Am liebsten würde ich beim Hinausgehen heimlich etwas drauflegen, aber stelle ich damit nicht den Einladenden bloß? Um des Kellners willen kann ich es mir nicht verkneifen, ihm schnell noch etwas in die Hand zu drücken. Draußen sage ich zu meinem Bekannten: „Also, ich war so zufrieden, dass ich auch was gegeben habe.“ Nicht ideal, so wie er mich anschaut – aber ein Versuch, von mehr Großzügigkeit zu überzeugen. Als wir ein paar Tage später mit Bekannten unterwegs sind, sehe ich, wie mein Nachbar fünf Euro Trinkgeld gibt – bei einer Rechnung von 23 Euro. Recht kulant...

Natürlich ist jedem selber überlassen, wie viel ihm die Dienste anderer wert sind. Trinkgeld, so sagt die Gewerbeordnung, ist ein Geldbetrag, den ein Dritter dem Arbeitnehmer zusätzlich zu einer dem Arbeitgeber geschuldeten Leistung zahlt. Alles freiwillig. Die einen weisen deshalb darauf hin, dass in Deutschland das Bediengeld in den Preisen enthalten ist. Wozu also zusätzlich Geld über den Tisch schieben für etwas, das eh schon bezahlt ist? Ein nettes Wort am Ausgang tut es doch auch.

Andere finden es knausrig, überdurchschnittlichen Service nicht auch mit Geld zu honorieren. Für sie ist der „Tipp“, den man ­früher vor der Dienstleistung gab, damit sie zügig erfolgte, ein selbstverständliches Dankeschön. Der Kellner, das Zimmer­mädchen oder der Kofferträger haben einen liebenswürdig betreut, besonders sorgfältig saubergemacht, einem Lasten abgenommen. Man freut sich, dass das, was man normalerweise alles selber stemmen muss, so angenehm von anderen erledigt wird.

Trinkgeld ist immer angebracht


Dazu kommt, dass manche Menschen finanziell schlecht dastehen. Die thüringische Friseurin, die als Berufsanfängerin keine vier Euro verdient, die 67-jährige Frau, die in der Disco als Klofrau ihre Rente aufbessert, der Student, der an der Garderobe arbeitet, der gehbehinderte Mann, der morgens die Zeitung austrägt: Sie alle sind auf Trinkgeld dringend angewiesen. Schwierig wird es allerdings, wenn Männer und Frauen für ihre von Staat, Land oder Kommune bezahlte Tätigkeit zusätzlich noch Trinkgeld kassieren.

Müllmänner, denen man Weihnachten eine Gabe zukommen lassen möchte, dürfen die nicht annehmen. Unverständlich? Manchmal erwartet der Geber, dass dafür der Sondermüll klaglos mitgenommen und nicht gemeckert wird, wenn sich neben den Tonnen zusätzliche Abfallberge türmen. Bestechlichkeit und Korruption fangen halt im Kleinen an – deshalb ist es richtig, dass kleine Zuwendungen überall dort verboten sind, wo sie dem Spender einen Vorteil verschaffen könnten, den andere nicht haben.

Trinkgeld ist immer angebracht, wo das Einkommen kaum oder nur knapp zum Lebensunterhalt reicht. Ansonsten ist es eine stilvolle Geste der Dankbarkeit. Manchmal unabsichtlich: Genervt vom Tränengas in den Straßen von Kairo, waren wir endlich am Flughafen. Ich griff in die Tasche, um unseren ­Gepäckträger, einen alten, gebückten Ägypter, zu entlohnen.

Fünf Euro, dachte ich, bei den Lasten! Es waren 20, versehentlich. Was für ein Glück – auf seinem Gesicht und deswegen in unserem Herzen.

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Lesermeinungen

Meine Frau und ich haben einige Monate in Neuseeland gelebt. Als ich an unserem Wohnmobil ein Problem hatte, besuchte ich eine Werkstatt. Dort wurde mir schnell und fachmännisch geholfen. Als ich dem Monteur ein Trinkgeld geben wollte, lehnte dieser das ab mit der Bemerkung, für seine Arbeit würde er bezahlt. Als ich mich vor einigen Wochen erkundigte, ob das Trinkgeldgeben grundsätzlichAzts immer noch verpönt sei, wurde mir das bestätigt. So sind Geber und Nehmer der Peinlichkeit enthoben - vorausgesetzt, der Arbeitslohn stimmt!

Zum Thema "Trinkgeld ...." Chrismon 11/2013 im-vertrauen

Ihre Geschichte hat mich an ein Ereignis erinnert, das ich vor Jahren mit meinen Kindern erlebt habe.

Eine glücklich machende Verwechslung

Es war das Ende der Sommerferien, und ich besuchte mit meiner jüngsten Tochter einen kleinen Zirkus, der während der Ferienzeit auf unserer Schulwiese sein Zelt aufgeschlagen hatte. Ein Familienzirkus, wie wir ihn heute kaum mehr erleben: Eine rumänische Familie, Eltern, 5 Kinder und beinahe sämtliche Haustiere, ein Esel, ein Pony, 2 Schweine, Hühner, Ziegen, ein Hund .... – und vielleicht noch mehr, an das ich mich nicht mehr erinnere.
Da der Eintritt kostenlos war und das Ende der Schulferien, wimmelte es in dem Zelt von aufgeregten Kindern. Die Luft war stickig, der Geruch gewöhnungsbedürftig, eben gerade so, wie es in einem Zirkus zum Programm gehört. Doch unsre Erwartungen wurden weit übertroffen. Es war köstlich, vergnüglich und selbst für uns Erwachsene kurzweilig und unterhaltsam. Die kleinen wie die großen Darbietenden überzeugten mit ihrem Engagement, man konnte ihre Leidenschaft für das, was sie da zeigten, schmecken und sehen. Menschen und Tiere waren nicht nur gut dressiert, sie gehörten einer Familie an, sie liebten, was sie taten. Und der Funke sprang über auf die Zuschauer. Der Zirkusdirektor, alias Papa, behielt die Fäden in der Hand; wenn man davon absieht, dass mancherlei Getier nicht immer gewillt war, sich seiner ihm eigenen Autorität zu unterwerfen. Natürlich verursachte auch das manche zusätzliche Lacher.
Es war eine großartige Zirkusvorstellung für Kinder.

Als dann während der eigenen musikalischen Darbietung einer der älteren Söhne mit einem Opfersäckchen durch die Reihen ging, griff ich in meiner Begeisterung in meine Jackentasche und steckte meine vermeintlichen 10 DM in den Beutel. Sekunden später entdeckte ich zu meinem Schrecken, dass ich in die falsche Tasche gegriffen hatte.
Einen 100 DM-Schein hatte ich nur 2 Stunden zuvor geschenkt bekommen als Dankeschön von meiner Schwiegermutter für die Umzugshilfe. Wie hatte ich mich darüber gefreut – und ihn in Eile in meine Jackentasche gesteckt. Was für eine Verwechslung!

Später beim Abendessen mit meiner Familie stellten wir uns die glücklichen Gesichter der Zirkusfamilie vor, während sie ihr "Trinkgeld" zählten: "Soo gut waren wir heute!" - und vielleicht gab es dann im Wohnwagen ein besonders leckeres Abendessen.
Den ironischen Kommentar meiner Söhne "typisch Mama" konnte ich dann einfach mal schweigend und lächelnd stehen lassen.

Ursula Frey
70771 Leinfelden-Echterdingen

Zitat aus dem Artikel: "Fünf Euro, dachte ich, bei den Lasten! Es waren 20, versehentlich. Was für ein Glück - auf seinem Gesicht und deswegen in unserem Herzen." Bescheuert mieses Leben plus Trinkgeld - wem es da nicht warm ums Herz wird, dem kann wohl nicht mehr geholfen werden.

Meine Meinung (männl. 60 J.): wenn ich für eine Hilfs-/Dienstleistung wie Koffertragen Trinkgeld gebe, ist das für mich sehr natürlich. In Europa und noch selbstverständlicher in Afrika oder Asien. Aber wenn ich z.B. meiner Friseurin Trinkgeld gebe habe ich immer ein schlechtes Gefühl. Nicht weil mir der kleine Geldbetrag weh tut. Vielmehr weil ich denken muss: warum bekommt die Frau, die gute und freundliche Arbeit geleistet hat nicht wie ein "normaler" Büromensch ein Gehalt, mit der sie zurecht kommen kann. ("Mindestlohn" lässt grüßen ?????)