Tillmann Prüfer: Wie man seine Rolle als Vater findet

Traut euch, Papas!
Traut euch, Papas!

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Kinder haben - ein Abenteuer!

Tillmann Prüfer erzählt im Interview, wie er Karriere und Familie unter einen Hut bekommt, warum Männer es sich zu leichtmachen, wenn sie sich aus der Erziehung heraushalten, und warum Väter diskriminiert werden

Sie haben vier Töchter und schreiben in Ihrem Buch "Vatersein", dass Sie bei Ihrer ersten Tochter einiges "verbockt" hätten. Waren Sie für Ihre jüngste Tochter ein besserer Vater als für Ihre älteste?

Tillmann Prüfer: Ich glaube nicht, dass ich für meine Kinder ein unterschiedlich guter Vater bin. Aber als mein erstes Kind klein war, habe ich viel zu viel gearbeitet und war zu wenig zu Hause. Ich habe dabei wichtige Zeit verloren, um mit meinem Kind zusammenzusein. Es hat später lange gedauert, das alles wieder aufzuholen. Ich hoffe, ich habe gelernt, solche Fehler nicht zu wiederholen.

Sie arbeiten in Teilzeit und sind stellvertretender Chefredakteur des "Zeit"-Magazins. Kriegen Sie Karriere und Familie unter einen Hut?

Endlich werden solche Fragen mal einem Mann gestellt! Ich glaube: mittlerweile ja. Es wurde interessanterweise auch nie infrage gestellt, ob ich mit Teilzeit eine Führungsposition ausfüllen kann. Jedenfalls hat nie jemand in Zweifel gezogen, dass ich meine Joblaufbahn ernst genug nehme. Das mussten sich ja Frauen immer anhören, die Frage: Kind oder Karriere.

Tillmann Prüfer

Tillmann Prüfer, geboren 1974, ist stellvertretender Chefredakteur des "Zeit"-Magazins und Vater von vier Töchtern, über die er seit 2018 wöchentlich seine Kolumne "Prüfers Töchter" schreibt. Zuletzt hat er das Buch "Vatersein - Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen" (Kindler) geschrieben. Tillmann Prüfer lebt mit seiner Familie in Berlin.
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Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur am Magazin-Desk von chrismon, epd Film und JS-Magazin. Er hat Journalismus, Geografie und Germanistik in Mainz und Bamberg studiert. Er schreibt am liebsten über gesellschaftspolitische Themen und soziale Gerechtigkeit.
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Schaffen Sie das zu Hause mit der fairen Aufteilung von Erziehung und Hausarbeit?

Es gibt Dinge, die haben wir ganz gut aufgeteilt: Ich kaufe eher ein, meine Frau macht eher die Wäsche. Ich koche, wenn es schnell gehen soll, sie kocht, wenn es gut werden soll. Was ich noch lernen muss, ist, Dinge selbst präsent zu haben: Wie heißen noch mal die besten Freundinnen meiner Tochter? Wann ist der Kinderarzttermin? Wann müssen wir zum Elternabend? Ich verschiebe diese Liste von Dingen, die nicht schiefgehen dürfen in den Kopf meiner Partnerin und bin dann gleich weniger verantwortlich. Und das ist unfair. Wenn man sich die Sachen in den eigenen Kopf nimmt, macht man sie auch eher selbst.

Dass sich Väter stark in die Erziehung einbringen, ist noch immer selten. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Es sorgt zwar manchmal für schlechte Laune, einen Termin abzusagen, weil man mit dem Kind beim Arzt ist, aber insgesamt wird das akzeptiert. Väter älterer Generationen mussten viel mehr Widerstände überwinden und auch den Spott von den Kollegen oder Enttäuschungen des Vorgesetzten ertragen. Wir haben heute als erste Vätergeneration große Möglichkeiten, eine alternative Vaterrolle zu gestalten. Ich wundere mich, wie wenig Väter das tun.

Wie fängt man damit an?

Indem man sich fragt, was ich meinen Kindern als Vater unbedingt beibringen will. Was sollten sie unbedingt von mir wissen? An was sollen sie sich als Erstes erinnern, wenn sie an mich denken? Vielleicht ist das eine Liste mit banalen Dingen. Etwa: Meine Kinder konnten mich jederzeit ansprechen. Oder: Ich will, dass meine Kinder sich mit Lust und Mut in neue Aufgaben stürzen. Dann kann man sich überlegen, wie man das umsetzt. Im dritten Schritt fragt man sich: Wann soll das passieren? Nach der Arbeit, am Wochenende, im Urlaub? Dann sieht man, was es erfordert, wenn man Vatersein ernst nimmt, und wie man sein Leben ändern muss.

"In der Vaterrolle ist der Mann gesellschaftlich ziemlich allein"

Wann ist ein guter Zeitpunkt, sich diese Gedanken zu machen?

Die Monate vor der Geburt. Die meisten Paare unterschätzen, wie viel Redebedarf es gibt. Viele denken: Wir haben uns so lieb und jetzt kriegen wir noch irgendwas dazu und das wird dann umso schöner. Und plötzlich wird man von dieser Situation überrollt und ist gar nicht mehr in der Lage, zu gestalten. Wenn es einem wichtig ist, viel Zeit mit seinem Kind zu erleben und eine Beziehung zu ihm aufzubauen, verträgt sich das schlecht mit dem Modell des Alleinverdieners. Die große Mehrheit der Väter junger Kinder arbeitet in Vollzeit. Meistens sogar umso mehr, weil sie jetzt jemanden zu versorgen haben. Wenn man nicht sehr klar mit der Partnerin oder dem Partner ausmacht, wie man die Lasten von Erwerbs- und Familienarbeit aufteilt, wird man von Dynamiken erfasst, die man nachher nicht mehr einfangen kann.

Welche Dynamiken meinen Sie?

Der Klassiker: Er arbeitet erst mal weiter und sie bleibt zu Hause. Dann macht er einen Karrieresprung und hat noch mehr zu tun. Sie hat in der Zeit die Hausmacht übernommen und sich ein anderes Netzwerk gebaut. Plötzlich bewegen sich die Partner in zwei verschiedenen Welten. Dass viele Frauen dann in einer Welt feststecken, in der sie nicht sein möchten, weil sie dann auf die Mutterrolle beschränkt werden, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass es auch Männer gibt, die damit nicht glücklich sind.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Väter diskriminiert werden. Ist das in einer patriarchalen Gesellschaft wie unserer nicht weit hergeholt?

Nein. Männer werden zwar im Job oder an Schaltstellen in der Gesellschaft bevorzugt. Aber als Väter haben Männer nichts, auf dass sie sich verlassen können. Es gibt keine Väterlobby, es gibt keine Solidarität unter Vätern. In der Vaterrolle ist der Mann gesellschaftlich ziemlich allein. Das merken wir in Rechtsfragen: Wenn sie mit der Mutter nicht verheiratet sind, haben Väter kein automatisches Sorgerecht für ihr Kind. Das muss ihnen erst von der Mutter zugestanden werden - eine fundamentale Ungerechtigkeit. Männer werden diskriminiert, da sie durch die Gesellschaft in eine Rolle geschoben werden, die sie von ihrem Kind entfremdet und in die Rolle des Erwerbsesels schiebt. Frauen fragen sich schon seit geraumer Zeit, ob sie mit der Position, die ihnen zugeschoben wurde, glücklich sind und lassen sich das nicht mehr gefallen. Männer trauen sich gar nicht, ihr Bild in der Gesellschaft infrage zu stellen und sich dagegen zu wenden.

"Nirgendwo machen Väter irgendetwas schlechter als Mütter – wenn sie es machen"

Wenn Väter bereit sind, sich daheim mehr einzubringen, müssen sich die Mütter dann auch neue Rollen suchen?

Wenn wir neue Väter wollen, brauchen wir auch neue Mütter. Dann müssen auch die Frauen zulassen, dass die Männer sich zu Hause stärker engagieren. Das fällt manchen gar nicht so leicht, weil wir dieses Bild des Mannes als heroischen Arbeiter haben, der Abteilungsleiter wird und auf Geschäftsreise geht. Wenn eine Mutter sagt, mein Mann startet im Betrieb gerade richtig durch und ist viel unterwegs, ist die häufigste Reaktion darauf respektvolles Nicken. Die wenigsten Freunde würden sagen: Warum ist der nicht da, wo er gebraucht wird? Was hilft euch das, wenn er nach Los Angeles fliegt, während er die wichtigste Zeit mit seinen Kindern verpasst? Das wäre die gesündere Reaktion.

Warum?

Wenn die Erwartungshaltung ist, dass Väter für das Familieneinkommen zuständig sein sollen, ist das eine Last für beide. Das sind gelernte Rollen, auf die man immer zurückfallen kann, wenn man sich unsicher fühlt.

Was kann ein Vater machen, dem seine Partnerin nach dem zweiten Fehlversuch sagt: Du kannst nicht wickeln, lass mich das machen?

Es passiert nicht so häufig, dass ein Mann vom Wickeltisch gedrängt wird. Die meisten Mütter sehen das sehr gerne. Kommt es zum Konflikt, ist meistens schon vorher etwas passiert. Zum Beispiel, dass er sich früher schon gedrückt hat, sich voll zu engagieren. Und wenn es zum Konflikt kommt, weil ich mich als Vater mehr einbringen will, ist das erst einmal gut. Denn dann habe ich ja schon ein Bedürfnis geäußert. Viele Männer haben ein Problem damit, ihre Wünsche überhaupt zu begreifen und für sich zu formulieren, was sie eigentlich wollen. Wenn ich weiß, was ich will, kann ich das ansprechen. Ich kann auch anderer Meinung sein als meine Partnerin. Ich kann andere Schwerpunkte haben. Wir können darüber streiten. Nirgendwo machen Väter irgendetwas schlechter als Mütter – wenn sie es machen. Sie machen es anders, aber nicht schlechter.

"Männer sprechen zu selten mit anderen Männern über das Vatersein"

Was könnten Väter besser machen?

Männer sprechen zu selten mit anderen Männern über das Vatersein. Als ich mit meiner zweiten Tochter Lotta zum Babyschwimmen gegangen bin, habe ich versucht, das so effizient zu erledigen wie einen Job. Ich habe aber nicht gemerkt, dass die anwesenden Mütter das Babyschwimmen genutzt haben, um sich untereinander zu connecten. Die haben Nummern getauscht und Dates vereinbart. Mir wäre nie eingefallen, die anderen Väter dort zu fragen: Wollen wir nicht mal mit dem Kinderwagen um den Block schieben und einen Kaffee trinken? Dieses Komplizenfinden, mit dem man auch Unsicherheiten besprechen kann, machen Männer viel zu selten, weil wir das nicht gelernt haben. Wir haben gelernt, gegen andere Männer zu konkurrieren.

Wollen Väter deswegen immer ein anerkennendes Schulterklopfen, wenn sie sich an Kindererziehung und Haushalt beteiligen?

Das kommt von unserer Sozialisierung als Mann. Wir sehen uns als Teil einer Maschine. Wir bringen Leistung und dafür wollen wir eine Bezahlung, also ein Lob. Wenn wir das nicht bekommen, haben wir das Gefühl, versagt zu haben. Man kriegt von seinen Kindern ein sehr klares Feedback, wenn sie etwas nicht möchten. Aber du kriegst nicht für jeden Kram ein Lob. Das hat mir Schwierigkeiten bereitet, als ich mit meiner Tochter Juli alles richtig machen wollte. Ich habe sie in die Kita gebracht und abgeholt und war total frustriert, dass das Kind das doof fand und mir dauernd gesagt hat: Wo ist eigentlich Mama? Ich konnte das schlecht ertragen, weil ich Anerkennung haben wollte. Es geht aber nicht um Lob. Es geht um Verbindung, es geht um Liebe.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man nicht versuchen sollte, ein Supervater zu werden. Trotzdem haben Sie einen "Werkzeugkasten" aufgeschrieben, an dem Väter sich orientieren können: planen, Gefühle äußern, zuhören, zärtlich sein, sich seiner Werte bewusst sein … Ist das nicht auch überfordernd?

Was ich vermeiden wollte, ist ein Bild des perfekten Papas zu malen. Deswegen habe ich eine Werkzeugkiste gepackt und keine To-do-Liste geschrieben. Ich wollte etwas schreiben, was man als Mittel in die Hand nehmen kann, um zu gucken, was zu einem passt. Dem einen fällt es leichter, daran zu arbeiten, auch negative Emotionen zu äußern. Dem anderen fällt es leichter, sich zu fragen, was er für das Kind darstellen möchte.

"Ich hatte großes Glück mit meinem Vater"

Und was sollte man darstellen?

Aus der Psychologie wissen wir, dass Väter sehr wichtig sind für Kinder. Es ist ein Holzweg, zu glauben, dass Mutter Nummer eins ist und Vater Nummer zwei. Es gibt Dinge, die Kinder viel besser von Menschen, die die Vaterrolle übernehmen, lernen. Das muss auch nicht immer der Mann sein. Was ich möchte, ist, dass man sich dieser Rolle bewusst wird. Man soll sich nicht neue Ideale basteln, die einen überfordern, sondern sich auf die Situation einlassen und gucken, was vom Kind kommt und wie man sich verändert. Das ist das große Abenteuer, die große Chance, die man im Leben hat: dass man sich selbst noch einmal fundamental verändert. Man braucht dafür Raum im Leben, den man verteidigen und auf den man stolz sein muss.

Gibt es eine Phase, in der der Vater besonders wichtig ist für das Kind?

Wenn es darum geht, mit dem Kind in Kontakt zu kommen, ist die Phase nach der Geburt wichtig. Wie präsent bin ich da, wie lasse ich mich ein auf dieses Wesen? Wo Väter dabei besonders wichtig sind, ist alles, was die Kommunikation mit außen angeht. Der Vater ist der Erste, der sich von außen dem Kind nähert. Als Mama muss ich nicht für mich werben. Als Mann zeigt man aber dem Kind, dass da ein Typ ist, der zwar keine Milch gibt, aber der ihm was von der Welt zeigt, Fragen stellt und es auf das Leben da draußen vorbereitet.

Hatten Sie ein Vorbild beim Finden Ihrer Vaterrolle?

Ich hatte großes Glück mit meinem Vater. Er hat zwar Vollzeit gearbeitet, aber wenn er nach Hause kam, spielte die Arbeit keine Rolle mehr. Er wollte Zeit mit seinen Kindern verbringen. Er hat irre viel Geschichten erzählt und sich nicht nehmen lassen, einen eigenen Einfluss auf uns Kinder zu haben, den meine Mutter so nicht haben konnte. Mit meinem Vater war es immer etwas anarchischer und wilder als bei Mama. Deswegen war mir auch klar, dass ich selbst Kinder haben möchte, weil ich das als Kind als sehr angenehm empfunden habe.

Wenn Sie werdenden Vätern einen Rat geben könnten, was wäre das?

Der Experte für deine Vaterschaft bist du selbst! Du hast alles, was du brauchst, du weißt alles, was du brauchst, um mit deinem Kind glücklich zu werden, mit ihm zu wachsen und einen starken Partner für dein Leben zu finden. Lass dir von niemandem reinreden, dass du es nicht kannst, dass es dir nicht gebührt oder dass irgendetwas anderes wichtiger sein sollte. Es ist das tollste und größte Abenteuer im Leben, das dir blüht. Stürze dich da rein, genieße das, kämpf darum!

 Tillmann Prüfer, Vatersein, Kindler-Verlag 2022, 208 Seiten, ISBN: 978-3-463-00039-8Kindler Verlag

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