"Der Tod und das Mädchen", 1872, Hans Thoma

Museum Folkwang Essen/Artothek

"Der Tod und das Mädchen", 1872, Hans Thoma

"Der Tod und das Mädchen", 1872, Hans Thoma

Kunst von Hans Thoma: Der Tod und das Mädchen

Eindeutig zweideutig
Gedenkt das Mädchen hier womöglich einer verflossenen Liebe? Ist das womöglich gar kein Bild des Todes, sondern eines, das von Glück und Unglück der Liebe erzählt? Es gibt viele Interpretationen.

Ein Bild für Botaniker. Zumindest ist hier, wer etwas von Pflanzen versteht, im Vorteil. Denn die ­Blumen in "Der Tod und das Mädchen" von 1872 verraten: Es ist eindeutig zweideutig. Klar, das Werk von Hans Thoma ließe sich ganz im grauen November- Blues interpretieren als Sinn-Bild für Vergehen, für Tod und Ende. Dargestellt in Form des größtmöglichen Kontrasts, die Schöne wird dahingerafft vom Biest – oder hier: die blühende ­Jugend vom Gerippe mit der Sense.

Der Blick auf die Blumen aber öffnet weitere Interpretationsmöglichkeiten. Ist das womöglich gar kein Bild des Todes, sondern eines, das von Glück und Unglück der Liebe erzählt?

Im rechten Vordergrund – und damit nah an der für Bilddeutungen so wichtigen goldenen Mitte – blüht der Mohn. Die Blume ist in Kunst und Mythologie Symbol für Trauer und Tod, in der christlichen Bildsprache ihrer blutroten Blütenblätter wegen gar für den Tod Christi. Heute gedenken die Menschen in England ihrer Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg mit Mohnblumen. Aber Mohn verweist seiner betäubenden Wirkung wegen auch auf traumähnliche Zustände, vielleicht auch auf das zum Rausch neigende Verliebtsein. Gedenkt das Mädchen hier womöglich einer solchen Liebe, stellt der Tod ihr Verfließen dar?

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

"Er liebt mich, er liebt mich nicht" – unzählige Gänseblümchen weltweit haben für dieses Ausrupfritual, mit dem auch das Mädchen im Bild offenbar hofft, tiefere Erkenntnisse über das persönliche Schicksal zu erlangen, mit ihren Blütenblättern bezahlt. Gänseblümchen müssen zudem als Symbol für kindliche Unschuld herhalten. Vielleicht ist es sogar diese Unschuld, von deren Abschied das Bild zeugt.

In dem Fall wird der große Sensenmann noch mal degradiert und zwar zu einem kleinen Tod, "la petite mort", wie auf Französisch der Orgasmus bezeichnet werden kann. Dann wäre der Rausch, von dem das feine Lächeln im Gesicht des Mädchens kündet, noch ein ganz anderer, indem er den Übergang des unschuldigen Mädchens zur sexuell aktiven Frau markiert.

Liebe (im umfänglichsten Sinne) und Tod (ebenfalls ziemlich weit gefasst) sind in dem Bild vereint, gerade so wie Hell (auf Mädchenseite) und ­Dunkel (überm Totenschädel) im ­Himmel ineinander übergehen. Hans Thoma hat etwas übrig für­ große ­Symbole und Anspielungen auf Mythos und Religion.

Am erfolgreichsten war er jedoch als Maler seiner Schwarzwälder ­Heimat und kräftiger Porträts, für die das Wort "ausdrucksstark" wie geschaffen scheint. Seiner Umwelt galt der 1839 in Bernau geborene und spät zu Ruhm gelangte Künstler gar als der bedeutendste deutsche Maler der Jahrhundertwende.

Nazis schätzten regionale Motive von Thoma

Zum Verhängnis wurde Hans Thoma postum, dass auch die Nazis ihn schätzten und er mit ­seinen regionalen Motiven, den Trachten und heimeligen Landen, die viele seiner ­Bilder zeigen, bestens ins deutschtümelnde Kunstverständnis passte. Davon hat sich die Bewertung seines Schaffens bis heute nicht erholt.

Lediglich in Bernau feiern sie ­ihren Maler alljährlich mit einem ­eigenen Hans-Thoma-Fest, Museum und ­Straßennamen inklusive. Es ist in diesem Fall beim Künstler wie bei seiner Kunst: Mit jedem Blick bekommt die Blume ein Blütenblatt mehr dazu – ­eindeutig zweideutig.

Leseempfehlung

Mit Caspar David Friedrich in die Weite des Meers eintauchen
Das Kunstwerk - Die Wally und der Egon
Zeigt Egon Schiele sich und seine Lebensgefährtin hier in vertauschten Rollen? Jedenfalls geht's um aggressiven Sex
Der Wiener Maler umfasste beide mit Gold: die biblische Mörderin und ihr Opfer Holofernes. Zumindest das, was von ihm übrigblieb

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.