Ukraine-Krieg: Wie stark sind Demokratien auf dem Schlachtfeld?

Russland ist ein Scheinriese
Symbolträchtig: Zerstörte russische Panzer werden auf den belebten Straßen der ukrainischen Stadt Odessa ausgestellt.

SOPA Images/Getty Images

Symbolträchtig: Zerstörte russische Panzer werden auf den belebten Straßen der ukrainischen Stadt Odessa ausgestellt.

ODESSA, UKRAINE - 2022/08/27: People are seen walking and taking pictures near the burnt Russian T-90 tank. Units of the operational command "South" of the Armed Forces of Ukraine brought Russian military equipment burned in the battles for the independence of Ukraine for display. The T-90 tank, two transporters MT-LB, Kamaz, and armored personnel carrier are exhibited. (Photo by Viacheslav Onyshchenko/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)

Im Genderwahn und von Parteienstreit zerrissen? Auf den ersten Blick scheinen westliche Demokratien sich selbst im Weg zu stehen. Autokraten wie Putin wittern ihre Chance. Doch der Schein trügt.

Russlands Präsident Wladimir Putin scheint zu glauben, Demokratien seien schwach und verweichlicht, von angeblichem Genderwahn befallen, von Parteienstreit zerrissen und durch russische Trollfabriken manipulierbar. Eine Gaskrise, ein kalter Winter und die Demokratien würden wieder bettelnd vor seiner Tür stehen. Sein eigenes Volk hingegen, mit klarer Kante regiert, zeige sich widerstandsfähig selbst gegen das härteste Sanktionsregime.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Mag sein, dass Putin so manches gelang: ganze Gesellschaften zu polarisieren, Wahlkämpfe zu manipulieren, reiche Länder in eine Rohstoffabhängigkeit zu locken und mit seinen völkerrechtswidrigen Aggressionen gegen Tschetschenen, Syrer, Georgier und Ukrainer einigermaßen ungeschoren davonzukommen. Aber Demokratien sind lernfähig - und offenbar doch nicht bereit, alles hinzunehmen. Vielleicht spät, aber irgendwann doch ist auch bei ihnen eine Schmerzgrenze überschritten.

Weil in Demokratien alles öffentlich ausdiskutiert wird, mögen sie langsam und mühsam lernen. Dafür aber gründlich. Umgekehrt sind Autokratien kaum lernfähig und deshalb schwach, weitaus schwächer noch als Demokratien. Es fehlt schon an der nötigen Innovationsfreude. Selbst ein technisch so versiertes Land wie China ist bis heute nicht in der Lage, die ausgefeilten Computerchips westlicher Machart (vor allem die aus Taiwan) nachzubauen, von Russland ganz zu schweigen.

Korruption, Propaganda, schlechte Führung

Autokratien leiden unter Korruption. Dass die russische Armee angeblich über Jahre modernisiert wurde, ihr jetzt aber schon nach wenigen Monaten Ukraine-Krieg die modernen Waffen ausgehen, liegt wohl daran, dass zu viele Politiker ungestört in die eigene Tasche wirtschaften konnten und zu wenig von dem öffentlich zugewiesenen Geld bei der Armee tatsächlich ankam. Auch Demokratien leiden unter Korruption. Aber hier gibt es wenigstens eine freie Presse, Skandale, Untersuchungskommissionen - und keine zwingende, aber doch eine ganz gute Chance auf Besserung. Korruptionsbekämpfung steht ganz oben auf der Agenda, wenn ein Land wie die Ukraine der EU beitreten will.

Demokratien ziehen nicht einfach so in den Krieg, es sei denn - wie im Fall der Ukraine - sie kämpfen um ihre Existenz. Dann aber wissen die Leute, wofür sie kämpfen: Ihre Freiheit nämlich, so sein zu dürfen, wie sie sind oder sein wollen: widerspenstig oder angepasst, weltläufig oder national, hetero, transgender oder schwul.

Autokraten ziehen in den Krieg, um ihr Volk hinter sich zu einen. Das mag vorübergehend funktionieren. Aber spätestens bei den ersten Misserfolgen wird die Propaganda als das entlarvt, was sie ist: ein leeres Versprechen. Viele Russen mögen Putins Scharfmachereien erst zugejubelt haben. Wer es sich aber leisten konnte, hielt sich von Anfang an vom Ukraine-Krieg fern.

Wir sollten uns nicht blenden lassen

Bis in die Art der Kriegsführung zeigt sich die Schwäche der Autokratie. Die russische Armee wird zentral geführt. Brechen die Kommandostrukturen in sich zusammen, löst sich die Armee in eine Chaostruppe auf. So autonom zu agieren, wie es die ukrainischen Bataillone und auch Kompanien tun, wäre in der russischen Armee undenkbar. Anfang September zeigte sich die militärische Überlegenheit der ukrainischen gegenüber der russischen Führungskultur, als die ukrainische Armee binnen einer Woche den Südosten des Oblasts Charkiw einfach so mal überrannte.

Putins Autokratie ist ein Scheinriese. Wir sollten aufhören, uns von ihr blenden zu lassen.

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Lesermeinungen

"Dann aber wissen die Leute, wofür sie kämpfen: Ihre Freiheit nämlich". Klar doch. Wenn der Soldat vom gegnerischen Soldaten vom Leben zum Tode gebracht wurde, hat er die höchste Form der Freiheit erlangt: Er ist aller irdischen Sorgen ledig. Die männlichen Ukros im Wehralter können sogar schon eher die Früchte der Freiheit genießen, also "so sein zu dürfen, wie sie sind oder sein wollen". Wer sich nicht verheizen lassen will und an Flucht aus der Ukraine denkt, kann ganz ohne "Stacheldraht und Mauer" die eingerichteten Segnungen der Freiheit erfahren.

Die Vorstellung, die russische Armee tauge nicht viel, "...löst sich die Armee in eine Chaostruppe auf", hat schon die Fantasie anderer beflügelt. Wegen des zu erwartenden Blitzsieges im Blitzkrieg wurde schon einmal eine Armee. die gegen Russland kämpfte, weder mit Winterkleidung, noch mit wintertauglicher Kriegstechnik ins Feld geschickt. Es stellte sich tatsächlich ziemliches Chaos ein, allerdings nicht beim Iwan.

Ein Stimmungsbild dazu:

https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/erich-landzettel-russland-194243

Friedrich Feger

Werter Herr Feger, da muß ich Ihnen voll beipflichten. Der Artikel von Herrn Weitz ist in der Sache richtig, sprachlich jedoch teilweise unangemessen. Flapsige Ausdrücke wie "Chaostruppe" und "mal eben überrannt" sind in diesem Zusammenhang unpassend, ja sogar zynisch. Ein wirklicher Meister der Sprache wie Ernst Jünger hat sich in seinem Werk, trotz aller persönlichen <<désinvolture>>, niemals gegenüber dem Gegner zu solchem Bramarbasieren hinreißen lassen.
Da nicht anzunehmen ist, daß die "Chrismon"-Redakteure in der Kaffeepause Panzerquartett spielen, wird eine derartige Wortwahl wohl lediglich auf völliger Unkenntnis militärischer Sachverhalte,vor allem aber auf Gleichgültigkeit gegenüber soldatischen Wertvorstellungen und Gefühlswelten beruhen.

Herrn Weitz ist voll zuzustimmen. Allerdings unterschlägt er einen wichtigen Punkt:
Ein Scheinriese verliert nur dann seinen Schrecken, wenn man ihm von Nahem zumindest auf Augenhöhe begegnen kann. Im aktuellen Fall bedeutet dies,wie für die Ukraine richtig festgestellt, daß man über ausreichende militärische Fähigkeiten verfügt.Daraus folgt,daß der obige Satz auch in unserer Zeit weiterhin Gültigkeit besitzt.
Es wäre wünschenswert, derartige Fähigkeiten auch für unser eigenes Land eindeutiger und nachdrücklicher zu befürworten, als es dies von Seiten der evangelischen Kirche bisher üblich gewesen ist.

Recht haben ist das Eine und das Ergebnis was Anderes. Auch Großmäuler werden gehört. Und Putins 5. Kolonne ist hellhörig. Viele werden zum Opfer eines "Scheins". Danach nutzt der Irrtum nichts. Wer sich zum Werkzeug machen läßt, darf über seinen Schmied nicht klagen.

"Herrn Weitz ist voll zuzustimmen." Auch ich konnte im Artikel von Herrn Weitz fast nichts finden, wo ich mir gedacht hätte, das wird Querdenkern nicht schmecken. Also sind Erwägungen zum Thema "Beifall von der falschen Seite" sachlich nicht angebracht.

"Es wäre wünschenswert, derartige Fähigkeiten auch für unser eigenes Land eindeutiger und nachdrücklicher zu befürworten, als es dies von Seiten der evangelischen Kirche bisher üblich gewesen ist." Es fehlt doch nirgendwo bei der Pflicht jeder anständigen Kirche, der Herrschaft bei Krieg und Kriegsvorbereitung treu zur Seite zu stehen. Es kämpft wie immer das Gute gegen das Böse. Gott, die Gläubigen und die Kirchen stehen selbstverständlich auf Seiten des Guten. Also unterstützen die evangelischen Kirchen der NATO-Länder den NATO-Standpunkt und die russische orthodoxe Kirche den Russland-Standpunkt.

Das läuft richtig bilderbuchmäßig. Anständige Menschen bekommen die anständigen Verhältnisse, nach denen sie sich so sehnen. Wer also den Krieg will, muss ihn auch vorbereiten. Auf lateinisch, deutsch und russisch.

Fritz Kurz