Wie Sie mit Bus und Bahn zum Wandern in die Berge gelangen

"Über einen alten Wanderweg sind wir zur Burg gegangen"
Mit Bus und Bahn zum Wandern in die Berge

Bahn zum Berg/Zuugle.at

Mit Bus und Bahn zum Wandern in die Berge

Viele Ausflügler und Wanderer fahren mit dem Auto in die Berge. Der Verein "Bahn zum Berg" zeigt, wie es auch mit den Öffentlichen klappt.

chrismon: Herr Heppner, wo waren Sie zuletzt bergwandern?

Martin Heppner: Auf der Schneealpe mit Kollegen von unserem Verein "Bahn zum Berg". Eine Überschreitung, an der Nordseite hoch und an der Südseite runter. Echt schön.

Wie sind Sie hingekommen?

Mit Bahn und Bus. Wenn wir gehen, versuchen wir immer, neue Touren für unsere Website auszuprobieren. Es hat gut geklappt!

Wie funktioniert Ihre Website?

Wir haben einen aufwendigen Mechanismus entwickelt, der die Anfahrt zur Wandertour individuell berechnet. Geht man auf unsere Website bahn-zum-berg.de, wird relativ schnell gefragt, wo man wohnt – nicht weil wir neugierig sind, sondern weil die Seite direkt die Touren filtert, die erreichbar sind. Auf bahn-zum-berg.de schreiben wir die Beiträge selbst. Auf unserer Suchmaschine zuugle.de lassen wir unseren Mechanismus auch über fremde Tourenportale laufen und können damit alle öffentlich erreichbaren Bergtouren auffindbar machen. Neben allen Infos zur Wandertour zeigen wir in beiden Fällen auch alles Notwendige zur An- und Rückfahrt: Verkehrsmittel, Dauer, Besonderheiten. Wir achten darauf, dass zum Beispiel abends genügend Verbindungen zurück bestehen. Denn beim Wandern ist man ja nicht immer pünktlich.

Martin Heppner

Martin Heppner, 50, IT-Projektleiter aus Wien, hat mit Gleichgesinnten den Verein "Bahn zum Berg" gegründet. Seit 2015 besteht die gleichnamige Website bahn-zum-berg.at und wurde mit Hilfe staatlicher Förderungen unter anderem um bahn-zum-berg.de und die Bergtouren-Suchmaschine zuugle.at sowie zuugle.de erweitert, die mittlerweile über 8000 Touren im deutschsprachigen Alpenraum listet.
PrivatMartin Heppner

Sabine Oberpriller

Sabine Oberpriller ist freie Autorin bei chrismon. Sie studierte Deutsch-Italienische Studien in Regensburg und Triest und absolvierte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Sie interessiert sich besonders für den Austausch zwischen Kulturen, Fragen der Gleichberechtigung in der Gesellschaft – und für Menschen in besonderen Situationen.
Lena UphoffPortrait Sabine Oberpriller, chrismon Redaktion, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Wie stellen Sie die Touren zusammen?

Mittlerweile haben wir in Deutschland und Österreich 60 ehrenamtliche Tourenreporter*innen, die testen und aus persönlicher Sicht schreiben – inklusive Anreise. Wir strengen uns an, alle Hürden aus dem Weg zu räumen. Für jemanden, der die Öffi-Anreise noch nie ausprobiert hat, soll die Erfolgswahrscheinlichkeit hoch und das Frustrationsrisiko möglichst bei null sein.

Sie haben 2015 mit dem Projekt begonnen, als Sie Ihr Auto verkauft haben …

Das berufliche Umfeld hatte sich geändert, und plötzlich stand das Auto fünf Tage pro Woche in der Garage. Weihnachten ist die Zeit für meine Jahresplanungen, ich begann herumzurechnen: Öffentliche Verkehrsmittel waren billiger. Dabei hatte ich sogar für zwei Monate ein Mietauto eingeplant, weil ich mir damals nicht vorstellen konnte, die Ferienzeit mit den Kindern ohne Auto zu bewältigen. Also habe ich das Experiment gewagt. Fürs Wandern habe ich mir das Buch "Mit Bahn und Bus in die Wiener Hausberge" von Peter Backé gekauft. Gleich die erste Tour mit Öffis hat so gut geklappt, dass ich ganz begeistert war. Peter ist übrigens eines der drei Gründungsmitglieder des Vereins.

Was ist mit den Strecken, auf denen es nur wenige Verbindungen gibt und man oft umsteigen muss?

Man muss wissen, worauf man sich einlässt. Wenn man vorher nicht weiß, dass man 15 Minuten am Umstieg warten muss, dann ärgert man sich. Weiß ich es im Vorfeld, bin ich nicht negativ überrascht und kann in der Zeit Kaffee trinken oder gemütlich auf der Bank entspannen. Bis zu zwei Mal umsteigen ist okay. Was den Startpunkt betrifft, wenden wir uns allerdings eher an Städter, denn tatsächlich sind die Anbindungen oft auf dem Land komplizierter, im Moment ist das noch schwierig zu überschauen.

Worauf muss ich mich bei Bergtouren mit Öffis einstellen?

Gehen wir vom Städter aus: Ich hatte keine Garage und musste das Auto suchen gehen, vorfahren, die Familie einsteigen lassen. Und dann nimmt man immer so viel mit, wie Platz zur Verfügung steht. Ins Auto habe ich früher eine Kiste gepackt, mit den Sachen für die Heimfahrt. Mein Rucksack war trotzdem voll. Jetzt habe ich die Umziehsachen schon im Rucksack dabei, ohne dass der größer geworden wäre. Mit einem Freund, der in einem weniger gut angebundenen Viertel in Wien wohnt, habe ich ausprobiert, wer schneller ist: Er mit dem Auto oder ich mit den Öffis – da ergibt sich nicht viel Unterschied. Der Komfort macht den Unterschied.

"Im Zug kann ich die Zeit nutzen, um zu frühstücken und zu schlafen"

Aber der ist beim Auto doch höher, oder?

Finde ich nicht. Im Zug kann ich die Zeit nutzen, um zu frühstücken, zu schlafen, ich kann aus dem Fenster schauen: Zugstrecken verlaufen oft durch die Natur, man sieht viele Tiere. Als Fahrer*in habe ich keine Zeit zu schauen. Und wenn die Wanderroute an einem Hotspot wie dem Tegernsee beginnt, ist es schwer, einen Parkplatz zu finden. Die Wege vom Bahnhof weg sind oft nicht so überlaufen. Das sind schöne, verwitterte Wege, die es solange gibt wie die Bahnhöfe selbst. Ein Erlebnis! Ein längerer Fußweg? Zum Wandern bin ich ja da!

Das klingt nach Entspannung!

Und ist noch nicht alles. Ein Thema wird gern ausgespart: das Problem mit der Toilette. Mit dem Auto muss man abfahren, ein Klo suchen – und am Parkplatz bei der Wanderroute gibt es womöglich keins –, im Zug gehe ich, wann und sooft ich will. Aber was mich wirklich fertigmacht, sind die Rückfahrten mit dem Auto: Als Fahrer*in bin ich genauso müde wie die anderen. Die schlafen, das macht noch müder.

Bleiben die in Deutschland gefürchteten Zugausfälle und Superverspätungen ...

Die kenne ich auch. Verpasse ich den Zug auf der Hinfahrt: Dann mache ich heute eben etwas anderes. Auf dem Rückweg kann ich mich ärgern – oder umdisponieren und genießen, was sich mir dadurch an Erlebnissen bietet. Und muss ich meinen Tag so vollpacken, dass ich am Ende überhaupt nur den letzten Zug schaffen kann?

Sie haben eine Seite mit Angeboten für Österreich und eine für Deutschland. Werden sie unterschiedlich genutzt?

Die deutsche Seite ist erst seit Herbst 2021 online, natürlich sind die Nutzerzahlen noch nicht so hoch. Etwas fällt schon auf: In Wien ist der Bahnhof in der Wandersaison morgens voll mit Leuten mit Rucksack. In München ist das verhaltener. Und eines überrascht uns wirklich: Sonst sind die Österreicher fürs Raunzen bekannt – dass sie sich schnell über etwas beschweren. Aber die Bahn in Deutschland wird schon sehr schlechtgeredet. Zum Beispiel ist das Experiment mit dem 9-Euro-Ticket doch ziemlich cool, oder?

"Das Wissen über die Anreise mit den Öffentlichen ist bei den älteren Menschen noch da"

Na ja, das Experiment ist im Moment einmalig und zeitlich begrenzt.

Ich hole etwas aus: Ursprünglich komme ich aus Kärnten im Süden Österreichs. Vergangenes Jahr bin ich mit meiner Freundin dorthin zu einer sehr schönen Burg gefahren. Bisher bin ich immer mit dem Auto direkt zur Burg gerollt. Jetzt kam ich zum ersten Mal per Bahn, die nicht direkt dorthin fährt. Über einen alten Wanderweg durch die Felder sind wir zur Burg gegangen: Ich habe ihn sehr genossen! Die Burg ist von weitem sichtbar und man geht darauf zu. Mit dem Auto hat man diesen Ausblick nicht. Froh und stolz habe ich meinem Vater von dieser Entdeckung erzählt. "Kenn ich", sagte er nur, "früher sind wir immer so angereist." Das Wissen über die Anreise mit den Öffentlichen ist bei den älteren Menschen noch da, es ist nur durch unsere Fokussierung auf das Auto verschüttet worden. Wenn der Hype um das 9-Euro-Ticket dazu beiträgt, dass mehr Leute es wieder mit der Anreise per Bahn versuchen und entdecken, wie gut es klappt, hat es doch schon einen großen Dienst getan! Und wenn ein Kind dann erzählt, dass es erst dadurch mit der Familie Ausflüge machen kann, ist das schon ergreifend.

Sie sagen über Ihre Suchmaschine, dass sie ein riesiges Potenzial hat – wohin soll es gehen? Zum Beispiel in deutsche Mittelgebirge?

Wir haben sogar schon eine Handvoll Touren im Bayerischen Wald. Grundsätzlich können wir überall dort wachsen, wo Leute Lust haben, ehrenamtlich als Tourenreporter bei uns einzusteigen. Wir sind ein Non-Profit-Verein und es ist aufwendig, das Angebot auf diesem Niveau zu gestalten. Allein für die Hardware sind große Investitionen nötig, die wir nur mit Fördergeldern tragen können.

Sie wollen Menschen dazu bringen, die öffentlichen Verkehrsmittel zum Wandern zu nutzen. Was wünschen Sie sich von der Verkehrspolitik?

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge beobachte ich die Initiative "Wanderbus" vom Deutschen Alpenverein. Auf der einen Seite: sehr gut! Auf der anderen Seite: Wird damit nicht ein Versäumnis der Politik ausgeglichen? Wir sind ein kleiner Verein und hätten gar nicht die Mittel, einen "Wanderbus" zu organisieren. Aber aktuell haben wir eine Petition gestartet, damit der Linienbus im Yspertal auch am Wochenende betrieben wird. Dank unserer Datenbank wissen wir, welche Bergtouren mit Öffis nicht gut erreichbar sind, das wollen wir gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur in Wien nächstes Jahr auswerten und den Gemeinden Vorschläge zu besseren Verkehrsanbindungen machen!

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