Wie Ukrainer und Ukrainerinnen in Frankfurt am Main protestieren

Im Hagel gegen den Krieg
Frankfurt. Menschen demonstrieren gegen den militärischen Überfall auf die Ukraine

Constantin Zinn/EPA/Picture Alliance

Ein Demonstrant bittet am Donnerstagabend vor der St. Katharinenkirche in Frankfurt am Main um Hilfe für die Ukraine.

epa09781751 People protest against Russia's military operation in Ukraine at Hauptwache place in Frankfurt am Main, Germany, 24 February 2022. Russian troops launched a major military operation on Ukraine on 24 February, after weeks of intense diplomacy and the imposition of Western sanctions on Russia aimed at preventing an armed conflict in Ukraine. Photo: picture alliance/EPA/CONSTANTN ZINN

Überall in Deutschland protestieren Menschen, die Verwandte und Freunde in der Ukraine haben, gegen Putin. Auch in Frankfurt. Ein Stimmungsbild.

Der Wind fegt über den Platz an der Frankfurter Hauptwache. Als dann auch noch Regen einsetzt, huschen in Mäntel und Regenjacken gehüllte Passanten möglichst schnell in die nächste U-Bahn-Station. Doch einige Menschen trotzen dem Wetter und harren über Stunden in der Kälte aus.

Daniel Friesen

Daniel Friesen, Jahrgang 1998, studiert an der Freien Universität Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft. Parallel lernt er Russisch. Vom 24. Februar bis zum 15. April 2022 hospitiert er in der chrismon-Redaktion.
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Der Ukrainische Verein Frankfurt, der mit seinen Mitgliedern die ukrainische Kultur und Sprache pflegen möchte, hat an diesem Donnerstagabend, am 24. Februar 2022, zu einer Demonstration gegen Russlands Invasion in der Ukraine aufgerufen. 1500 Menschen sind laut Polizeiangaben dem Aufruf gefolgt, weit mehr als von den Veranstaltern erwartet. Viele von ihnen schwenken ukrainische Flaggen oder tragen Kleidung in den Landesfarben Blau und Gelb. Andere halten Schilder mit Aufschriften wie "Please help!" - "Bitte helft!". Oder "PUTIN = MAFIA = TERROR" in die Luft.

Die Lautsprecheranlage der Organisatoren ist weder für eine so große Menschenmenge noch für so stürmisches Wetter ausgelegt. Als der Regen gerade in einen heftigen Hagelschauer übergeht, ergreift Nicola Beer das Wort. Die FDP-Politikerin und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments spricht sich für einen Ausschluss Russlands aus dem digitalen Zahlungssystem SWIFT aus. Während hier in Frankfurt demonstriert wird, beraten die europäischen Staats- und Regierungschefs in Brüssel über Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Inzwischen hat die EU zwar weitreichende Sanktionen beschlossen, die Frage nach SWIFT aber vorerst ausgeklammert. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) argumentiert, dieses Sanktionsinstrument sei erst bei einer weiteren Eskalationsstufe sinnvoll. An der Frankfurter Hauptwache sehen die meisten in einem SWIFT-Ausschluss dagegen das wirksamste Mittel, um schnell Druck auf die russische Regierung auszuüben. "Scholz, don't be a Chicken! Stop SWIFT" ist auf einem Plakat zu lesen.

Keine Sicherheit mehr

Und so kommt Beers Position hier gut an. Nach ihrer Rede bedanken sich viele gebürtige Ukrainerinnen und Ukrainer bei der Europapolitikerin, erzählen von Freunden und Verwandten in der Ukraine und wünschen ihr viel Erfolg dabei, ihre Haltung zu SWIFT durchzusetzen. Neben Nicola Beer sind auch der ukrainische Generalkonsul Vadym Kostiuk und Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zur Demo gekommen. Lokalpolitiker von CDU und Grünen geben sich durch Buttons mit ihren Parteilogos zu erkennen. Zum Ende der Kundgebung stimmt die Menge die ukrainische Nationalhymne an. Die Politikprominenz verabschiedet sich. Doch ein harter Kern bleibt und zieht jetzt vor das russische Generalkonsulat.

Am Rande des Demonstrationszuges treffe ich zwei junge Frauen mit ukrainischen Wurzeln. Eine von ihnen hält ein blau-gelb bemaltes Stück Pappe in der Hand, darauf der Schriftzug "STOP PUTIN; STOP WAR". Sie erzählen mir von ihren Verwandten westlich von Kiew, mit denen sie den ganzen Tag immer wieder telefoniert haben. "In der Westukraine haben sie sich bisher immer sicher gefühlt. Aber jetzt gibt es in der ganzen Ukraine keine Sicherheit mehr." Heute demonstrieren die beiden Frauen gemeinsam mit einer Freundin aus Belarus, die in eine weiß-rot-weiße Fahne gehüllt ist. Es ist die Flagge der Protestbewegung gegen den belarussischen Präsidenten Lukaschenko. Jetzt drohe ein Flächenbrand in ganz Osteuropa, fürchten die drei. Unterdessen ist der Protestmarsch bereits am russischen Generalkonsulat angekommen. "Ukraina! Ukraina!" und "Stop Putin!" skandiert die Menge.

Der Wind fegt weiter durch Frankfurt, aber die Rufe sind deutlich zu hören.

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