Jugendherberge in der Corona-Krise

"Es bleibt uns nur durchzuhalten"
"Es bleibt uns nur durchzuhalten"

Janek Stroisch

Angie Sebrich, 55, in der Jugendherberge Bayrischzell-Sudelfeld: Bei uns ist viel Lebensfreude

"Es bleibt uns nur durchzuhalten"

Die Herbergsmutter ist trotz Umsatzeinbußen von 80 Prozent unerschütterlich optimistisch.

Angie Sebrich, 55, von der Jugendherberge Bayrischzell-Sudelfeld:

Wie gut, dass ich gelernt habe, Unwägbarkeiten zu meistern, weil ich mein ­Leben mal radikal geändert habe! Das war jetzt während der Corona-­Pandemie sehr hilfreich. Wir hatten in unserer Jugend­herberge Umsatzeinbußen von 80 Prozent. Im vergangenen Jahr haben wir statt 14 000 nur knapp 3000 Übernachtungen erreicht. Wir sind beide fest angestellt als Herbergseltern beim Deutschen Jugendherbergswerk und waren viel in Kurzarbeit. Durch staatliche ­Hilfen, die aber zu einem Teil zurückgezahlt werden ­müssen, und durch die große Treue unserer Stammgäste sind wir bisher einigermaßen durch die Krise gekommen. Und wir haben extrem gute Vorausbuchungen für 2022.

Persönlich überstehen wir das durch das Leben im Jetzt, die Dankbarkeit, dass meine Familie gesund ist, und durch die Zuversicht, dass wir die letzten Jahrzehnte gut gemeistert haben und wir dies auch künftig schaffen, in welcher Form auch immer. Natürlich hegt man derzeit auch mal apokalyptische Gedanken. Aber es bleibt uns nichts anderes, als durchzuhalten. Und alles dafür zu tun, dass man selbst nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist, zum Beispiel durchs Impfen.

Bei MTV hatte ich mit Promis zu tun, aber null Zeit

Jetzt ist es rund 20 Jahre her, seit wir als Herbergs­eltern in der Jugendherberge auf dem Sudelfeld in den ­Bayerischen Alpen anfingen. Damals, mit 35, war ich wohl unbewusst auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ich hatte einen gut bezahlten Job, hatte Karriere gemacht als Leiterin der Kommunikationsabteilung bei MTV, hatte mit Promis zu tun, war auf angesagten Partys. Aber ich hatte null Zeit für mich und meinen Freund, der heute mein Mann ist.

Und dann erfuhren wir durch Zufall, dass Herbergseltern gesucht wurden am Sudelfeld. Wir recherchierten, das Kräutlein begann zu wachsen. Aber ob so eine Trulla wie ich überhaupt gewollt war? Andererseits hatte ich ja mal BWL mit Schwerpunkt Tourismus und Restaurantmanagement studiert, und mein Mann ist Handwerker – das hat das Jugendherbergswerk überzeugt.

Wir haben einfach losgelegt. Und dann merkte ich, dass ich schwanger bin, mit Zwillingen. Im sechsten ­Monat per Notkaiserschnitt kamen die beiden Mädels auf die Welt, sie wurden gleich auf Intensiv gebracht, rund 40 Kilometer von uns entfernt. Dort kämpften sie ums ­Leben. Und die Jugendherberge musste am Laufen ge­halten werden, sie war unsere Existenz.

Wochenlang täglich Milchtransport nach Rosenheim auf die Intensivstation und viele lange Stunden bei den Kleinen, das zehrte. Später stand der Laufstall ­neben dem Schreibtisch, Lena und Lisa waren immer um uns, ein ­bisserl wie Wirtskinder. Unser Schritt hat mir ­Vertrauen ins Leben beigebracht. Als ich mit 45 noch einmal ­schwanger wurde, sagten die Leute: Wie mutig. Aber Lilly kam ganz komplikationslos auf die Welt.

Die Jugendherberge war lang im Dornröschenschlaf gelegen, wir konnten sie liebevoll umgestalten. Ange­fangen haben wir allerdings erst mal mit der Geschichte: Es war ein SS-Erholungshaus gewesen. Häftlinge aus dem KZ Dachau waren im Betrieb und auf der dazugehörigen Alm eingesetzt. Wir stellten eine Gedenktafel auf, auch der Schoah-Überlebende Max Mannheimer war hier.

Man muss Vertrauen ins Leben haben

Es kam viel Lebensfreude in unser Haus. Bei uns gibt es neben der klassischen Nachtwanderung auch Sonnwend­feuer oder Wandern auf den Spuren der Murmeltiere. Es herrscht eine herzliche Atmosphäre bei uns. Das mag auch daran liegen, dass wir mit allen Gästen gleich per Du sind. Gekocht wird saisonal und viel mit Bioprodukten, auch ­vegetarisch. Lustig ist es immer, wenn es Schnitzel gibt. Dann sind plötzlich nur noch ganz wenige der Gäste Vegetarier.

Heute versuche ich, einiges an meine großen Mädchen weiterzugeben. Wir haben ihnen ja vorgelebt, wie aus einem steinigen Anfang großes Glück entstehen kann. Ich möchte ihnen vermitteln: Habt den Mut, eigene Wege zu gehen. Bei mir war es damals ein Nein zur klassischen Karriere, ein Ja zu einem völlig anderen Lebensentwurf. Ich hätte mich sicher wahnsinnig geärgert, wenn ich es nicht ausprobiert hätte. Die schönen Momente haben überwogen, und ich ­habe gelernt, dass man Vertrauen ins Leben haben muss. Das will ich meinen Kindern weitergeben. Ich hoffe sehr, dass ich das schaffe.

Protokoll: Beate Blaha

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich schreibe, um Ihnen mitzuteilen, dass ich das Portrait von Angie Sebrich sehr inspirierend fand. Tatsächlich können steinige Anfänge Möglichkeiten für grosses Glück bergen. Oft glaube ich, dass man sich dessen erst viel später bewusst wird - nicht zuletzt durch Gebet und Meditation. Auf jeden Fall : vielen Dank für diese Ermutigung, nicht vor einem neuen Lebensentwurf zurückzuschrecken !
Mit freundlichen Grüssen
Herr Theophile MALLO