Bauer lernt Naturschutz

Was der Bauer jetzt alles weiß!
Was der Bauer jetzt alles weiß!

Ina Schoenenburg/Ostkreuz

Marco Gemballa, 44, in Vorpommern: "Das hat geblüht im Sommer, ein Traum!"

Seit er mit Naturschützern zusammenarbeitet, erlebt er eine Überraschung nach der anderen

Marco Gemballa:

Ich bin Landwirt durch und durch. In der Großstadt kriege ich nach sechs Stunden Platzangst. Naturschützer kannte ich früher nur von weitem. Zum Beispiel von Demonstrationen auf der ­Grünen ­Woche. Das waren so Momente, wo man eine Abneigung entwickelt hat.

Ich finde ja auch, dass man dem Artenschwund entgegenwirken muss, auch in 
der intensiven Landwirtschaft, aber für mich ist ent­scheidend, wie man miteinander umgeht. Wenn das Gespräch auf Augenhöhe ist, dann kann man von mir alles bekommen. Deswegen ist das Projekt FRANZ so toll: Da gehen Naturschützer und Landwirte das Problem gemeinsam an. Ich darf als einer von zehn Betrieben mitmachen.

Dann sage ich nicht: "Mir doch egal!"

Zuerst schauten sich die Naturschützer unsere Flächen an und zählten, welche Tiere es da gibt. Das waren Naturschützer und Wissenschaftler in einem, richtige Fachleute. Da kennt sich zum Beispiel einer nur speziell mit Käfern aus! Und wenn die sagen, wir schlagen Ihnen das und das vor, dann sage ich nicht: "Mir doch egal!" Aber als die meinten, dass ich zehn Prozent der Flächen hergeben soll für Biodiversität . . . Puh, hab ich gesagt, das wären ja 60 Hektar, also ich weiß nicht. Wir fingen dann mit fünf Prozent an, dieses Jahr sind es schon neun Prozent. Fairerweise muss man sagen, dass mir die 1000 Euro pro Hektar, die mir an Erlös für Getreide entgehen, ersetzt werden.

Die erste Maßnahme war einfach für mich: die 
Tümpel bei uns in den Äckern, um die wir vorher aufwendig drum rumfahren mussten, zu einem Biotop ­verbinden, indem wir die Fläche brach legten. Was es da für eine Explosion an Biodiversität gegeben hat! ­
Das ­hätte ich nie erwartet. Kiebitze, Braunkehlchen, jetzt ­sogar eine Rohrweihe.

Dann wollten die, dass ich im Maisfeld einen Hektar dünn mit Weizen einsäe, dort nicht dünge und keinen Pflanzenschutz mache. Nee, dachte ich, da holst du dir Disteln und Quecken auf den Acker und kriegst die nie mehr los! Es war dann nicht so schlimm mit dem Unkraut wie befürchtet. Die Feldlerchen brauchen solche offenen Flächen zum Starten und Landen. Und im Juni steht der Mais schon viel zu dicht, da kriegen sie die dritte Brut nicht hochgezogen; sie brauchen aber drei Bruten, um den Bestand zu erhalten, hab ich gelernt. Im Winter wird der Weizen stehen bleiben. Tausende Finkenvögel, die aus Skandinavien durchziehen, machen dann hier Party.

Warum nicht auch ein Betriebszweig Naturschutz?

Wenn ich davon anderen Landwirten berichten soll, dann habe ich noch nicht Guten Tag gesagt, schon haben die gefragt: Wo können wir den Antrag für das FRANZ-­Projekt abgeben? Aber es ist ja nur ein Forschungsprojekt für zehn Betriebe. Bei uns in Vorpommern wollen sehr, sehr viele Landwirte auch so was für die Biodiversität tun.

Wir alle machen seit Jahren die Agrarumweltmaß
nahmen, für die es von den Bundesländern Geld gibt. Aber ­
das ist so kompliziert! Irgendwas macht man immer falsch, dann kriegt man gleich die Hälfte der Prämie abgezogen. Wenn ich für so was begeistert werden soll, kann es doch nicht sein, dass ich über jeden zweiten Strick stolpere! Bei FRANZ ist das anders, flexibler. Da kann man den Blühstreifen auch mal später einsäen. Und man wird beraten.

Ich bin Unternehmer. Es gibt den Betriebszweig Er­neuer­bare Energien, warum nicht auch einen Betriebs­zweig Naturschutz? Die Politik soll einen Rahmen ­schaffen – dazu gehört natürlich die finanzielle Untermauerung –, dann machen wir das schon.

So kann man sich täuschen

Ich hatte im Mais auf einer großen Fläche auch eine mehrjährige Blühmischung angesät, aber dann kam 2018 die große Trockenheit, und es wuchs nichts außer Ackermelde. Sechs Hektar nur Melde! Was machen wir jetzt, hab ich Philip vom NABU gefragt. Der macht die öko­logische Begleitforschung, den kann ich immer anrufen. Machen wir das weg und machen normalen Ackerbau auf der Fläche? Lass uns warten, sagte Philip.

Und dieses Frühjahr: keine Melde mehr! Dafür ­Fenchel, Malven, Lichtnelke, Wegwarte, Natternkopf, Rainfarn. Das hat geblüht, ein Traum! Und alles voller Insekten. Wenn da Fahrradfahrer anhalten und fotografieren und sich freuen – dann ist man stolz. So kann man sich ­täuschen. Wenn man da keine Erfahrung hat, dann holt man den Pflug raus und macht die Fläche schwarz. So was kriegen wir ja in der landwirtschaftlichen Ausbildung nicht beigebracht.

Protokoll: Christine Holch

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Lesermeinungen

Sehr gern möchte ich berichten, dass mir der Artikel über den Bauer Marco Gemballa in Vorpommern ausgesprochen gut gefallen hat. Ich habe große Achtung vor Menschen, die so erfolgreich mit Naturschützern zusammen arbeiten.
Nur schade, dass das Projekt FRANZ so eingeschränkt verfügbar ist. Es wollen doch sehr viele Landwirte in Vorpommern auch etwas für die Biodiversität tun !
Hoffentlich kann hier der NABU etwas erreichen, denn wenn allein der Naturschutz bei den Behörden bleibt, werden zu viele Hindernisse und Einschränkungen durchgeführt.

Wenn ich sehe, welche Vielfalt an Pflanzen und Tieren Narco Gemballa erreicht hat, dann bin ich einfach nur glücklich und begeistert.

Ich habe diesen Artikel gerade gelesen und bin begeistert. Solche gute Beispiele tun gut.
Es ist zu wünschen, dass auch in den Städten baldmöglichst in großem Umfang bewusster mit Natur umgegangen wird. Es ist doch eigentlich unnötig Wiesen in braune kurzgeraspelte Steppen
zu verwandeln und mitten im Hochsommer üppig grünende Hecken auf ein Drittel ihrer Höhe zurückzuschneiden. Leider wird das von dem größten Teil der Wohnungsvermietungsgesellschaften und privaten Grundstücksinhabern so gehandhabt.
Man könnte beim Einschränken dieser Maßnahmen Energie und Arbeitsaufwand sparen und gleichzeitig Überwärmung von Flächen, Absinken des Grundwasserspiegels und Aussterben von Pflanzen- und Tierarten entgegenwirken