Interview: Eltern, Jugendliche und Kinder in Corona-Zeiten

"Kinder haben gelernt: Der andere ist potenziell gefährlich"
16_9_laif-21687636-highres.jpg

Daniel Biskup/laif

Abstand halten - das haben Kinder nun seit zwei Jahren verinnerlicht.

Neusaess, Landkreis Augsburg, Aufstellen mit Abstand vor der Grundschule Westheim, Schueler der 4 Klasse in der Grundschule Westheim testen sich im zweiten Corona Lockdown vor Schulbeginn mit einen Coronatest selbst. Engl.: Corona quick tests for the pupils are now mandatory at elementary schools in Bavaria, Germany, Europe, 20 April 2021. Rapid Covid tests for the pupils, self-test, Bavarian classroom in Neusaess near Augsburg, 4th grade. Pandemic measures, public health, medicine

Wie geht es in den Familien in der Corona-Pandemie, kurz vor Weihnachten und dem Jahreswechsel?

Wie geht es in den Familien kurz vor Weihnachten und dem Jahreswechsel?

Martin Bujard: Viele Familien sind an der Belastungsgrenze oder schon über diese hinaus. Die Eltern haben Kita- und Schulschließungen aufgefangen und ihre Kinder trotz aller eigenen Ängste bei Laune gehalten. Viele kümmern sich auch noch um ihre älter werdenden Eltern. Und bei alledem müssen sie in ihren Berufen arbeiten. Viele Mütter und Väter fühlen sich, als wären sie beim Marathon ins Ziel gekommen. Und dann steht da jemand und sagt: "So, und nun bitte noch ein paar Runden oben drauf!" Aber den Kindern, besonders den Jugendlichen, geht es noch schlechter als den Eltern.

Martin Bujard

Dr. Martin Bujard ist Präsident der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie e.V. (eaf), dem familienpolitischen Dachverband der EKD. Als Sozialwissenschaftler ist er Mitautor der Studie "Belastungen von Kindern, Jugendlichen und Eltern in der Corona-Pandemie".
PR

In welcher Phase der Pandemie wurden die größten Fehler gemacht?

Das waren die Schulschließungen im zweiten Lockdown. Je nach Bundesland waren die Schulen für Jugendliche, die älter sind als zwölf Jahre, vier bis fünf Monate geschlossen, von Mitte Dezember 2020 bis teilweise Mitte Mai 2021. Fitnesscenter waren längst wieder geöffnet. Es geht nicht nur darum, dass Distanzunterricht beschwerlich ist.

Sondern?

477.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren hatten Ende des ersten Lockdowns eine depressive Symptomatik – und zwar zusätzlich zu den Menschen aus dieser Altersgruppe, die schon vor Corona mit Depressionen zu kämpfen hatten. Das sind also Jugendliche, die vor dem ersten Lockdown gesund waren! Weitere Studien zeigen, dass die Belastungen im zweiten Lockdown noch mehr geworden sind. Die ganze Zeit ging es um Inzidenzen, und ja, ohne Zweifel ist Covid eine schlimme Krankheit, aber es geht eben auch um den Blick auf die ganze gesundheitliche Lage der Jugendlichen und Kinder, da spielt die Psyche auch eine wesentliche Rolle. Die Frage ist, wie es nun mit ihnen weitergeht.

"Ein Kind in der dritten Klasse hat Schule bislang kaum anders erlebt als von zu Hause aus oder mit Maske"

Und? 

Einige werden sich erholen oder haben sich erholt und eine bemerkenswerte Resilienz entwickelt. Aber viele sind immer noch isoliert – weil sie gelernt haben, isoliert zu sein. Es gibt Jugendliche, die waren 15 Jahre alt, als es losging mit der Pandemie. Mit 15 fängt man an, mit Gleichaltrigen ins Kino zu gehen, andere Dinge zu unternehmen als das Kind, das man gerade noch war. Und dann bekommt man in den folgenden zwei Jahren fast die ganze Zeit gesagt: "Triff dich nur mit wenigen Menschen! Trag eine Maske, wenn du jemanden siehst! Bleib möglichst zu Hause!" Oder denken Sie an ein Kind, das nun in der dritten Klasse ist, es hat die Schule bislang kaum anders erlebt als von zu Hause aus oder mit Maske, begleitet von langen Phasen mit der beherrschenden Frage, mit wie vielen Kindern darf, kann und sollte ich mich zum Spielen treffen. Sie haben gelernt: Der andere ist potenziell gefährlich. Das hemmt den Drang, etwas mit Gleichaltrigen zu machen. Und das können Eltern zu Hause nicht ersetzen, gerade bei Jugendlichen in der Pubertät. Viele Jugendliche müssen nun in das wirkliche, altersgerechte Leben eintauchen, Freundschaften wieder aufbauen, Lebensfreude spüren. Das ist noch wichtiger, als Bildungsdefizite aufzuholen. 

Wer hat die größten Bildungsdefizite?

Im ersten Lockdown ist über die Hälfte der Lernzeit weggefallen, im zweiten immer noch 40 Prozent. Insgesamt fehlen dadurch über zwei Monate Unterricht. Das trifft besonders die Kinder, die es ohnehin schwerer als andere haben. Entweder, weil ihre Eltern eher bildungsfern sind. Oder weil ihre Eltern zu Hause nicht deutsch sprechen. Auf etwa jedes vierte Schulkind in Deutschland trifft einer der beiden Faktoren zu, manchmal auch beide. Den Stoff nun schnell aufzuholen, birgt aber Gefahren.

Warum?

Es ist schlecht, Kinder, die ohnehin psychisch belastet sind, unter Druck zu setzen. Man hört gelegentlich Forderungen, die Ferien zu verkürzen oder Klassenfahrten zugunsten von Unterricht abzusagen. Das ist die falsche Richtung. Ideal wären aus psychosozialer Sicht möglichst viele Klassenfahrten und Ausflüge, damit die Kinder sich sozial gut entwickeln und wieder an Lebenszufriedenheit gewinnen. Inhalte aufzuholen - das geht später noch. Psychische Belastungen lassen sich nur schwer abbauen. Kinder sind keine Maschinen.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Bundesnotbremse wird oft so interpretiert, dass bei möglichen künftigen Lockdowns zunächst alles andere schließen muss – und erst dann Kitas und Schulen.

Das kann man so interpretieren, auf jeden Fall hat das Gericht erstmals ein Recht der Kinder und Jugendlichen auf schulische Bildung anerkannt und sehr deutlich auf die psychosoziale Bedeutung des Präsenzschulbetriebs hingewiesen. Dies hat auch unsere wissenschaftliche Studie gezeigt, die ich mehrfach im politischen Raum vorgestellt habe. Ich habe den Eindruck, bei vielen Akteuren in der Politik ist angekommen, wie problematisch Schulschließungen sind. Das ist ein Fortschritt. Trotzdem werden die Interessen der Kinder und Familien immer noch zu wenig wahrgenommen. Wir brauchen Kinderrechte im Grundgesetz als politisches Signal für eine aktivere Politik für Kinder und Jugendliche. Wir haben als Evangelische Arbeitsgemeinschaft Familie einen Vorschlag gemacht, wie die UN-Kinderrechtskonvention so umgesetzt werden kann, dass sie zu unserem Grundgesetz passt. Wir wollen, dass die tatsächliche Durchsetzung der Rechte des Kindes als Staatsziel genannt wird. Das hätte Symbolkraft und eröffnet eine neue Perspektive auf Kinderrechte im Sinne eines Kinder-Mainstreamings, das – wenn es in der Pandemie schon beachtet worden wäre – den Kindern im ersten und zweiten Lockdown viel Leid hätte ersparen können. Denn Kinder-Mainstreaming bedeutet, bei allen Entscheidungen die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche in den Blick zu nehmen.

"Erschöpfte Familien sind kaum ein Medienthema"

Warum übersieht die Politik die Familien so häufig?

Eben weil die Kinderrechte in der Praxis zu wenig beachtet werden und weil anscheinend die Meinung vorherrscht: Alles Privatsache, Familien kriegen das schon hin. Erschöpfte Familien sind kaum ein Medienthema. Die Produktivität des Menschen steht im Mittelpunkt und weniger sein seelisches Befinden. Zudem leben wir in einer alternden Gesellschaft. Die Menschen um die 60 Jahre sind in manchen Jahrgängen fast doppelt so stark besetzt wie einige Kinderjahrgänge.

Also erleben wir einen Generationenkonflikt?

Nein, ältere Menschen haben oftmals ja auch Kinder und Enkel. Sie wollen, dass es den Kindern gut geht. Wir haben ­eher einen Wahrnehmungskonflikt in Politik und Medien. Wenn fast nur Virologen, Modellierer und Epidemiologen in den Talkshows und Beratungsgremien sitzen, ist das ein Ungleichgewicht. Viele Virologen sagen selbst: Auch Familienwissenschaftler und Soziologen müssen Gehör finden!

Im Expertenrat der neuen Bundesregierung sind mehrere Kinder- und Jugendmediziner vertreten. Ist das eine Verbesserung?

Ja, es sind gute Leute dabei. Aber es gibt immer noch eine recht starke Fokussierung auf Modellierer und Virologen. Mir ist klar, dass wir in einer Pandemie den Rat der Virologen dringend brauchen und dankbar für ihre Arbeit sein müssen. Aber wenn Entscheidungen immer die ganze Gesellschaft betreffen, muss man verschiedene Stimmen aus der Wissenschaft hören. Sollte die Ausbreitung der Omikron-Variante dazu führen, dass Schulschließungen zur Debatte stehen, muss der Rat erweitert werden mit Menschen, die wissen, welche gesundheitlichen Folgen das für Kinder und Jugendliche hat. Und ganz unabhängig von Omikron setzen wir uns dafür ein, in Zukunft die Schulsozialarbeit zu stärken, die Familienbildung und Familienberatung auszubauen und mehr psychologische Therapieangebote zu schaffen.

Auch wenn es - erst recht mit Omikron - Impfdurchbrüche gibt, erscheinen Impfungen als einziger Weg aus der Pandemie, weil sie schwere Krankheitsverläufe vermeiden helfen. Fürchten Sie, dass die Kinder unter eine Art "Impfdruck" geraten?

Das kann sein, aber wir sollten Kindern zutrauen, in dieser Frage mitzudiskutieren, es geht ja auch um ihre Körper. Ich hoffe, dass diese Debatte in der Schule objektiver geführt wird als in der Gesamtgesellschaft, wo Impfgegner sich in abgeschlossenen Zirkeln bewegen und sich von Fakten abschneiden. Letztlich schützt die Impfung auch die Kinder und Jugendlichen und erleichtert ihren Alltag. Es ist krass, wie viele Erwachsene sich nicht haben impfen lassen, obwohl wir nun milliardenfach Erfahrungen mit den Impfstoffen gemacht haben. Das verstehen auch Kinder nicht, die sehr gern mit den Älteren solidarisch waren. Kinder müssen leider auch die Rücksichtslosigkeit der Impfgegner ausbaden.

Leseempfehlung

Die Schulschließungen im Frühjahr waren zulässig, urteilt das Bundesverfassungsgericht. Doch das gilt nicht für die vierte Corona-Welle
Die Pandemie macht Kinder und Jugendliche krank. Ein Interview mit einer Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Und das ist schade! Die Lehrerin und der Bildungsforscher wollen gleiche Chancen für alle Kinder
Die Infektionszahlen steigen, der Druck auf Ungeimpfte nimmt zu. Braucht es eine Impfpflicht? Ein Pro und Contra

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.