Das eigene Leben bilanzieren und aufschreiben - so geht's

Meine ­Gespenster und ich
Meine ­Gespenster und ich

Golden Cosmos

Meine ­Gespenster und ich

Sich den Schatten der Vergangenheit stellen? Sagt sich leicht. Zwei Menschen erzählen, was sie dabei erlebt haben. Und eine Biografin gibt Tipps, wie man sich auch an Gutes erinnert.

"Es war viele Jahre mein Problem, alles auszuhalten"

Daniela Maier, 45:

Eigentlich hätte ich mich noch gern mit meiner Mutter auseinander­gesetzt. Ihr erzählt, dass auch wir Kinder mit ihr was durchgemacht ­haben, dass ich schon als Kind traurig war, dass es mir heute aber endlich gut geht, weil ich meine jahrzehntelangen Depressionen überwunden habe. Ich hätte gern eine Aussprache mit ihr. Aber nun ist bei ihr eine ­Demenz diagnostiziert worden.

Meine Mutter kreist nur noch um sich selbst. Sie ist unglaublich enttäuscht vom ­Leben. Sie ist böse auf alle und immer vorwurfsvoll. Als sei ich schuld daran, dass sie ab dem neunten Lebensjahr von ihrem Stief­vater vergewaltigt worden ist. Als hätte ich was ­damit zu tun, dass meine Mutter sich zeit­lebens von meiner Großmutter anhören ­musste, sie habe ihr den Mann weg­genommen.

Wir wurden grundlos geschlagen

Sie wollte eine gute Mutter sein und eine harmonische Familie haben, aber sie konnte das nicht umsetzen. Wir wurden grundlos ­geschlagen und angeschrien aus kleinsten ­Anlässen. Andererseits bastelte sie viel mit uns, war mit uns in der Natur. Aber sie war nie so richtig bei uns. Sogar wenn sie zärtlich sein wollte, machte sie Sachen, die man nicht mag, steckte einem zum Beispiel die Zunge ins Ohr. Wir hatten immer Angst vor unserer Mutter, meine beiden Geschwister und ich.

Ich kann mich erinnern, wie ich mit sieben nachts an der Küchenschublade stand und mir nacheinander die Messer auf die Brust setzte, um zu sehen, welches geeignet wäre. Es hätte nicht geklappt, das weiß man ja, aber ich wollte es wirklich machen, ich hielt das Leben nicht für lebenswert.

Trotz der Depression hatte ich immer noch irgendwie Ausstrahlung, ich habe zum ­Beispiel alle Jobs bekommen, bei denen ich mich persönlich vorgestellt habe. Seit einigen Jahren mache ich die Buchhaltung für kleine Unternehmen.

Mit 27 bekam ich ein Kind und hatte drei schöne Babyjahre. Weil ich so abgelegen wohnte, meldeten wir das Kind dann aber für den Kindergarten in der Stadt bei meinem Ex-Partner an. Letztlich wuchs meine Tochter vor allem bei ihrem Vater auf. Das war nicht einfach für mich. Aber man kann ein Kind ja nicht in der Mitte durchteilen. Das Gute ­daran: Meine Tochter hat nie mitbekommen, wie ich die Kontrolle über mich verlor.

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Mit 36 wurde es extrem mit der ­Depression. Ich stand an den Gleisen, die S-Bahn war schon im Anmarsch, da meldete sich auf dem Handy der Vater meiner Tochter zurück, den ich vorher versucht hatte zu erreichen. Ich sagte ihm, was jetzt gleich passiert. Er sagte, das darfst du nicht machen, er appellierte an mein Verantwortungs­gefühl für unsere Tochter. Ich ließ mich von ihm da weg­lotsen. Dann ging es direkt in eine Klinik für Psychia­trie und Psychotherapie.

"Boah, ich bin so scheiße!" Das hab ich ganz lang als Mantra zu mir gesagt. Es hat gedauert, sich das wieder abzugewöhnen. Ich machte jahrelang Therapien. Einzeln und in Gruppen. Ja, Menschen können sich ändern. Ich war ein schwieriger Mensch. Wenn man Probleme in sich reinfrisst, explodiert man irgendwann. Ich hatte cholerische Anfälle, war auch schroff gegenüber Leuten. Da musste ich was ändern.

Ich lasse nicht mehr zu, dass ich so unglaublich traurig werde

Heute lasse ich nicht mehr zu, dass ich so unglaublich traurig werde. Ich setze mich hin und überlege: Was ist hier los? Was kann ich tun? Was muss ich loslassen?

Und ich hole Hilfe. Wenn es ganz schlimm kommt, rufe ich einen Freund an. Der hört meist einfach nur zu. Oft hilft es schon, nur zu reden, es nicht in sich reinzufressen. Ich glaube, es war viele Jahre mein Problem, ­alles auszuhalten. Ich versuchte, still an den Eltern vorbeizuleben, möglichst unauffällig und brav.

Ich schreibe sehr viel. Ohne kann ich gar nicht. Von der täglichen obligatorischen ­To-do-Liste bis hin zu gelegentlichen seitenlangen Analysen, wenn ich etwas klären muss. Ich führe auch eine Art Tagebuch, das "Logbuch". Das ist nicht nur mit praktischen Daten gefüllt – wann habe ich eine Aussaat gemacht, wann wurde die Katze entwurmt –, sondern auch mit Gefühlslagen, Fragen und Erkenntnissen. Das hat sich als hilfreich heraus­gestellt.

Die Gewalt in unserer Familie endete in der dritten Generation

Meine Tochter ist jetzt 18 Jahre alt, und sie ist toll. Das macht mich sehr stolz. Ich möchte behaupten – und ich hoffe, dass es wirklich stimmt –, dass die Gewalt in unserer Familie bei meiner Tochter, also in der dritten Generation, nicht fortgesetzt wurde. Wir haben neulich hier am Küchentisch gesprochen. Sie sagte, sie habe eine glückliche Kindheit ge­habt, sie sei nie gegängelt, nie gequält, nie geschlagen worden von Erwachsenen.

Ich bin nicht mehr in der Kirche. Ich hatte mal eine Unterhaltung mit Gott, ob er überhaupt für mich zuständig ist. Letztlich haben wir keine Übereinkunft gefunden, Gott und ich. Ich bin wohl ganz frei. Deswegen mache ich einfach so weiter. Immer wenn ich den Berg zu unserem Haus hochlaufe, spreche ich auch ein bisschen mit Gott. Und ich bete das Vaterunser.

Heute bin ich glücklich, und ich hatte den Mut zu einem ­neuen Baby. Ich bin sicher, dass mein ­lieber Mann und ich für das Kind eine gute Familie gewesen wären. Aber ich verlor das Kind kurz vor der Geburt. Das war im Frühjahr.

Den Eltern zu verzeihen sollte man irgendwann geschafft haben

Meine Mutter und ich telefonierten zum ersten Mal seit langer Zeit miteinander. Ich redete von mir, ohne gefragt worden zu sein. Immerhin hat sie verstanden, dass mir etwas Schlimmes passiert ist. Sie sagte, dass ihr Missbrauch und mein Verlust eine Ähnlichkeit für sie haben. Ich finde das nicht. Aber ich freue mich, dass sie mich wahrnimmt.

Meine Mutter hat schon immer viel über den Missbrauch gesprochen, nun spricht sie nur noch darüber. In der Demenz bleiben ja gerade die Kindheits- und Jugendjahre in Erinnerung. Das ist wirklich tragisch. Für mich ist kein Platz mehr in diesem Kopf. Mir reicht jetzt schon, dass sie mich erkennt. Und wenn das irgendwann mal weg ist, reicht mir, dass ich sie erkenne. Ich brauche ihre An­erkennung nicht mehr. Ich kümmere mich jetzt um einen Heimplatz für sie.

Vielleicht habe ich meiner Mutter bereits verziehen. Den Eltern zu verzeihen ist eine wichtige Übung. Sollte man irgendwann geschafft haben, sonst dreht man sich im Kreis. Aber dafür müssen die Eltern nicht leben. Verzeihen ist eine Sache, die von einem selbst kommt, aus dem Innersten.

* Name geändert

Protokoll: Christine Holch

"Wer verstanden werden will, muss auch über die eigenen Gefühle sprechen"

Jürgen Wiebicke, 59, kann weinen, auch vor anderen. "Ich habe eine Situation sehr präsent, da habe ich meinen Kindern mitgeteilt, dass es mit meinem Vater absehbar zu Ende geht, und da sahen sie, wie bei mir die Schleusen aufgingen."

Aber seine Eltern hat er niemals mit ­Tränen im Gesicht gesehen. Auch seine ­Mutter nicht, als sie am Grab ihres Mannes stand. "Sie hat das beklagt. Dass sie immer diesen Kloß im Hals hat." Wiebicke ist sich sicher, dass seine Mutter, geboren 1930, dieses Unvermögen, über Gefühle zu sprechen, mit vielen ihrer ­Generation gemeinsam hat, mit anderen "Kriegskindern". Auch eine gewisse Härte.

Er hatte ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter, doch inniglich wurde es zwischen den beiden erst wenige Monate vor dem Tod der Mutter. Da erzählte sie auf einmal von ihrer Jugend im Krieg. Sie erzählte und erzählte und wurde darüber ganz sanft. Sie wandelte sich derart, dass ihr Sohn von einem Wunder spricht. Das dann auch ihn verwandelte.

Natürlich hatte die Mutter auch früher schon von der Kriegszeit gesprochen. Aber in diesen Anekdoten waren schlimme Erlebnisse zu bestandenen Bewährungs­proben geworden und zu gut ausgegangenen Abenteuern. "Man spürte nicht die tiefe existenzielle Not dieser Erlebnisse", sagt der Sohn. Deswegen konnte er diesen Erzählungen schlecht zuhören. Dabei ist Jürgen Wiebicke ein guter Zuhörer, ein geschulter noch dazu. Bei WDR 5 moderiert er eine wöchentliche Gesprächssendung, bei der die Zuhörenden auch telefonisch mit­machen können – "Das philosophische Radio".

"Wer verstanden werden will, muss auch über die eigenen Gefühle sprechen", diesen Schluss zog Wiebicke aus seiner Unlust, den Anekdoten der Mutter zuzuhören.

Erst kurz vor ihrem Tod erzählte die Mutter dem Sohn alles

Aber nun, da der Bauchspeicheldrüsenkrebs der Mutter nur noch wenige Monate Zeit ließ, berichtete sie ihm von lauter Erfahrungen überbordender Gewalt – und er spürte ihr Entsetzen. Wie sie mit 13 die toten Erwachsenen sah, die im brennenden Luftschutzkeller auf Kindergröße geschrumpft waren und nun zum Identifizieren auf dem Bürgersteig auslagen. Wie sie mit 14 im Hauptbahnhof Köln den schwerstverletzten Soldaten helfen sollte, die ihre offenen Wunden mit Papier notdürftig verbunden hatten.

"Wusstest du, dass ich in dieser Zeit angefangen habe, nachts im Schlaf ganz fürchter­lich zu schreien, so sehr, dass ich jeden Morgen mit schlimmen Halsschmerzen aufgewacht bin?"

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Der Sohn wusste es, aber erst seit kurzem. Der Vater hatte ihm vor seinem Tod als Geheimnis verraten, dass er seine Frau nachts im Bett häufig lange fest umklammern ­musste, bevor sie endlich mit Schreien aufhörte. Nun sagte die Mutter es dem Sohn selbst. "Sie hat einfach keine Scham mehr gehabt", sagt Wiebicke, "sie hat keine Rücksicht mehr ge­nommen darauf, was andere darüber denken mögen. Sie hat das Leben nackt erzählt. Das fand ich so beeindruckend."

Und gleichzeitig fand er es "heftig". Denn ihm wurde klar, was auch ihn noch geprägt hat, obwohl er 17 Jahre nach dem Krieg geboren ist: die Nazipädagogik der Abhärtung.

Mit welchem Schauder und zugleich Stolz die Mutter erzählte, was sie alles ertragen ­hatte. Etwa dass sie mit 15 im Hitlerjugend-Lager frühmorgens mit nackten Füßen im Schnee strammstehen musste. Davon blieben ihr und anderen ihrer Generation als Verhaltens­muster, dass man über Schmerzen nicht spricht; dass man sich Härten abverlangt, auch da, wo es gar nichts nützt. Wie oft hatte der Sohn von der Mutter gehört, dass ihm und seinen verweichlichten Altersgenossen solch eine Erfahrung vielleicht auch gutgetan hätte.

Todesanzeige: "Ausgerechnet ihr schweres letztes Jahr war gut"

Nun, in ihren letzten Lebensmonaten, wird der Mutter bewusst, wie sehr sie durch ­diese Härte versehrt wurde. Und im Sprechen ­darüber wird sie ganz weich und froh, wie der Sohn beobachtet. "Sie gefiel mir richtig gut. Am Ende. Verrückt, oder?" In die Todes­anzeige schrieben er und die Geschwister: "Ausgerechnet ihr schweres letztes Jahr war gut".

Er hat über die letzte Zeit mit seiner Mutter ein Buch geschrieben: "Sieben Heringe. Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben". Wenn er daraus vor Publikum liest, werden manch andere seiner Babyboomer-Generation traurig, weil ihre Eltern nicht gesprochen haben. Was denn eigentlich die Bedingung dafür sei, dass es klappt, fragen sie ihn.

Das Wichtigste: Die Mutter wollte seelisch aufräumen. Und der Sohn bemerkte es. "­Hätte ich zu dieser Zeit den Kopf vollgehabt mit ­anderen Dingen, hätte ich dieses sich ­öffnende Fenster übersehen." Und dann müsse man mit der eigenen Ungeduld klarkommen. Was ­Jürgen Wiebicke schwerfiel. Aber seine ­Mutter hatte ihren eigenen Erzählrhythmus, voller Schleifen. Er durfte da nicht eingreifen.

Genauso wenig durfte er werten. "­Natür­lich darf man werten, aber im Moment des ­Hörens muss man sich immer wieder sagen: nicht ­werten, nicht werten, nicht werten! Das ­würde das Gespräch beenden." Nicht zu wider­sprechen, das hätte er wohl nicht geschafft, wären seine Eltern im Nationalsozialismus bereits erwachsen gewesen, also potenziell mitschuldig. "Da kommt es auf jedes einzelne Geburtsjahr an – ob jemand noch infrage kam, Täter zu sein oder nicht", sagt Wiebicke. "Ich konnte meine Eltern gnädig anschauen.

Jürgen Wiebicke: "Sieben ­Heringe. Meine Mutter, das Schweigen der Kriegs­kinder und das ­Sprechen vor dem Sterben", Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro

 

"Niemand hat nur Glück oder erlebt nur Leid"

Michaela Frölich hilft Menschen, sich zu erinnern und ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – in Einzelarbeit oder in Seminaren. All ihre Tipps hat sie nun in ein Buch gepackt: "Familien geschichte schreiben für Dummies", Wiley-VCH Verlag, Euro.

chrismon: Was raten Sie, wenn jemand sagt: "Über mein Leben gibt es eigentlich nichts Besonderes zu erzählen"?

Michaela Frölich: Jedes Leben ist besonders. Diese Person könnte einfach mal in den ­Themen stöbern, die in oscar­prämierten ­Filmen ver­arbeitet werden, denn ­diese ­spannenden Gegensatzpaare spielen in jedem ­Leben eine Rolle: Ruhm und Schande, Macht und Ohnmacht, Armut und Reichtum, Gesund­heit und Krankheit, Glück und Unglück, Liebe und Hass, Gewinn und Verlust.

Funktioniert das?

Ja. Erst lachen alle, weil sie ­denken: Ich in einem großen Film? Aber natürlich hat jeder und jede etwas davon erlebt.

Michaela Frölich

Michaela Frölich, ist Biografin, Ghostwriterin und Schreibcoachin. Sie hat Publizistik, Germanistik und Lusitanistik/Portugiesisch studiert. Von 1991 bis 1999 arbeitete sie als PR- und Eventmanagerin sowie in der Eventberatung. Seit 2005 war sie als Redakteurin, freie Journalistin und Autorin tätig und gibt seit 2009 Seminare und Kurse zur Biografiearbeit, zu (auto)biografischem, kreativem und meditativem Schreiben. Im Januar 2021 ist ihr Buch "Familiengeschichte schreiben für Dummies" im Wiley-VCH Verlag erschienen.  
Peter HabermehlMichaela Fröhlich

Oft bleiben Menschen vor allem die schwierigen Lebensphasen in Erinnerung. Wie kann man sich an Gutes erinnern?

Ich hatte mal eine Gruppe von 40- bis 60-Jährigen, sie wollten vor allem erzählen, was alles schiefgelaufen ist. Also gab ich ihnen diese Auf­gabe: Listen Sie mindes­tens sieben Tätigkeiten auf, die Sie damals in dieser ­schwierigen Lebens­phase ausgeübt haben, die Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zauberten. Ein, zwei Tätigkeiten fallen ihnen immer schnell ein. Dann überlegen Sie weiter: Was mache ich heute noch gern, habe ich das damals auch schon gemacht?

Sie fragen also nicht, wann jemand glücklich war?

Das Empfinden von Glück ist immer so kurz. Lieber bitte ich die Menschen, dass sie für jedes Lebensjahrzehnt – oder für ­jedes Jahr bei ­jungen Menschen – diese Sätze ver­vollständigen sollen: Besonders dankbar bin ich, dass . . . Eine gute Fügung war . . . Stolz ­blicke ich zurück auf . . . Eine Heraus­forderung, die mich weiterbrachte, war . . . Gut getan hat . . .

Toller Trick! Denn wenn ich an eine "Herausforderung, die mich weiterbrachte" denke, wende ich eine Krise ins Positive.

Ja, dann verändert sich der Blick auf das eigene Leben. Das nennt man "ressourcenorientierte Biografiearbeit". Ein wertschätzender Blick auf die Vergangenheit hilft, sich mit dem Leben auszusöhnen und die Erfahrungen für das Gelingen der Gegenwart zu nutzen. Es ist auch immer wichtig, darauf zu schauen, wer oder was geholfen hat, das Leben zu meistern.

Sie lassen die Leute in den ­Seminaren auch Lebenskurven zeichnen. Wie geht das?

Auf der liegenden Achse trägt man die Jahreszahlen ein, von der Geburt bis in Gegenwart und Zukunft. Die stehende Achse ist für die Bewertung, von negativ bis positiv. Dann ordnet man wichtige Lebensereignisse ein – waren es Höhepunkte, Tiefpunkte, Wendepunkte? Am Ende halten alle ihr Blatt mit der Lebenskurve hoch, und man sieht: Wirklich alle haben ein Auf und ein Ab. Es gibt keine Person, die nur Glück hat im Leben, und keine Person, die nur Leid erfahren hat.

Und wenn in einem Leben tatsächlich viel Leid war?

Da stellt sich die Frage, wie Sie jetzt, heute damit umgehen. Wie stark Sie Ihr Leben in Gegenwart und Zukunft davon berühren ­lassen. Das, was wir beeinflussen können, ist unsere Einstellung zu dem Erlebten. Leiden wir weiter daran, lassen wir zu, dass uns die Vergangenheit beschwert? Oder können wir lernen loszulassen, es in der Vergangenheit zu lassen?

Hilft es, das Schlimme aufzuschreiben?

Ein Kursteilnehmer sagte mal: "Wissen Sie, ich bin hier, weil ich die Gespenster ­los­werden möchte, die nachts an meinem Bett stehen." Im Verlauf des Kurses entspannte er sich ­zusehends, weil mit jeder Geschichte, die er über sein Leben aufgeschrieben hatte, mehr Dis­tanz zur Vergangenheit entstand und es ihm möglich wurde, seinen Erinnerungen ­einen ­definierten Raum auf dem Papier zu geben.

Was sind das für "Gespenster"?

Da geht es um Dinge, die einen immer wieder einholen: ein Verlust, ein ungelöster Streit, eine zu große Herausforderung, nicht gesehen worden zu sein – ob in der Familie, in der Schule oder im Beruf. Es hilft, sich die Gespenster anzugucken. Ich erinnere und durchlebe es dann noch einmal – aber aus meiner erwachsenen Sicht, aus meiner lebenserfahrenen Sicht, aus der Gewissheit, dass ich im Moment sicher bin, zum Beispiel ein Dach über dem Kopf habe, meine Familie da ist . . . Und dass ich aus der Erinnerung aussteigen kann, wenn ich mich nicht mehr damit beschäftigen möchte. Aber dadurch, dass ich es noch mal Revue passieren lasse und erzähle oder aufschreibe, gebe ich es aus mir heraus. Ich gebe ihm eine Form, ich gestalte es ein Stück weit.

Wie verhindere ich, dass ich in einer Erinnerungsschleife hängen bleibe?

Stellen Sie sich einen Wecker auf maximal 20 Minuten, um in dieser Zeit Ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Nehmen Sie sich schon vorher vor, was Sie nach der Schreibzeit machen. Etwa einen Spaziergang. Oder Sie stellen ­sicher, dass Sie jemanden anrufen können.

Muss man denn zurückschauen? Es kann für manche Menschen vielleicht auch wichtig sein, Erlebtes wegzupacken, zu verdrängen, die Schublade geschlossen zu lassen. Um seelisch zu überleben.

Ja, da gehe ich mit. Ich denke, dass "weggepackte Erinnerungen verschlossen in einer Schublade" bleiben, solange wie das für die Person wichtig ist, um ihr Leben leben zu können. Kommen diese Erinnerungen jedoch durch einen Auslöser wieder ins Bewusstsein, oder leidet der Mensch – ohne zu ­wissen, warum und an was –, dann ist die Zeit gekommen, sich damit auseinanderzusetzen. Darüber zu schreiben, kann helfen. Sich ein zugewandtes Gegenüber zu suchen, ist ein weiterer Weg. Oder es wird therapeutische Hilfe wichtig, die einen bei der Rückschau an die Hand nimmt.

"Wer über die eigene Vergangenheit schreit, lässt sie auch los und wird frei für Neues"

Wieso sollte ich überhaupt mein Leben aufschreiben?

Weil es eine großartige Erfahrung ist, über das eigene Leben und das Leben der Familie zu schreiben! Weil im Erinnern so vieles wieder lebendig wird; weil man dankbar wird für die Fülle an Erlebtem; weil manches Belastende im erneuten Durchleben und Durchdenken auch verarbeitet und aufgelöst werden kann.

Wollen auch jüngere Leute ihr Leben aufschreiben?

Ja, es gibt viele Jüngere in meinen Seminaren. Sie wollen ihre Lebensgeschichte für sich verstehen. Oder sie haben eine schlimme Krankheit überwunden oder ein schlimmes Schicksal, und sie merken, dass sie das in eine Form bringen müssen, damit sie dann auch wieder frei werden für das Leben, das vor ihnen liegt.

Der Sinn des Erinnerns ist also gar nicht nur rückwärts gerichtet?

Nein. Ich denke, dass man, wenn man über seine Vergangenheit schreibt, sie auch loslässt und damit wieder frei wird für Neues, was vor einem liegt.

Wie fange ich an?

Sie könnten sich selbst Fragen stellen. Wie also begann mein Leben? Oder: Mit welchen Worten wurde ich als Kind getröstet? Was genau hat mich an meinem Lebenspartner damals angezogen? Wie verabschiedeten wir uns morgens vor der Arbeit? Wie war meine Woche zwischen 40 und 60 aufgeteilt? ­Welche zwischenmenschlichen Aufgaben sind in ­dieser Zeit neu auf mich zugekommen? ­Welche Meilensteine der Selbsterkenntnis ­haben meinen Lebensweg gepflastert, und was war jeweils geschehen?

Damit fange ich also an, wenn ich mal so richtig Zeit habe.

Es kann schon sein, dass Ihnen das Aufschreiben leichter fallen würde, wenn alle an­stehenden Arbeiten vollbracht und Probleme besei­tigt wären. Das allerdings wird so nie eintreten. Daher nehmen Sie das in Angriff, was sich Ihnen jetzt und hier bietet. Erinnern Sie sich gerade daran, wie Sie als Kind vom Baum gefallen sind? Dann starten Sie jetzt mit dieser Erinnerung! 

Christine Holch

Chefreporterin Christine Holch studierte Germanistik / Philosophie in Hamburg, spielte Theater auf der Straße, absolvierte ein Volontariat in Hessen und Thüringen, arbeitete als Redakteurin bei der "tageszeitung" (taz) in Bremen und kam als Wissenschaftsredakteurin zum chrismon-Vorläufer "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Bei chrismon ist sie Chefreporterin. Sie schreibt gern über knifflige medizinethische Themen, aber auch über moderne Schweinemast, den Umgang von Paaren mit Geld oder über so schwierige Fragen, ob man 14-jährige Mädchen überhaupt verstehen kann, wie man sich bloß eine Patientenverfügung bastelt, oder wie man Betriebe wandelt, ohne dass am Ende alle mit den Nerven fertig sind. Außerdem ist sie zuständig für die Rubrik "Anfänge".  
Manfred Dworschak

Golden Cosmos - Doris Freigofas und Daniel Dolz

Doris Freigofas und Daniel Dolz machen als Illustrationsteam Golden Cosmos alles zusammen. Beide schauen viel zurück – um nach vorn gucken zu können. Und seit sie Kinder haben, ­durchleben sie deutlich die eigene Kindheit noch einmal.

Seminare und Kurse unter: schreibatelier-froelich.de.
Wer die eigene Lebens- oder Familiengeschichte aufschreiben lassen will, wird hier fündig: biographiezentrum.de/biographen-finden

Produktinfo

Jürgen Wiebicke: "Sieben ­Heringe. Meine Mutter, das Schweigen der Kriegs­kinder und das ­Sprechen vor dem Sterben", Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro

Seminare und Kurse unter:  www.schreibatelier-froelich.de
Wer die eigene Lebens- oder Familiengeschichte aufschreiben lassen will, wird hier fündig:  www.biographiezentrum.de/ biographen-finden

 

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Lesermeinungen

" Verzeihen ist eine Sache, die von einem selbst kommt, aus dem Innersten."
Wie wäre es mit Liebe ?
Es gibt nichts zu verzeihen. Eltern und Kinder verbindet Liebe. Wir sind keine Richter.
Egoismus ist das Hindernis auf dem Weg zum besseren Verständnis.