"Selbstbildnis mit Amor und Tod", Hans Thoma

Kunsthalle Karlsruhe

"Selbstbildnis mit Amor und Tod", Hans Thoma

Das Kunstwerk: Hans Thoma, "Selbstbildnis mit Amor und Tod" (1875)

Ein bisschen Eitelkeit gehört dazu
Der Heimatmaler Hans Thoma posiert zwischen Schädel und Amor – und deutet auf seinen überzeitlichen Ruhm.

Inspiration aus dem Totenreich, der Tod höchstpersönlich als Einflüsterer. Ein ungewohnter Anblick. Denn für gewöhnlich werden Künstler eher von ­Musen geküsst oder ein Schalk hockt ­ihnen im Nacken. Hier ist es ein Toten­schädel, der dem Maler Hans Thoma ins Ohr zu wispern scheint. Mahnt er ihn zur Eile ob seines ­nahenden Endes? Ist es der berühmte Sound des Memento mori – "Bedenke bei allem, was du tust, dass du sterblich bist" –, den das Skelett dem Künstler unters Leben legt?

Die trockenen ­Lorbeerblätter auf dem bleichen Knochen ­deuten eine weitere Interpretationsmöglichkeit an, die wesentlich ­schmeichelhafter für den Maler ausfällt: Noch weit über deinen Tod hinaus wird dein Ruhm groß sein. Ganz schön vermessen! Und zutreffend auch nur für die Gemeinde, über die Hans Thoma seine glühende ­Pinselspitze hängt: Bernau im Schwarzwald, 1839 Geburtsort des Malers. Die Bernauer feiern ­"ihren Thoma" bis heute – mit Hans- Thoma-Fest, eigenem Museum und Straßennamen.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Über die Grenzen des Schwarzwaldstädtchens hinaus ist der Künstler Thoma, der seinen Zeitgenossen um 1900 immerhin mal als einer der wichtigsten ­deutschen Maler der Jahrhundertwende galt, in Vergessenheit geraten. Zum Verhängnis wurde ihm, dass auch die Nazis ihn schätzten. Mit seinen ­regionalen Motiven, den ­Trachten und heimeligen Landen, die viele seiner Bilder zeigen, passte er ­bes­tens ins deutschtümelnde Kunstverständnis. Davon hat sich die Bewertung seines Werkes bis heute nicht erholt. Zu Unrecht, ­ wie das "Selbstbildnis mit Amor und Tod" von 1875 beweist.

Für seine Porträts ist das Wort "ausdrucksstark" wie gemacht. Hans Thoma war sich seiner Fähigkeiten wohl bewusst. Ein bisschen Eitelkeit gehört schon dazu, um sich so prominent als Künstler zwischen die großen Antipoden des Lebens zu malen. Der Tod auf der einen Seite flüstert ihm in die Ohrmuschel. ­Und auf der anderen ist es kein Geringerer als der Engel der Liebe, der das Haupthaar des Künstlers krault.

Seine Seele flattert Höherem entgegen

Macht ihn die Liebe ganz verrückt im Kopf? Immerhin sieht Amor ein bisschen so aus wie die junge Cella Berteneder, der Hans Thoma gerade einmal 19 unverheiratete Jahre gönnte, ehe er sie, so altertümlich darf man es hier wohl schreiben, sich zur Frau nahm.

Liebe und Tod – je länger der Blick über dieses Porträt wandert, desto selbstverständlicher, gerade­zu einleuchtend erscheint diese ­Verbindung. Es sind besondere Musen, die sich da treffen und den Maler inspirieren. Seine Seele jedenfalls flattert in Gestalt des bunten Schmetterlings schon aufgeregt Höherem ­entgegen. Eine schöne Vorstellung zum Schluss, weil weniger ver­messen und ruhmsüchtig: dass im Flügelschlag des kleinen Insekts etwas von der Kraft herüberweht, die dem Leben künstlerische Tiefe verleihen kann.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Chrismon-Redaktion!
Ich bin enttäuscht von der Interpretation des Kunstwerkes "Nuit de Noel", die Lukas Meyer-Blankenburg schrieb,

Mir fehlen der Blick auf das "weiße Bahnhofsgebäude,die helle Überführung der Gleise,
der Blick durch die Tür mit dem Fenster und die schwarzen Schiebetüren im letzten Waggon"..
Statt "Unerfülltes Sehnen" wäre es für mich sinnvoller von "Enttäuschter Erwartung" zu sprechen.
Der Zug fährt gerade weg, niemand steigt aus, niemand geht über die Brücke..niemand beachtet die junge blonde Frau.
Sie steht allein und verlassen unter getopften Bäumen.Die Waggontüren sind schwarz wie die Nacht.
Die Beine der einsam Wartende sind geschlossen. Sie sind nicht bereit zum Gang nach dem Ort ihrer Sehnsucht.
.
Das Gemälde ist nicht sehr kunstvoll. Es erweckt kein "unerfülltes Sehnen"l.

Der Zug erinnert vielmehr an Auschwitz und nicht an einen ICE, der von Hamburg nach Zürich durch Feld,
Wald und Wiesen, durch Berg und Tal gleitet.

Es grüßt

Dirk Römer