Wie geht es mit der Entwicklungsarbeit in Afghanistan weiter?

Der Weg zu den Herzen fängt im Kleinen an
In Afghanistan hat sich gezeigt: Lokal verwurzelte Aufbauprojekte erreichen die Menschen besser als großflächige Hilfe von oben.

Afghanistan bewegt sich "hin zu einer sichereren, stabileren und wohlhabenderen Zukunft". So stand es noch Wochen nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul auf der Website der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID. Das zeigt, dass nicht nur die Außenpolitiker und Militärstrategen in den westlichen Hauptstädten, sondern auch die Entwicklungspolitiker die Lage am Hindukusch völlig falsch eingeschätzt haben. Waren 20 Jahre zivile Aufbauarbeit umsonst?

Tillmann Elliesen

Tillmann Elliesen ist seit 2008 Redakteur beim Magazin "welt-sichten". Davor war er neun Jahre Redakteur bei der Zeitschrift "E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit". Er hat in der Friedens- und Konfliktforschung und als freier Journalist gearbeitet.
PrivatTillmann Elliesen

Vieles hat sich in Afghanistan verbessert: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich seit dem Jahr 2002 fast verdoppelt, ebenso der Anteil der Mädchen, die in die Grundschule gehen. Der Anteil der Mütter, die bei der Geburt eines Kindes sterben, hat sich mehr als halbiert.

Aber auch das hat sich gezeigt: Groß angelegte, flächendeckende Aufbauprogramme stehen in fragilen Staaten wie Afghanistan häufig auf tönernen Füßen. Sie überdecken lediglich oberflächlich die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die jene Gewalt und Instabilität erzeugen, die bekämpft werden sollen. Was von den in Afghanistan erzielten Erfolgen bleibt, ist unklar, da noch nicht absehbar ist, wie die Taliban das Land in Zukunft regieren werden.

Die westlichen Geber sollten sich mit den neuen Machthabern in Kabul arrangieren

Auf jeden Fall hat sich das Engagement am Hindukusch für die internationale Entwicklungsindustrie gelohnt. Die Hilfe internationaler Geber für Afghanistan hat sich allein in den ersten zehn Jahren der Intervention gut verfünffacht, die Hilfe aus Deutschland ist seit 2002 von gut 92 Millionen auf über 400 Millionen US-Dollar gestiegen. In Entwicklungsagenturen wie USAID oder der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit wurden viele neue, gut dotierte Jobs in der Afghanistanhilfe geschaffen.

Vor diesem Hintergrund ist der hektische Abzug auch der deutschen staatlichen Entwicklungshelfer beschämend. Die Bundesregierung und die anderen westlichen Geber sollten sich jetzt mit den neuen Machthabern in Kabul soweit arrangieren, dass sie der afghanischen Bevölkerung weiter helfen können. Grundsätzlich zeigt Afghanistan aber: Gerade in instabilen Regionen ist eine Entwicklungsarbeit von oben herab nicht sinnvoll. Die Zukunft liegt in kleineren, dezentralen Vorhaben nichtstaatlicher Hilfsorganisationen, die auf lokaler Ebene verwurzelt sind.

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