Die Angst der Afghaninnen vor den Taliban

"Die Taliban müssen sich ändern, nicht wir"
"Die Taliban müssen sich ändern, nicht wir."

Johanna-Maria Fritz/Ostkreuz

Sahraa Karimi kämpft als Filmemacherin für die Freiheit der Kunst. Und gegen die Klischees über afghanische Frauen

Die Frauen in Afghanistan haben gekämpft: für Bildung, Kultur und Arbeit. Jetzt sind die Taliban zurück - und die Angst ums nackte Leben. War alles umsonst?

Am 15. August marschierten die radikal-islamischen Taliban in Kabul ein und übernahmen die Herrschaft. Frauen berichteten ­ausländischen Medien, dass die Extremisten Mädchenschulen in Brand steckten, dass sie wieder Burka tragen müssten und das Haus nur mit männlicher Begleitung ­verlassen dürften. Mädchen über 15 würden zwangsverheiratet, auch vom Auspeitschen als Strafe für angeblichen Ehebruch ist die Rede.

Besonders in Kabul fürchteten Frauen die Rückkehr der Islamisten. Zwar zeigten sich auch hier schon vor der Machtübernahme durch die Taliban viele nur in Burka, und die wichtigsten Positionen im Staatsapparat und der Privatwirtschaft waren überwiegend von Männern besetzt. Doch in der Hauptstadt ging es wesentlich liberaler zu als auf dem Land. Hier engagierten sich Afghaninnen trotz aller Bedrohungen öffentlich. Unser Autor Thore Schröder hatte kürzlich mit einigen von ihnen gesprochen. Ob es ihnen aktuell gut geht, ob sie geflohen oder noch in Kabul sind, wissen wir nicht.

Thore Schröder

Thore Schröder berichtet als Reporter aus dem Nahen Osten für namhafte Magazine und Tages­zeitungen. Er lebt in Beirut. Bei der ­Recherche in ­Kabul beeindruckte ihn die große ­Heimatliebe der Af­gha­nen. Frei­willig verlasse ­keiner das Land.
privat

Johanna-Maria Fritz

Johanna-Maria Fritz, Foto­grafin, pendelt zwischen Berlin und dem Nahen Osten. Sie ist fasziniert ­davon, wie starke Frauen ihr Leben opfern oder riskieren, um anderen Frauen eine ­bessere Perspektive zu geben.
privat

Sahraa Karimi, Filmemacherin

 Sahraa Karimi kämpft als Filmemacherin für die Freiheit der Kunst. Und gegen die Klischees über afghanische FrauenJohanna-Maria Fritz/Agentur Ostkreuz
Der Terror ist immer präsent. Sahraa Karimi ist Regisseurin – die erste Afghanin, die in ihrem Heimatland gedreht hat. Während der 40 Drehtage in Kabul zu ihrem Film "Hava, Maryam, Ayesha" erschütterten fünf Explo­sionen die Hauptstadt. Im Juni dieses Jahres wurden ­ zwei ihrer Mitarbeiterinnen bei einem Anschlag des ­"Islamischen Staates" getötet. Sie hatten gerade an einem Kinderfilm gearbeitet. Die Haftmine explodierte unter dem Minibus, der sie nach Hause bringen sollte.

 

"Eine Freundin rief mich an", sagt Karimi. "Wir be­gannen, die beiden zu suchen, in allen Krankenhäusern der Stadt. Nachts um zwei kam ein Anruf: Es gab noch vier verkohlte Leichen, die nicht identifiziert werden konnten. Ihre Familien haben sie dann anhand ihrer Zähne und Ringe zuordnen können. Ich hatte vorher schon Freunde bei Anschlägen verloren, aber keine direkten Mitarbeiter, die ich wenige Stunden vorher noch gesehen hatte. Einen Monat lang konnte ich kaum arbeiten."

Karimi hat von US-Stellen erfahren, dass auch sie auf einer Todesliste steht. "Ich bin vorsichtiger geworden. Vor jeder Fahrt schaue ich unters Auto, auf der Straße blicke ich ständig in alle Richtungen. Die Angst kostet so viel Kraft, auch physisch. Oft kann ich nicht schlafen, oder ich starre mitten am Tag ins Nichts." Trotzdem ist sie ohne Bodyguard unterwegs. "Ich bin Filmemacherin, ich muss die Menschen beobachten, ihnen in die Augen schauen. Meine Kunst lebt von der Nähe", sagt sie.

 "Vor jeder Fahrt schaue ich unter dem Auto nach einer Bombe" -  Sahraa Karimi hat einen slowakischen Pass, sie könnte gehen. Aber es wäre eine KapitulationJohanna-Maria Fritz/Agentur Ostkreuz
Karimi ist auch Direktorin von Afghan Film. Ihr Büro liegt in Kabuls Green Zone, die durch mehrere Sicherheitsringe vom Rest der Stadt abgeschirmt ist. Aber die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – bei manchen Produktionen bis zu 300 – leben außerhalb der Mauern. Jeden Morgen zittert sie, ob die anderen zur Arbeit erscheinen.

"Das ist das Büro einer Künstlerin", sagt Sahraa ­Karimi, als sie die Blicke ihrer Besucher registriert. Es wirkt wie ein kleines Museum der Filmgeschichte. Auf einem Tisch steht ein alter Siemensprojektor, an der Wand hängt eine Filmrolle zwischen Stadtansichten. "Glänzende Dinge mag ich nicht" – damit meint die 36-Jährige die neureiche ­Ästhetik, die an vielen Stellen Kabuls zu sehen ist.
Vor zwei Jahren wurde sie Direktorin der staatlichen Produktionsfirma, als erste Frau in der 53-jährigen Geschichte des Unternehmens. "Ich hatte einen Film in Afghanistan gedreht und musste hier im Büro Genehmigungen einholen. Alles war zerstört, die Leute waren unzuverlässig, es war sehr bürokratisch", erzählt sie. Als wenig später die Direktion ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich – um andere Künstlerinnen und Künstler unterstützen zu können. Angelina Jolie gratulierte ihr und schrieb, sie könne sich vorstellen, was ihre Ernennung für andere Afghaninnen bedeutet. Sahraa Karimi hatte damals bereits eine Doktorarbeit geschrieben und über 30 Filme gedreht.

Die Angst raubt alle Energie

Das hellblaue Kopftuch trägt sie lässig, dazu türkise Slipper und Ripped-Jeans. "Sei stark" hat sie auf ihren Unterarm tätowieren lassen. Karimi spricht so laut und viel, wie man es in ihrem Land selbst bei Männern nur sehr selten erlebt. Zweimal musste ihre Familie aus Afghanis­tan fliehen. Sie selbst ist in den Iran ausgewandert, doch als Ausländerin durfte sie dort nicht studieren. Mit 17 zog sie allein weiter nach Europa. Eigentlich wollte sie nach Deutschland, aber in der Slowakei sei es einfacher gewesen, Asyl zu beantragen, sagt sie. Zwölf Jahre blieb sie dort.

Das Talent, Geschichten zu erzählen, hat sie von ihren Eltern. Ihre Mutter hatte Literatur studiert und während der Talibanjahre, als Filme verboten waren, ihrer Tochter viel erzählt. "Mit so vielen Details!", erinnert sich Karimi. Als die Islamisten Mädchenschulen verboten, unterrichtete ihr Vater, ein Professor, sie heimlich weiter.

Sie hoffte weiter

2012 stellte sie in Bratislava fest, "dass die Geschichten afghanischer Frauen und der patriarchalischen Gesellschaft wichtiger für mich waren. Ich wollte Teil der Veränderung in Afghanistan sein." Ihr bekanntester Film heißt "Hava, Maryam, Ayesha" und erzählt von drei Frauen in der Schwangerschaft. Sie drehte in Kabul, vor zwei Jahren feierte der Film auf dem Festival in Venedig Premiere. Sie versuche, Klischees über Afghaninnen aufzubrechen, sagt Karimi. "Viele ihrer Probleme gleichen denen anderer Frauen auf der Welt." In den zwei Jahren, in denen sie bei Afghan Film ist, organisierte sie mit ihren Mitarbeitern ein Filmfestival und baute das von den Taliban zerstörte Archiv der Produktionsfirma wieder auf. Außerdem kämpft sie dafür, dass die alten Kabuler Kinos erhalten bleiben.

Sahraa Karimi will die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn immer mehr ihrer Bekannten das Land verlassen. Dass die USA weitere 2000 Visa für gefährdete Afghaninnen ausgeben wollen, findet sie zynisch: "Was ist denn mit dem Rest? Die bleiben zurück!" Sie will bleiben, obwohl sie einen slowakischen Pass besitzt: "Wenn ich gehe, wäre das für die Taliban ein Triumph. Ich fühle mich verantwortlich für Afghanistan, vor allem für die Frauen."

Anmerkung der Redaktion: Von Sahraa Karimi ist aktuell dieser Hilferuf zu sehen.

 

Samira R.*, Café-Besitzerin

"Ich bin dreifach gefährdet", sagt Samira R. Sie gehört zur Volksgruppe der Hazara und ist Schiitin. Die 32-Jährige trägt kurze Haare, einen Ring in der Nase und roten Lippenstift. Vor drei Jahren eröffnete sie ein Café in einem Stadtteil Kabuls, in dem sich Kosmetiksalons an Restaurants reihen. Einkäufer und bettelnde Kinder bevölkern die Bürgersteige. Damals hatte R. kaum Angst und viel Hoffnung. Der Krieg sei zwar nie ganz weg gewesen, sagt die junge Frau, aber immerhin war klar, wer der Feind ist. Dann hätten die USA mit den Taliban einen Deal geschlossen – um schließlich abzuziehen. Soll das alles umsonst gewesen sein?

2003, sie war 15, kehrte R. mit ihrer Familie aus dem Exil im Iran zurück. Ihr Vater hatte dort immer gesagt: "Wir sind hier fremd, wir gehören hier nicht her." Dann der Umzug nach Kabul. Der Schritt ins Unternehmertum. Das Café ganz nach ihrem Geschmack: Banksy-Bilder und ein Zitat des französischen Philosophen Michel Foucault an der Wand, Porträts von Hannah Arendt und Frida Kahlo. Eine Wand voller bunter Zettel, auf die alle schreiben ­können, was ihnen gerade einfällt. "Ein ganz besonderer Tag in einem angenehmen Ort" oder "Das Leben ist Liebe". Popmusik spielt, auch das war unter den Taliban streng verboten. R. hat ihr Motto mit Kreide auf eine Tafel gekritzelt: "Mein Kaffee, meine Freiheit und ich selbst sind das Zentrum dieses Lebens."

Mehrere Explosionen in der Nähe

Die Leute sollen sich im Simple Café frei fühlen. Frauen dürfen tragen, was sie wollen, und zusammensitzen, mit wem sie wollen. Keiner darf sie anmachen. "Die Taliban müssen sich ändern, nicht wir", sagt R. Den Einwand der Konservativen, dass die Städte nicht die ­Kultur ­Af­ghanistans repräsentieren, lässt sie nicht gelten. In ­jedem Land würden die Städter mit den Veränderungen ­vorangehen, sagt sie. "Wenn ich in mein Dorf fahre", sagt sie über ihre Besuche in der Heimatprovinz Bamiyan, "spreche ich mit den Frauen dort. Sie haben dieselben ­Probleme. Mit dem Unterschied, dass wir hier in der Stadt für unsere Rechte eintreten können."

Sie hat mehr als eine Explosion aus der Nähe erlebt, darunter den Anschlag auf die deutsche Botschaft 2017. 2016 war sie dabei, als der sogenannte "Islamische Staat" bei einer Attacke 80 Menschen ermordete. Es gibt ein ­Foto von diesem Tag auf ihrer Facebook-Seite: Da schlägt ­R. beide Hände vors Gesicht, als wolle sie einen Schrei ­unterdrücken. Die Augen zugekniffen, die Stirn in Falten. Wie soll es weitergehen in Kabul? "Ich weiß es nicht", sagt Samira R., "alle sind so ängstlich." Einen Fluchtplan habe sie nicht.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert.
 

Schaharzad Akbar, Menschenrechtsaktivistin

 Schaharzad Akbar: "Die Zukunft Afghanistans wurde ohne uns freie Afghanen besprochen"Johanna-Maria Fritz/Agentur Ostkreuz

Eine Ausfallstraße im Westen Kabuls. Auf den Betonmauern, die das Gebäude umgeben, ist messerscharfer Stacheldraht gezogen. ­Besucher müssen eine mehrstufige Schleuse mit Metalldetektoren, Scannern und schwer bewaffneten Wächtern passieren. Hier residiert die Unabhängige Menschenrechtsorganisation Afghanistans.

Schaharzad Akbar, 34 Jahre alt, ist die Vorsitzende und hat ihr Büro im dritten Stock der Menschenrechtsfestung. Im Herbst 2020 haben die Taliban und die Regierung ­Friedensgespräche begonnen. "Wir hatten gehofft, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, doch dann begannen die Attacken", sagt Akbar in perfektem Englisch – und erzählt, dass die Islamisten sich in ihrem Abkommen mit den USA offenbar dazu verpflichtet hatten, keine großen Terroranschläge zu verüben. Aber dann hätten sie ihre Taktik geändert und arbeiteten seitdem Todeslisten ab. ­Immer wieder wurden auch Frauen durch Haftminen ­unter Autos oder durch Kugeln getötet.

"Wir Afghanen sollten nicht auf eine politische Lösung warten müssen, damit das Sterben aufhört", sagt Akbar. Sie spricht schnell und druckreif. Das lernte sie während des Studiums in Oxford. Schaharzad Akbar war die erste Afghanin, die an der britischen Eliteuniversität einen ­Mas­ter erwarb, 2011. Danach arbeitete sie als Journalistin für BBC Afghanistan, gründete und leitete die afghanischen Vertretungen internationaler zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich für Demokratie, Bildung und Menschenrechte einsetzen, und wurde Beraterin von Präsident Aschraf Ghani.

Sie fühlte sich ihrem Land verpflichtet

Im Mai wurde eine Mädchenschule in einem der ärmsten Viertel Kabuls, ganz in der Nähe ihres Büros, ­angegriffen. Mindestens 90 Menschen wurden getötet, darunter viele Schülerinnen. Der Anschlag schmerzte sie auch, weil er die Hoffnung so vieler Frauen ­zunichtemachte, es würde besser werden.
Schaharzad Akbar wurde 1987 im Norden Afghanis­tans geboren und floh mit ihrer Familie vor den Taliban nach Pakistan. Als die Taliban gestürzt wurden, kehrten sie zurück. Sie sagt, sie sei privilegiert aufgewachsen, trotz der Fluchterfahrung: "Denn meine Eltern haben in meine Bildung investiert, ganz gleich, was im Land passierte."

Wenn jetzt wieder massenhaft Menschen flüchten, sich Anschläge auf Zivilisten häufen, die Freiheit für Frauen schrumpft, rufe das auch das Trauma ihrer eigenen Kindheit wach, schrieb sie Ende Juli auf Twitter. Aber sie gebe jeden Tag alles dafür, das Blatt zu wenden. "Angst ist nicht genug." Schaharzad Akbar fühlt sich ihrem Land verpflichtet.

Früher habe ihre Stimme bei großen Sitzungen gezittert, sagt sie. Doch sie habe daran gearbeitet. "Wenn keine einzige Frau oder nur sehr wenige in einem Raum sind, wird es dort keine Gespräche über Frauen- oder Menschenrechte für die Zukunft dieses Landes geben." Genauso verhalte es sich mit Kriegsopfern. Und das sei auch das Problem des sogenannten Friedensdeals zwischen den Taliban und den USA vor zwei Jahren: "Die Zukunft Afghanistans wurde besprochen, ohne dass wir freien Afghanen daran teilnahmen. Die Verhandlungsparteien konnten sich nicht verantwortlich fühlen für die Menschen im Land."
Sie und ihre Familie zahlen einen hohen Preis für ihr Engagement. Um etwa ihren zweijährigen Sohn zu ­schützen, zeigt sie sich nie mit ihm in der Öffentlichkeit. Es ist ein Alltag wie im Käfig. "So können wir nicht ewig weiterleben", sagt Schaharzad Akbar zum Abschied.

 

Zala Zazai, Polizistin

Die Fotos in Flecktarn oder Uniformjacke, die Zala Zazai von sich auf ihrem Smartphone zeigt, sehen etwas komisch aus. Nicht weil Uniformen für eine junge Frau grundsätzlich unpassend wären, sondern weil sie zu groß sind und unförmig an ihr herunterhängen. Denn in Afghanistan dürfen eigentlich nur Männer diese ­Kleidung tragen – ein ungeschriebenes Gesetz, eine von vielen ­Konventionen.

 Zala Zazai: "Mein Leben ist in Afghanistan. Ich will nur die Rechte, die mir dort zustehen."Johanna-Maria Fritz /Ostkreuz
Zala Zazai ist klein, vielleicht 1,55 Meter, gerade mal 23 Jahre alt – und sehr mutig. Mit 21 wurde sie ­Offizierin und Vorsitzende der Strafverfolgung in Khost, einer ­islamisch-konservativ geprägten Stadt knapp fünf Auto­stunden südlich von Kabul. Zazai wurde ausgelacht. ­Gefragt, ob sie überhaupt mit ihrer Dienstpistole ­schießen könne. Aufgefordert, ihre sowieso locker sitzende Uniform länger zu machen, um alle weiblichen Formen zu ­bedecken. Sie wurde bedroht und beschimpft. Der ­Geheimdienst überprüfte jeden Tag ihr Büro, nachdem Todesdrohungen eingegangen waren.

Sie hatte den Beruf an einer Polizeiakademie im ­türkischen Sivas erlernt, weil sie fürchtete, in den afghanischen Polizeischulen belästigt zu werden. "Zu sehen, wie Männer und Frauen selbstverständlich ­zusammenarbeiten, Schulter an Schulter, hat mich geschmerzt", sagt sie über das Training in der Türkei, "aber es hat mir auch gezeigt, was möglich sein könnte hier im Land."
Schon als kleines Mädchen träumte sie davon, ­Polizis­tin zu werden. Sie und ihre drei Schwestern mussten mit­ansehen, wie der Vater ihre Mutter geschlagen hat, und konnten nichts tun. "Ich wollte helfen, anderen Frauen zu helfen", sagt sie, "das konnte ich besonders in Khost, weil die Gesellschaft dort so konservativ ist." In der Provinzhauptstadt nahe der pakistanischen Grenze war sie die einzige Frau unter 500 Kollegen. Trotz aller Gleichstellungs­bemühungen gab es unter den Angestellten bei der afghanischen Polizei Ende des Jahres 2020 gerade einmal 2,8 Prozent Frauen, die weitaus meisten in der Verwaltung.

Zazai erinnert sich an ein Mädchen, das zu ihr kam und um ihre Hilfe bat, als sie in Khost Dienst tat. Die Jugendliche wollte Medizin studieren, aber ihre Eltern hatten sie bereits einem Mann zur Heirat versprochen. "Ich habe dem Vater gedroht, die Sache strafrechtlich zu verfolgen, also hat er sie gelassen." Allein dafür habe sich ihr Einsatz gelohnt.

 Die Polizistin musste ihren Offiziersposten und schließlich sogar das Land verlassenJohanna-Maria Fritz/Agentur Ostkreuz
Zazai konnte nur wenige Wochen auf dem Posten ­bleiben, dann wurde es lebensgefährlich. Es waren nicht nur die Taliban, die ihr Hassbotschaften schickten – man wolle ihre Fingernägel herausziehen –, auch bei Facebook wurde sie als Hure beschimpft. Für die Männer in der streng religiös geprägten Provinz war eine Frau mit Autorität ungewöhnlich, für nicht wenige unerträglich. "Was für eine Mutter sind Sie, dass Sie Ihre junge, ­unverheiratete Tochter Polizistin werden lassen", wurde die 45-jährige Spesalai Zazai gefragt. Beim Interview an einem geheimen Ort in Kabul sitzt sie neben ihrer Tochter und nickt pausenlos, während Zala erzählt.

Sie floh in die Hauptstadt und versteckte sich. Doch die Drohungen hörten nicht auf. "Ich wollte meine ­Familie nicht gefährden", sagt Zala Zazai. Also bat sie die UN- und die EU-Vertretung um Hilfe bei der Suche nach einem ­sicheren Ort. Vor drei Monaten entschied sie sich, das Land zu verlassen. Sie wohne jetzt in Tadschikistan, schreibt sie über Whatsapp. Freunde unterstützen sie finanziell, damit sie sich eine kleine Bleibe in der Hauptstadt Duschanbe leisten kann. Verwandte dort hatten sich geweigert, sie aufzunehmen. "Aber ich möchte ja auch gar nicht hier sein", sagt Zala Zazai. Und sie schreibt: "Mein ganzes Leben ist in Afghanistan. Ich will doch nur die Rechte haben, die mir dort zustehen."

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