Kommentar: Diversität bei den Oscars

Divers statt gut?
Wurden bei den Oscars bewusst möglichst viele Minderheiten ausgezeichnet? Nein, die Preise spiegeln nur die Realität wider.

"Das Sein bestimmt das Bewusstsein", hat Karl Marx einst geschrieben. Daher ist es wenig verwunderlich, dass die amerikanische Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die seit nunmehr 93 Jahren die Oscars verleiht, bislang vor allem weiße Männer ausgezeichnet hat. Immerhin besteht die rund 9000 Mitglieder große Runde vor allem aus selbigen. Der Männeranteil lag 2020 bei 68 Prozent. Nur 16 Prozent gehörten einer Minderheit an. Und das, obwohl die Academy seit Jahren bemüht ist, den Anteil an Frauen und ethnischen Minderheiten in der Jury zu erhöhen.

In den fast 100 Jahren Oscar-Geschichte durfte mit Chloé Zhao in diesem Jahr erst zum zweiten Mal eine Frau den Preis für die beste Regie mit nach Hause nehmen und zum ersten Mal eine Asiatin. Auch die restlichen Gewinner waren an Herkunft und Geschlecht gemessen vielfältiger als je zuvor.

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur bei chrismon. Nach dem Studium der Germanistik und Geografie in Bamberg sowie dem Masterstudiengang Journalismus in Mainz hat er in den Redaktionen von chrismon und epd volontiert. Praktika führten ihn zur "Allgemeinen Zeitung" Mainz, zum "Fränkischen Tag", SWR-Fernsehen, HR-Hörfunk sowie den Kinozeitschriften "Cinema" und epd Film. Er interessiert sich besonders für die Themenfelder Politik, Gesellschaft und Kultur.
Lena UphoffMichael Güthlein, chrismon-Redakteur

Schon liest man in sozialen Netzwerken und Kommentarspalten die Kritik, dass offenbar nicht mehr die besten Filme und Schauspieler:innen ausgezeichnet wurden, sondern eine möglichst diverse Gruppe.

Natürlich ist es subjektiv, was nun wirklich der allerbeste Film eines Jahres war. Aber wenn im Topf nur weiße Männer sind, wird am Ende auch ein weißer Mann aus dem Topf gezogen. Da die Academy nach der Kritik von 2015 und 2016, sie sei zu weiß-lastig (#OscarsSoWhite) gezielt mehr weibliche, schwarze und diverse Mitglieder aufnehmen wollte, spiegelt sich das offenbar auch in einem geweiteten Blick auf mögliche Nominierte wider. Und wenn am Ende mehr diverse Menschen nominiert werden, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie auch gewinnen.

"Das Kino ist ein Spiegel der Gesellschaft"

Preise sollten nach Leistung und Qualität vergeben werden, das ist richtig. Nur wenn das Ergebnis dann zufällig nicht nur weiße Männer sind, hagelt es Kritik aus der reaktionären Ecke - als ob Schwarze und Asiat:innen nicht in der Lage wären, gute Filme zu produzieren.

Gewonnen haben bei den Oscars letztlich auch die Filme, von denen es die meisten Buchmacher zuvor erwartet hatten - bis auf eine Ausnahme: Der Preis für den besten Hauptdarsteller ging nicht postum an den schwarzen Chadwick Boseman für "Ma Rainey's Black Bottom", sondern an Anthony Hopkins - einen, im besten Sinne, weißen alten Mann.

Von daher ist die Kritik, der Preis würde nunmehr nur noch an möglichst diverse Schauspieler:innen, Regisseur:innen und Filme vergeben und nicht an den jeweils besten der Kategorie, ziemlich engstirnig. Das Kino ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und die ist - nicht nur in den USA - bunt.

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