Mail aus Betlehem: Leben mit der Pandemie

Das Krankenhaus jenseits der Mauer
Posteingang - Bethlehem

Mostafa Alkharouf / ddp images

Palästinenser, die in Israel arbeiten, wurden zuerst geimpft. Hier warten sie auf ihre Impfung

Posteingang - Bethlehem

Corona in der Besatzungszone. Die Palästinenserin Ursula Mukarker berichtet aus Betlehem.

Bis vor einigen Tagen war ich noch in Quarantäne. Ich hatte Corona – und mit mir ein ­großer Teil meiner Großfamilie. Sehr schlimm hat es meinen Schwieger­vater getroffen. Er konnte kaum noch atmen. In unserem Krankenhaus in Bethlehem konnten sie ihm nicht ­helfen. Die hiesigen Kliniken sind für schwierige Fälle nicht ausgestattet. So war unsere einzige Hoffnung ein Krankenhaus im zehn Kilometer entfernten Jerusalem. Palästinenser dürfen aber nicht ohne Sondergenehmigung durch die Maueröffnung. Wir beantragten diese bei der israelischen Militärverwaltung, zum Glück klappte es, was nicht selbstverständlich ist.

Ursula Mukarker

Die Palästinenserin Ursula Mukarker, die in Deutschland studierte, ­leitet ein Trauma­hilfezentrum in Bethlehem. Sie ­arbeitet mit der deutschen Stiftung Wings of Hope (www.  wings-of-hope.de) zusammen.
Jonas OpperskalskiUrsula Mukarker

Mein Schwiegervater wurde mit einem Krankenwagen zum Checkpoint gebracht. Er war fast ohne Bewusstsein. Sanitäter brachten ihn in einer Trage rüber auf die israelische Seite. Dort wartete ein zweiter Krankenwagen, den wir telefonisch bestellt hatten. Mein Schwiegervater hatte einen Geldbetrag von umgerechnet 7000 Euro in der Tasche – eine Vorabzahlung für das Jerusalemer Krankenhaus. Ohne diese wäre er nicht behandelt worden. Palästinenser müssen medizinische Behandlungen in Israel selbst bezahlen.

Mein Schwieger­vater wurde künstlich beatmet, es geht ihm jetzt ein bisschen besser, sagen uns die Ärzte am Telefon. Es ist hart, dass er allein dort ist. Mein Mann versuchte zweimal zwecklos, eine Genehmigung zu bekommen, um seinen Vater zu besuchen. Auch mein Antrag wurde heute zurückgewiesen.

Ob wir Impfstoff bekommen?

Die Pandemie trifft hier ein Land, dessen Bevölkerung zu großen Teilen unter starkem wirtschaftlichem Druck steht. Bethlehem lebt von Pilgern und Touristen. Die Beschränkungen haben wir anfangs als nicht so einschneidend erlebt. Durch die ­israelische Besatzung kennen wir so etwas wie Ausgangssperren, Kon­trollen und Gebietsabriegelungen sehr gut. Das Planen haben wir schon lange aus unserem Leben gestrichen. Beim ers­ten Lockdown schienen wir alles im Griff zu haben, aber die zweite Welle kam sehr aggressiv. Wir wissen nicht, ob wir Impfstoff bekommen werden. Dieses Gefühl der Ungewissheit, des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht ist schwer auszuhalten. Familiäre Gewalt stellte jetzt eine besonders große Herausforderung dar.
Ich denke, viele Palästinenser:innen haben durch die belastende Situa­tion der vergangenen Jahrzehnte eine gewisse Resilienz entwickelt. Doch wie lange diese halten wird, bleibt offen.

Leseempfehlung

Eine Palästinenserin leitet ein Traumazentrum in Bethlehem
In Bethlehem betreut Ursula Mukarker jene, die Gewalt erfuhren, Kinder verloren, an seelischen Wunden leiden
Auslandspfarrer Wilko Hunger berichtet, wie Südafrika durch die Pandemie kommt
Japan ist normalerweise schnell und effizient. Die Corona-Impfungen begannen aber sehr gemächlich

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.