Debatte um die Priorisierung bei Corona-Impfungen

Impft die Eltern, jetzt!
Wenn alle davor warnen, dass Kinder das Virus in die Familien tragen, dann muss man Mama und Papa mit Vorrang impfen.

Das Münchner ifo-Institut hat errechnet, dass Kinder und Jugendliche drei Stunden weniger lernen als vor Corona - pro Tag. Und das Kinderhilfswerk UNICEF warnt vor den gravierenden Konsequenzen der Corona-Pandemie für die Kinder. Die Warnungen sind gut gemeint, aber ich denke nur noch müde: "Ja, ach was?"

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Wir Älteren könnten uns ja mal einen Moment lang fragen, was wohltuend normal für uns war, als wir klein waren: Freunde treffen! Toben! Sport im Verein machen! Mit Gleichaltrigen die Welt entdecken, von ihnen lernen! Schule war manchmal nervig, aber auch ein Ort, an denen wir uns selbst und andere besser kennengelernt haben.

Das geht alles nicht mehr. Es gibt Kinder, die seit Mitte Dezember (!) nicht mehr in der Schule waren, weil Schulen eben nicht uneingeschränkt offen sind - und bald schon wieder flächendeckend geschlossen sein könnten, wie es die Bundes-Notbremse noch in dieser Woche festschreiben soll.

"Soll man dem 16-Jährigen hinterherspionieren, der Gleichaltrige in der Garage des Freundes trifft?"

Egal, wie Eltern und Kinder in diesen Wochen und Monaten entscheiden - sie machen es falsch. Darf die Achtjährige, deren Geburtstag schon im vergangenen Jahr ausgefallen ist, vielleicht doch drei Kinder einladen, mit Selbsttest? Was wird der Nachbar dazu sagen, dem auf Twitter kein Lockdown streng genug sein kann? Soll man dem 16-Jährigen hinterherspionieren, der Gleichaltrige in der Garage des Freundes trifft? Soll man ihn, nach Monaten, allen Ernstes ins Zimmer sperren? Das schlechte Gewissen - ein steter Begleiter.

Hinzu kommt eine Berichterstattung, die seit Pandemiebeginn einen Fokus auf die Kinder legt, der teilweise schon fast einem Fetisch gleichkommt. "Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern", titelte Spiegel.de kürzlich (und änderte die Zeile dann kurz danach wieder ab - war wohl doch zu krass). Am Tenor der Warnungen ändert das nichts. Nun, da viele Ältere zum Glück geimpft sind, würden bald die Eltern die Intensivstationen belegen, weil sie ihre Kinder in Kita und Schule geschickt und sich bei ihnen angesteckt haben. Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warnt, Eltern seien auf Covid-Stationen "keine Rarität mehr".

Aber es gibt einen Lichtblick: die Impfungen, über die eben jener Karl Lauterbach sagt, sie verhinderten schon nach der ersten Dosis schwere Krankheitsverläufe - was dem leidgeplagten medizinischen Personal schnell helfen würde. Kindern und Jugendlichen bleiben sie allerdings noch vorenthalten, für sie sind derzeit keine Vakzine zugelassen. Deshalb ist es Zeit, die Impfpriorisierung zu ändern: Impft die Eltern, jetzt!

Das hat viele Vorteile: Eltern haben viele Kontakte – zu Hause und in der Arbeitswelt, die Homeoffice-Lösungen sind oft schwierig (davon abgesehen, dass man zu Hause nicht arbeiten kann, wenn Kinder am Hosenbein hängen). Eltern sind eine klar definierte Gruppe, der Nachweis ist - in Deutschland mal ganz was Neues! - fix und unbürokratisch zu erbringen, Geburtsurkunde reicht! Und es geht schnell, in den kommenden Wochen sind Millionen Impfdosen avisiert. Sind Eltern geschützt, können auch die Kinder zur Normalität zurückkehren.

Ja, andere müssten dann länger warten. Die Älteren, Generation 50+. Aber mit ihnen waren Familien nun mehr als ein Jahr lang solidarisch. Da darf man erwarten, dass sich diese Menschen nun einige Monate länger als gedacht aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Wohlgemerkt: Angesprochen sind Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die keine Vorerkrankungen haben. Wer besonders gefährdet ist, muss weiterhin vor den Eltern geimpft werden können, klar.

Ein Bild habe ich deutlich vor mir: Restaurants, in denen sich die Älteren bald schon munter zuprosten, während unsereins abends erschöpft vor die Tür geht, um noch ein letztes bisschen von dem zu erleben, was früher mal Normalität hieß.

Das haben wir Eltern nicht verdient.

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