Henriette Reker über Hass, das Attentat und ihre Aufgabe

"Ich ärgere mich, aber angemessen"
Fragen an das Leben - Henriette Reker

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Henriette Reker

Henriette Reker hat erlebt, was wirklich schlimm ist. Gegen verbale Angriffe ist die Kölner Oberbürgermeisterin seit dem Attentat unempfindlicher geworden.

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Henriette Reker: Wenn ich mit jungen Leuten spreche, wenn sie ernsthaft meine Betrachtungen hören wollen. 2019 hatten wir in Köln den Klimanotstand ausgerufen. In einer Diskussion mit Fridays for Future erklärte ich, warum die Klima­krise nicht die höchste Priorität haben könne. Wäre das so, dürfte man keine Fläche versiegeln – und dann könnten wir in Köln keine Schulen mehr bauen. Lebendig fühle ich mich auch, wenn ich 1000 Höhenmeter aufsteige. Das ist für mich inzwischen schwierig, wenn ich nicht trainiert bin – und ich bin nicht trainiert. Aber ich bekomme ein ganz anderes Körpergefühl, abends habe ich warme Füße.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Wenn etwas passiert, für das ich dankbar bin, zünde ich im Dom eine Kerze an – zuletzt nach meiner Wiederwahl. Stehe ich an einer Weggabelung, frage ich mich: Welchen Weg würde unser Freund Jesus einschlagen? Das ist für mich eine Orientierung: Wie möchte ich selbst sein? Wie kann ich sinnvoll leben? Kinder erziehen oder eine Aufgabe in der Gesellschaft übernehmen, das hat einen Sinn. Ich habe ungewollt keine Kinder. So ging ich vor 20 Jahren in die Verwaltung, dort kann ich helfen, dort kann ich für andere da sein. Eine Weggabelung war auch nach dem Attentat die Entscheidung: Will ich unter diesen Umständen Oberbürgermeisterin sein? Mein Mann hat mich das gefragt, im Krankenhaus, bald nachdem ich aufgewacht war. Es hat vielleicht zehn Sekunden gedauert, dann hatte ich meine Antwort: Ich hatte so viel Glück, Gott hat mit mir etwas vor, ich habe noch eine Aufgabe zu erledigen.

Henriette Reker

Henriette Reker, geboren 1956, ist die einzige Oberbürger­meis­terin einer Millionenstadt in Deutschland. Nach dem Jurastudium arbeitete sie bei der Holzberufsgenossenschaft und einer Innungskrankenkasse. 2015 wurde sie als Parteilose ins Amt der Oberbürger-meis­terin von Köln ­gewählt und 2020 ­darin bestätigt. 2015 stach ein Rechtsextremist Henriette Reker am Tag vor der Wahl nieder, er durchtrennte ihr mit einem Jagdmesser die Luftröhre. Sie lebt in Köln und ist ver­heiratet mit dem australischen Golftrainer Perry Somers.
Dirk von NayhaußHenriette Reker

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Muss man den Tod fürchten?

Nein, den Tod nicht. Aber ich fürchte Isolation durch Verlust von Hörfähigkeit, Augenlicht, Immobilität, Gedächtnis. Ich habe das mit meiner Mutter in ihren letzten drei Monaten erlebt. Zum Glück waren es nur drei Monate. Vor gut fünf Jahren war das Attentat, der Täter durchtrennte nahezu komplett meine Luftröhre. Ich hatte damals keine Angst vor dem Tod. Aber ich hatte Angst, ich könnte querschnittsgelähmt sein und käme mit dem Rollstuhl nicht durch die schmale Badezimmertür. Ich wundere mich selbst, welche Gedanken man in so einem Moment hat.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Uneigennützige Liebe. Die man mit Freunden erleben kann, die ich mit meinem Mann erlebe, der mich versorgt und hingebungsvoll um mich herum agiert.

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Es gibt diese Glücksmomente, wenn ich ganz in der Natur aufgehe. Ich erinnere mich konkret an eine Situation, wo ich bei 15 Grad minus allein über eine frisch verschneite Piste gefahren bin. Die glitzerte, es war unglaublich, ich war wie in einem Edelstein. Das war so ein Glücksgefühl, das mich durchströmte! Das würde ich gern noch einmal erleben. Wobei das ja nichts ist, was man anstreben kann, das kommt ganz plötzlich von selbst. Man kann aber Rahmenbedingungen schaffen. Ich würde gern nach Australien ­reisen, in die Heimat meines Mannes. Im Pazifik, auf einem Longboard liegend, über eine Welle gleiten, ganz allein – vielleicht überkommt mich dann dieses Glücksgefühl.

"Unrat muss man vorbeischwimmen lassen"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Wenn ich Menschen verletze, dann bitte ich sie aufrichtig um Entschuldigung. Und reflektiere das so lange, bis für mich sicher ist, dass sich das nicht wiederholt. Es ist wichtig für die eigene Hygiene, dass man sich Fehler eingesteht. Und man darf Fehler machen, man darf nur keine wider den Geist machen. Vertrauen und Wahrhaftigkeit sind eine wichtige Währung, die darf man nicht enttäuschen.

Wer oder was hilft in der Krise?

Zuverlässige Gesprächspartner. Die Möglichkeit, tatkräftig zu handeln. Und, dass einer danach guckt, wie es uns geht. Nach dem Attentat hat mich die unglaubliche Welle der Sympathie aufgebaut, die von den Kölnern kam. Und ich bin unempfindlicher geworden gegen verbale Angriffe, die mich früher sehr getroffen hätten. Ich muss alles Mögliche ertragen. Es sei eine Schande, dass ich auf dem Stuhl Konrad Adenauers sitze, bekam ich zu hören. Aber ich sage dann immer: "Unrat muss man vorbeischwimmen lassen." Ich ärgere mich, aber angemessen. Ich habe erlebt, was wirklich schlimm ist, das Attentat fühlte sich an wie eine Hinrichtung. Das andere ist unangenehm, aber nicht so schrecklich.

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