Annette Frier über Liebe, Nächstenliebe und Erwachsensein

"Mich noch mal neu kennenlernen"
"Mich noch mal neu kennenlernen" - Annette Frier

Dirk von Nayhauß

"Ich fühle mich beschenkt, das Glas ist meistens voll" - sagt die Schauspielerin Annette Frier

"Mich noch mal neu kennenlernen" - Annette Frier

Das wünscht sich die Schauspielerin Annette Frier. Es gibt ja vieles, das man nur erahnt. Da möchte sie einen Blick hineinwerfen und herumreisen . . .

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Annette Frier: Wenn ich für einen kurzen Moment weiß, wo der Hase langläuft. Ich schaue gleichzeitig auf ganz schöne und ganz schreckliche Dinge. Ich kann denen zuwinken, und die winken zurück. Ich bin im Frieden mit mir, mit der Welt, mit den Doofmännern. Bin ruhig und ganz wach. Fühlt sich an, als wäre ich Teil einer Welle.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Das Erwachsensein strengt mich so an! Meinungen und Urteile von morgens bis abends. Immer dieses Beharren auf dem eigenen Standpunkt. Und immer Antworten, ­Antworten, Antworten. Das ist eine unglaubliche Kombi­nation aus Aggression und Langeweile. Kinder stellen ­Fragen. Die schreien auch herum und sind anstrengend, ich will das nicht romantisieren, aber mit neuer Neugier auf das Leben schauen, ist die Essenz von allem. Am Ende des Lebens willst du doch nur wissen: Hatte ich und ­hatten die Menschen um mich herum eine gute Zeit? Vermutlich bin ich auch Schauspielerin geworden, weil ich mir unbedingt eine Leichtigkeit erhalten will, das Spielerische.

Annette Frier

Annette Frier, geboren 1974, ist Schauspielerin und Komikerin, als ­freche Anwältin "Danni Lowinski" gelang ihr 2010 der Durchbruch. Seit 2018 ist sie in den TV-Serien "Ella Schön" und "Merz gegen Merz" zu sehen. 2019/20 entstand die Doku "Unvergesslich", bei der sie einen Chor für Menschen mit Demenz begleitete. Sie wurde vielfach ­ausgezeichnet: "­Deutscher Fernsehpreis", "Deutscher ­Comedypreis", "­Bayerischer Fernsehpreis" und "Bobby der Bundesvereinigung Lebenshilfe". Annette Frier ist ­verheiratet mit dem Drehbuchautor ­Johannes Wünsche, sie sind Eltern von Zwillingen.
Dirk von NayhaußAnnette Frier

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich möchte es schöpferische Kraft nennen. Es ist ein Spektakel, was allein in jeder einzelnen Zelle geschieht. Wenn man sich vorstellt, was da los ist – wie kann man dann das Schöpferische verneinen? Ich müsste mir mit beiden Händen die Augen zuhalten, um nicht anzuerkennen, was da pulsiert. Der Glaube, auch das Gebet, helfen, weil ich dadurch im Austausch bin, ich bin nicht mehr allein. In Momenten großer Einsamkeit ist es, als käme Licht in die Dunkelheit. Ich kann meine Sorgen ins Universum abladen. Es kann unglaublich erleichternd sein, einfach loszulassen und abzugeben.

Muss man den Tod fürchten?

Wenn alles gutgeht, werde ich meine Eltern überleben. Ich war acht Jahre alt, als mir das klar wurde. Es war ein totaler Schock, ich war der einsamste Mensch auf dem Planeten. Ein großer Halt waren damals die biblischen Geschichten mit ihrer Botschaft: Es gibt jemanden, der dich trägt. Ich glaube an eine Kreislaufbewegung. Energie kann nicht sterben, das ist unmöglich. Manchmal spüre ich, wie Verstorbene ganz nah bei mir sind. Ich könnte meinen Vater ja direkt mal fragen: "Papa, muss ich Angst haben vor dem Tod?" – "Nein, musst du nicht." Zack, die Antwort kam prompt. Ich spüre ihn noch, wie er mich berührt hat, hier an der Schulter.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Jede Liebe macht mich glücklich. Die größte Herausforderung ist vielleicht: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Schwer, das bei den Menschen zu empfinden, die man furchtbar findet. Ganz selten gelingt es mir. In solchen flüchtigen Momenten habe ich das Gefühl: Jetzt fliegt das einmal um die ganze Erde. Ich glaube fest daran, dass ich einen anderen nur lieben kann, wenn ich mich selbst liebe. Und ich brauche diese Liebe, um einigermaßen aufrecht durchzukommen. Würde ich heute Nacht sterben, wäre das eine Katastrophe, aber ich könnte im Frieden gehen. Ich fühle mich beschenkt, das Glas ist meistens voll.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich habe eine relativ dreiste Lebenseinstellung: Ich nehme mir viel. Jeder sollte das tun. Ich arbeite gerade in ­Berlin und sehe meine Kinder knallhart elf Tage nicht. Ich nehme Schuldgefühle in Kauf. Wer schöne Rollen spielen und Kinder haben will, der kriegt manches nicht mit – einen Elternabend, ein Trompetenvorspiel. Gut, hat auch Vorteile, merke ich gerade. Ich kaufe dann Geschenke, ich rufe an, und dann gibt es noch einen Facetime-Anruf und ein Video. Viel hilft viel.

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Es wäre toll, wenn ich mich noch mal neu kennenlernen würde. Es gibt vieles, das man nur erahnt. Dort einen Blick reinzuwerfen und herumzureisen – das wäre schön. ­Konkret werden auf den Zwischenebenen, die das Leben zu bieten hat, die wir aber nicht anrühren, weil wir zu ängstlich sind. Dazu gehört es, in die Stille zu gehen. Die auszuhalten fällt mir schwer. Stille bedeutet absolutes ­Zulassen, alle Widerstände ablegen, die Waffen strecken. In der Stille ist viel los. Ich bin gespannt, was auftauchen wird.

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Lesermeinungen

Ich habe den Beitrag im TV gesehen in dem Frau Frier den Chor der an Demenz erkrankten Menschen begleitet hat. Ich betreue selbst solche Menschen ehrenamtlich und deshalb war ich sehr berührt von dieser Dokumentation. Ich habe ein vollkommen anderes Bild von Frau Frier gewonnen. Sie ist in meinen Augen ein sehr warmherziger Mensch, der echtes Interesse an dem Schicksal anderer Menschen nimmt. Vielen Dank. Davon müßte es noch mehr Menschen geben.

... ich hab dieselben Ansichten wie Fr Frier, nur - ich kann die Stille aushalten - und schöpfe nicht aus dem Vollen -, ist das gut oder schlecht? senden Sie ihr das mit lieben Grüßen? K.

Hallo Chrismon-Team!
Ich mag einfach so "Typinnen" wie die Ella Schön, gespielt von der Schauspielerin Annette Frier.
Ella Schön hat das sogenannte "Asperger Syndrom" eine Autismus-Spektrum-Störung, d.h. eine Kontakt- und Kommunikationsstörung. Soll heißen, Ella Schön tut sich schwer, mit anderen Menschen zu interagieren, sich in sie hineinzufühlen und Empathie zu zeigen. Sie passt nicht in die Norm, sie ist irgendwie anormal, sie fällt durch alle Raster!
Hans Asperger (1906-1980), ein österrischer Kinderarzt und Heilpädagoge gilt als Erstbeschreiber dieser Form des Autismus. Seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus gilt als umstritten.
Annette Frier überzeugt mich in dieser Rolle und von Martina Eisenreich und Maurus Ronner kommt die Filmmusik zur Serie.
Das Martina Eisenreich Quartett habe ich in Erlangen auch schon live erlebt!