Schauspielerin Margarita Broich über (Un)Glück und schlechtes Gewissen

"Ich kann die Leiter hochklettern und einfach in der Mitte sitzen bleiben"
Margarita Broich

Foto: Dirk von Nayhauß

Margarita Broich

Karfreitag fand die Schauspielerin Margarita Broich furchtbar. Was ihr heute Glück bedeutet

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Je älter ich werde, desto lebendiger fühle ich mich. Früher sind mir manchmal die Stunden zwischen den Fingern zerronnen, es war alles so fließend. Heute gelingt es mir viel öfter, den Moment wahrzunehmen. Zu den schönsten Seiten in meinem bescheidenen Leben gehört, dass ich die Leiter hochklettern und dann wieder herunterklettern kann, und manchmal bleibe ich in der Mitte sitzen. Bin ich irgendwo eingeladen, wo ich eigentlich nicht hingehöre, dann sage ich vielleicht dem Bundespräsidenten Guten Tag; am nächsten Tag gehe ich mit meinen Jungs zum Badminton. Und natürlich ist der Beruf einfach toll, weil ich dadurch übersteigert lebendige Momente erlebe. Man kann sterben, ohne zu sterben; man kann gebären, ohne zu gebären. Man kann so viele Sachen antesten.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Meine Kinder sind meine Erfüllung. Ich hätte nie gedacht, dass ich Kinder haben darf, es hieß, ich sei medizinisch nicht in der Lage. Ich bin zwei Mal schwanger geworden, auf das eine Kind habe ich neun Jahre gewartet. Meine Jungs sind zwei geschenkte Knaller. Ich verbringe wahnsinnig gern meine Zeit mit denen, überhaupt mag ich den Umgang mit Kindern. Man lernt, dass man nicht alles erledigen kann, was man sich vornimmt. Die Kinder haben mich verändert. Ich bin ein geborener Messie, in meiner Jugend war ich katastrophal unordentlich, also schon lebensbedrohlich, würde ich sagen. Kleider habe ich wochenlang auf einen Haufen geworfen, Teetassen nicht gespült, Aschenbecher standen herum. Das habe ich korrigiert, als das erste Kind da war.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

"Hat das Leben einen Sinn?“

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Politikerinnen und Schriftsteller, Sängerinnen und Schauspieler, Musikerinnen und Sportler sprechen in diesem Buch freimütig über ihre Begeisterung und ihre Zweifel, über magische Momente und tiefe Krisen und warum es immer wieder ein Glück ist, sagen zu können: Ich lebe.

Dirk von Nayhauß, Ich lebe - Wofür es sich lohnt, edition chrismon, 12,90 € (erscheint am 15. März 2016)

 

Ich wurde total religiös erzogen, also wirklich spektakulär katholisch. Ich war jeden Sonntag in der Kirche, war immer beichten. Als ich etwa zehn Jahre alt war, habe ich am Karfreitag Gummibärchen auf dem Kreuzweg geopfert, an jeder der Leidensstationen Christi. Karfreitag wurde bei uns zu Hause kaum geredet, kaum gesprochen, keine Musik – nichts. Und eine wirkliche Katastrophe ­in meinem Leben war sehr lange, dass ich am Karfreitag das erste Mal mit einem Mann geschlafen habe. Ohne Trauschein – sehr viel schiefer konnte die Sache nicht verlaufen. Ich lache jetzt, aber das war grauenvoll. Mit den Jahren ist mir dann der Glaube abhandengekommen, der ist so langsam abgerutscht. Ich hätte ihn gern, denn es ist ja toll, wenn es einem schlechtgeht und man kann es woanders hinpacken. Ich kann aber auch nicht alles von mir weisen, ich gehe manchmal in die Kirche. In der Natur kriegt man natürlich erhabene Gedanken, da wird man angenehm still und hat das Gefühl, es handelt sich um göttliche Funken – aber wahrscheinlich ist es einfach Natur.

Muss man den Tod fürchten?

Ich glaube schon, die ist schon ziemlich endgültig, diese Nummer. Ich möchte mich nicht vordrängeln, ich bin fünfundfünfzig, da wird die Sache allmählich enger. Es ist merkwürdig, aber Situa­tionen, in denen es um den Tod geht, rücken einen näher ans Leben. Bei meinem Sohn bestand vor vielen Jahren der Verdacht, er könnte einen Gehirntumor haben. Es war dann gar nichts, aber diese Tage waren die Hölle. Nach solchen Erlebnissen intensiviert sich das Leben. Ich muss mich nur an diese Situation erinnern und weiß: Die Abwesenheit von Unglück ist schon großes Glück.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Bis ich zwölf Jahre alt war, lebte ich mit meinen Eltern innerhalb eines Franziskanerklosters, mein Vater war Arzt in der Lungenheilanstalt des Klosters. Das lag im Westerwald, eine grauenvolle Gegend, in meinen Erinnerungen ist alles dunkel. Immer musste ich zur Beichte, und immer habe ich Rad geschlagen, wenn ich von der Beichte kam, weil ich so erlöst war. Ich finde das noch heute skandalös, dass sich dieser Mönch von mir, einem kleinen Kind, alles angehört hat. Ich hatte solche Angst, dachte: Wieso sagt der nicht zu mir, es ist nicht so schlimm. Nein, immer nur dieses: Oh, oh, oh. Darunter leide ich letztlich noch immer, ich bekomme noch immer schnell ein schlechtes Gewissen.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Ich würde gern eine große Fotoreportage machen, wie ich mir das früher vorgestellt habe: Man kriegt von einem Magazin Geld und kann drei Monate verschwinden. Städte, Landschaften, Menschen fotografieren.

Margarita Broich spielt Auguste van Pels in "Das Tagebuch der Anne Frank". Der Film läuft seit dem 3. März 2016 in den Kinos.

Margarita Broich

Margarita Broich, geboren 1960, studierte Fotodesign in Dortmund und Schauspiel in Berlin. Seit 2015 ermittelt sie als „Tatort“-Kommissarin in Frankfurt am Main. Ihre Fotos von Schauspielern, zumeist kurz nach der Vorstellung aufgenommen, erschienen in dem Buch „Alles Theater“. Im Kino ist sie in dem Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu sehen. Sie lebt mit ihrem Partner, dem Schauspieler Martin Wuttke, und den gemeinsamen Söhnen in Berlin.
Foto: Dirk von Nayhauß

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