Leonard Cohens Song "Hallelujah" - und Trump

"Hallelujah!"
Dieser Evergreen taugt nicht als Herzensöffner für schräge Botschaften.

Eigentlich schön, wenn Gott gelobt wird. Nur wenn ganz und gar weltliche Interessen das Gottes­lob überschatten, kann es verstörend sein. Als die Republikanische Partei ihren Kandidaten Donald Trump nominierte, schmetterte der Tenor­sänger Christopher Macchio mit großem Pathos ­Leonard ­Cohens Song "Hallelujah" vom Balkon des Weißen Hauses. Der Präsident und seine Familie ­blickten ­hinauf, eine grandiose Inszenierung.

Uwe Birnstein

Von Uwe Birnstein erschien soeben das Buch "Hallelujah, Leonard Cohen" im Verlag Neue Stadt (132 Seiten, 16 Euro)
Maren Kolf

Leonard Cohens Nachlassverwalter sind empört. Sie hatten eine Nutzung des Songs für diesen Zweck ausdrücklich untersagt. Anwältin Michelle L. Rice ­erklärte, sie sei "überrascht und bestürzt" über diesen "ziemlich dreisten Versuch, ‚Hallelujah‘, eines der wichtigsten Lieder im Cohen-Liederkatalog, zu politisieren und auf so ungeheuerliche Weise auszu­nutzen". Hätten die Republikaner "einen anderen Song, ,You Want it Darker‘, angefragt, hätten wir die Zustimmung in Betracht gezogen." In diesem Lied lässt der am 7. November 2016 verstorbene kanadische Sänger ­seinem Weltschmerz freien Lauf: ­Alles werde nur dunkler.

Es ist erstaunlich, in welchem Maße Cohens Welthit "Hallelujah" verkitscht und missbraucht wird. Eigentlich ist er eine tiefsinnige Reflexion über die Abgründe des Lebens: über die sündhafte Liaison des biblischen Königs David mit der verheirateten Bat­seba, über den Zusammenhang von Sex, Gott und Liebe, von Freiheit und Besessenheit. Das Lied ist ein mitreißendes ­Plädoyer für Demut und gegen jede Art von Triumpha­lismus: Die Liebe ist kein Siegesmarsch und jedes ­Gotteslob immer nur ein "gebrochenes ­Hallelujah".

Leider verführt die eingängige Melodie dazu, das Lied als Herzensöffner für eigene Botschaften zu missbrauchen. Dieser Versuchung konnte kürzlich auch Ex-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege nicht wider­stehen. Nachdem er auf der Münchner Theresien­wiese 10 000 Kritiker der Corona-Politik aufgepeitscht hatte, versuchte er, sie mit dem Lied "Hallelujah" in spirituelle Wallung zu bringen. Das klang ziemlich kläglich.

"Hallelujah" sei "ein guter Song, aber jetzt sollten die Leute aufhören, ihn weiter zu singen!", sagte Leonard Cohen einmal. Schade, dass ihm dieser Wunsch noch nicht mal nach seinem Tod erfüllt wird.

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