Arnd Brummer über Gottesdienste

Freut euch! Halleluja
Beim gemeinsamen Abend mit Freunden merkt Arnd Brummer, was in Gottesdiensten eigentlich wichtig ist - und oft fehlt.

Regine und Jo sind ­"alles andere als Gottesdienstfans".Eigentlich betreten sie am Sonntag ­eine Kirche nur, brummelt Jo, "wenn es unbedingt sein muss". Was bedeutet "unbedingt"? Pfarrerstochter Regine: "Weihnachten, Ostern, Hochzeiten, Trauerfeiern oder wenn in unserem Örtchen ein Jubiläumsfest mit einem Gottesdienst verbunden ist."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Regine fühlte sich schon in ihrer Jugend unwohl, wenn sie "aus fami­liären Gründen sonntags da rein­musste. Papa Pastor hat einen ganz ordentlichen Job gemacht. Dass aber in der gesamten Liturgie stets betont wurde, wie unvollkommen wir als Menschen sind, half mir überhaupt nicht." Dass die beiden nach wie vor Kirchensteuer zahlen, ergänzt Jo, ­liege an der Qualität der "organi­sierten Nächstenliebe, vor allem in der ­Diakonie. Wenn Sterbens­kranken, Behinderten und Ge­flüchteten ge­holfen wird, sind wir mit unseren Euros gern dabei."

Ich kann die beiden gut ver­stehen. Auch ich erlebe Gottesdienste in ­vielen Fällen nicht als Verkündigung der Frohen Botschaft. Gebete, vor allem Fürbitten, verströmen weder Glauben noch Liebe oder Hoffnung: "Herr, wir haben in dieser Woche wieder Leute mies behandelt. Wir ­waren egoistisch, neidisch, gemein. Bitte lass uns weniger sündig sein. Wir bitten dich, erhöre uns!"

Es sollte zu erkennen sein, ­warum ­Menschen im Sinne ­Jesu Christi zusammenkommen

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein solcher Text im ­Gottesdienst Platz findet. Einen Platz! Drum herum sollte jedoch der Grund zu erkennen und zu spüren sein, ­warum hier ­Menschen im Sinne ­Jesu Christi zusammenkommen: Nähe und seelische Wärme. Mir fallen dazu stets die Lieder des Kantors Martin Gotthard Schneider ein. Sein bekanntester Song "Danke" schaffte es 1963 in die Charts.

Als ich den Titel dieses Liedes ­nenne, erkennen Regine und Jo, wie nah wir beieinander sind. Sie lächeln und prosten mir zu. Und dann singen wir laut und fröhlich: "Danke für ­alle guten Freunde, danke, o Herr, für jedermann. Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann." Wir schauen einander in feuchte Augen. Schneiders swingende Musik untermalt seine Texte, wie man es sich besser nicht vorstellen kann. Das haben wohl auch die Punkrocker "Die Ärzte" erkannt und den Song in den 90er Jahren richtig populär gemacht.

Gottesdienste sollten den Menschen Kraft spenden

Gottesdienste sollten den Menschen Kraft und Hoffnung spenden. Lasst euch nicht unterkriegen! Bleibt fröhlich und zuversichtlich! Jo grinst. "So gesehen veranstaltet Regine zwei- bis dreimal im Monat Gottesdienste." Auf meinen fragenden Blick reagiert sie sofort. "Rede doch keinen Blödsinn, Jo! Wenn ich Leute auf unsere Terrasse zu ein paar Gläschen Wein oder Bier einlade, geschieht das ohne jedes kirchliche Gehabe!"

Ich kann Jo nur zustimmen. ­Humor, menschliche Wärme und wahre Gastfreundschaft prägen Regines Abende. Deshalb sitze ich auch heute wieder hier. Und ich bitte sie herzlich, sich mit diesem Modell auch in ihrer Kirchengemeinde zu enga­gieren. Dann könnten doch ­einige Menschen tatsächlich zu ­Gottesdienstfans werden. Halleluja!

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Brummer,
ich habe 22 Jahre an der Musikhochschule in Freiburg unterrichtet und kannte natürlich Martin Gotthard Schneider. Er war eine in jeder Beziehung eindrucksvolle, autoritätsgebietende Persönlichkeit. Ich hatte aber auch mit seinen Studenten zu tun, und da hat mir einer mal verraten, dass Schneider sein "Danke"- Lied im Nachhinein nur ganz schrecklich fand. Auch wenn es, gemessen an dem, was an neuen Chorälen inzwischen Einzug in die Gottesdienste gehalten hat, fast noch als musikalische Perle zu bezeichnen ist!
Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Christa Siebert-Freund