Interview zu den Gemeinsamkeiten von Corona- und Klima-Krise

Die Jungen so: "Wir haben euch geschützt!"
Streitfälle - Interview Klima

Stefan Boness / Ipon

Corona-Vorsorge und Klimaprotest – für manche passt das zusammen

Streitfälle - Interview Klima

Und nun sollen die Alten an die Jüngeren denken. Kira Vinke schlägt im Interview einen Corona-Klima-Vertrag vor, um die Jugend vor den Auswirkungen der Erderwärmung schützen - und aus der Pandemiebekämpfung Lehren fürs Klima zu ziehen

chrismon: Worum geht es im Klima-Corona-Generationenvertrag?

Kira Vinke: Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, steigt mit dem Alter an. Beim Klima ist es genau umgekehrt: Die jüngeren Generationen werden die Auswirkungen der menschgemachten Erderwärmung, die wir heute schon erleben, mit voller Wucht spüren. Vor einem Jahr gab es noch Streit, ob Schülerinnen und Schüler freitags für Klimaschutz demonstrieren dürfen. Von März bis zum Sommer haben wir sie dann für Monate aus der Schule genommen. Wenn man Kindern so ein Opfer abverlangt, stehen die Älteren beim Klimaschutz in der Pflicht.

Was erwarten Sie von den Älteren beim Klimaschutz?

Dass sie sich mit den jüngeren Generationen solidarisieren und von der Politik fordern, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen, oder den European Green Deal unterstützen. Und vielleicht auch mal auf eine Flugreise verzichten, so wie es jetzt von Abiturienten und anderen jungen Menschen verlangt wird. Die "Grandparents for Future" sind hier ein gutes Beispiel.

Dr. Kira Vinke

Dr. Kira Vinke ist Politikwissenschaftlerin und leitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) eine interdisziplinäre Projektgruppe zur Klimamigration. Sie ist zudem Co-Vorsitzende des Beirats für zivile Krisenprävention und Friedensförderung der Bundesregierung.
PrivatDr. Kira Vinke

Und das soll ein unsichtbarer Vertrag regeln, den niemand je unterschreiben würde?

Es geht um ein Symbol, aber man kann sich natürlich auch vorstellen, so einen Vertragsschluss feierlich zu begehen.

Im Sommer haben die jungen Leute schon wieder gefeiert, oft ohne Abstand. Die Solidarität, die Sie beschwören, hat nicht lange gehalten.

Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der jungen Leute rücksichtslos war. Man kann ja auch verstehen, dass es einen Drang nach Gesellschaft gibt. Aber es ist unverantwortlich, den so auszuleben, dass man andere gefährdet. Man weiß, dass auch Menschen, die selbst kaum oder keine Symptome haben, andere anstecken können. Dieses Wissen schafft eine Verantwortung, auf andere Rücksicht zu nehmen.

"In weniger als acht Jahren wird das 1,5-Grad-Ziel unerreichbar."

Wie viel Zeit bleibt uns noch, um die Klimakrise einzudämmen?

Mit dem Klimaabkommen von Paris haben sich etwa 190 Staaten dazu verpflichtet, die Erderwärmung zu begrenzen – möglichst auf höchstens 1,5 Grad mehr gegenüber den Temperaturen vor der Industrialisierung. Bei einem Grad an Erderwärmung sind wir schon. Wenn wir weiterhin so viel Kohle, Öl und Gas verbrennen wie bisher, haben wir in weniger als acht Jahren die Menge an Treibhausgasen freigesetzt, von der an dieses 1,5-Grad-Ziel unerreichbar wird. Um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, dürften wir nur noch annähernd 25 Jahre so weitermachen wie jetzt. Das ist sehr beängstigend.

Warum?

Wir können nicht von heute auf morgen auf null gehen, wir müssen unsere Energiesysteme umstellen, die Landwirtschaft, unsere Ernährung, die Art, wie wir mobil sind und wie wir bauen – das sind alles langwierige Prozesse. Deshalb ist es so wichtig, nun endlich anzufangen.

"Wissenschaftliche Modelle helfen uns, präventiv zu handeln."

Sehen Sie in der Corona-Krise eine Chance für den Klimaschutz?

Bei Corona hat man in Italien oder in den USA gesehen, was passiert, wenn der richtige Moment für eine Intervention verpasst wird. In der Pandemie ist der Wissenschaft eine besondere Rolle zugekommen. Epidemiologische Modelle helfen uns, präventiv zu handeln. Auch in der Klimawissenschaft zeigen uns Modelle, dass es in zehn, 20, 30 Jahren zu extremen Veränderungen kommen wird, die dann auch nicht mehr umkehrbar sein werden. Gletscher und Eisschilde können wir nur noch jetzt noch schützen. 

Abstand halten, Lüften, Atemmasken schützen uns vor dem Virus - fürs Klima müssen wir das System umbauen. Das ist nicht vergleichbar!

Ich will die Corona-Maßnahmen nicht kleinreden, sie hatten tiefgreifende Konsequenzen für jeden. Sie haben aber auch gezeigt, dass jeder Einzelne einen Einfluss aufs Ganze hat.

Haben die Corona-Maßnahmen dem Klima geholfen?

An einigen Tagen waren wir bei 17 Prozent Reduzierung an Treibhausgasemissionen, aber wenn man das übers Jahr mittelt, bleibt davon nicht viel. Wenn man bedenkt, wie einschneidend die Nebeneffekte waren, sind die Reduktionen an Treibhausgasen nur moderat. Das zeigt: Wirtschaftseinbruch und Minuswachstum lösen nicht das Klimaproblem.

Was erwidern Sie Menschen, die sagen: "Wenn Corona glimpflich ausgegangen ist, wird es mit dem Klimawandel auch so kommen!"?

Wer eine Krise verhindert, hört hinterher: War ja nicht so schlimm. Beim Klima müssen wir schauen, was in anderen Ländern passiert, die noch viel weniger als wir zum Klimaproblem beigetragen haben. Dort sind die Veränderungen jetzt schon extrem.

Zum Beispiel?

Auf den Marshallinseln traf ich ein Paar, das mit Baby in die USA ziehen wollte, um dort in einer Hühnerfabrik zu arbeiten. Unfreiwillig tauschen sie das - unserer Vorstellung nach - Paradies der einsamen Insel gegen die Arbeit in einer fremden Kultur, weil die Böden in ihrer Heimat durch den Meeresspiegelanstieg versalzen sind.

"Meine Kolleginnen und Kollegen werden regelmäßig bedroht."

Der Virologe Christian Drosten wurde zu Beginn der Corona-Krise von einigen zum Helden ernannt, später aber auch bedroht. Passiert Ihnen das als Forscherin auch?

Ich habe unfreundliche Mails und Beleidigungen bekommen, Kolleginnen und Kollegen werden regelmäßig bedroht. Das hat viel mit der Zunahme an Hasskommentaren im Internet zu tun, wo man sich hinter Bildschirmen und Displays verstecken kann. Leider säen Lobbyverbände gezielt Zweifel an der Klimaforschung, um die Gesellschaft zu verwirren. Es ist leicht, eine schicke Website zu gestalten und dort den größten Quatsch der Welt zu erzählen, der in sich keine Logik hat – für jemanden, der sich nicht täglich mit Klimaforschung befasst, ist es schwierig, zu unterscheiden, was wissenschaftlich hochwertig und was Lobbyismus und Meinung ist. Dabei besteht in der wissenschaftlichen Literatur zu fast einhundert Prozent der Konsens, dass der Mensch das Klima erwärmt. Klimaleugner säen Zweifel, wo keine sind. Das macht Menschen unsicher, und das macht manche Leute aggressiv. Wir müssen uns viel stärker als bisher mit der Suche nach Wahrheit befassen und brauchen dafür neue Formate.

An welche Formate denken Sie?

An interaktive Veranstaltungen, um persönlich miteinander zu diskutieren. Aber auch an eine stärkere Kontrolle in sozialen Medien. Dort werden sehr viele Falschinformationen veröffentlicht, mit sehr negativen Konsequenzen. Man kann nicht alles als freie Meinungsäußerung abnicken, was beleidigend ist oder die Realität völlig verzerrt.

"Was ist, wenn meine Enkel mich fragen: Wie konntest du die Erderwärmung zulassen?"

Was treibt Klimaforscher an?

Viele Kollegen sorgen sich um die Weltgesellschaft und die Natur. Ich bin mit ganz bestimmten Fragen an frühere Generationen aufgewachsen. Eine lautete: "Wie konntet Ihr zulassen, dass Hitler an die Macht kam?" Vor einigen Jahren lag ich eine Nacht lang wach und fragte mich: Was ist, wenn meine Enkel mich fragen: "Wie konntest du die Erderwärmung zulassen und unsere Lebensgrundlagen zerstören?" Das treibt mich bis heute an, eine sehr persönliche Motivation.

Bei Corona lehnt nur eine Minderheit die Schutzmaßnahmen ab, diese Leute sind aber sehr laut. Ist das in der Klimapolitik auch so?

Auf jeden Fall. Die meisten Menschen sind sehr wohl besorgt, weil sie zum Beispiel in den deutschen Mittelgebirgen sehen, wie viel Wald schon geschädigt ist. Gern wären sie bereit, etwas zu tun. Aber oft wissen sie nicht genau, was. Und das Handeln des Einzelnen kann nur über Vorbildfunktionen den Verlauf der Klimakrise beeinflussen. Es braucht politische und gesellschaftliche Führungspersönlichkeiten, die dieser Mehrheit eine Stimme geben und vorangehen.

Wenn die Pandemie vorbei ist, wird doch alle Welt nach Wachstum rufen. Und alle wollen ihr Glück nachholen und machen drei Kreuzfahrten hintereinander ...

Diese Pandemie ist ein Symptom einer komplexeren Krise, und zwar der Entfremdung von Mensch und Natur. Bei Corona war es der Konsum von Wildtieren, der zur Übertragung einer Krankheit geführt hat – beim Klima ist es die extreme Ressourcenübernutzung, weil wir fossile Brennstoffe verbrennen. Corona- und Klimakrise haben eine große Gemeinsamkeit: Wir merken, wie verwundbar wir als Gesellschaft und als Individuen sind. Natürlich wünschen die Leute sich eine Normalisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, das ist absolut nachvollziehbar. Aber am Wochenende hierhin und dahin fliegen und das System weiter in eine Schieflage bringen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wieder so wird.

Können die Kirchen helfen, einen Corona-Klima-Vertrag zu schließen?

Ja, weil sich dort Generationen treffen. Die Kirche will neue Mitglieder gewinnen und muss die Themen der Jungen stärker in den Fokus nehmen. Und das ist nun mal die Erwärmung. Heute ein guter Mensch oder guter Christ zu sein, bedeutet nach meinem Verständnis, dass wir eine Art Fernstenliebe praktizieren und uns unserer Verantwortung im Bereich der Klimagerechtigkeit stellen müssen.

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